„Manöver 1936“ steht in silbriger Schrift auf dem schwarzen Papier des Familienalbums unter dem Foto mit einer Gruppe von Soldaten. Sind Verwandte dabei? „Ich weiß es nicht“, sagt der 1928 geborene Mann mit fragend-freundlichem Blick. Er blättert um, auf der nächsten Seite kleben Bilder mit Fahrzeugen. „Das ist ein DKW. Den bin ich selbst auch mal gefahren. Französische Autos waren damals nicht bezahlbar.“ Mit Fahrzeugen kennt er sich aus, er war einmal Autohändler. Er nimmt sich ein anderes Album. Ein Bild zeigt ein kleines Kind. Sein Enkel? „Könnte sein.“
Könnte sein. Einst gesichertes Wissen kann der an Alzheimer erkrankte Mann im Frankfurter Altenzentrum Santa Teresa nicht mehr abrufen. Es ist weg. Er sitzt an einem der Tische im Gemeinschaftsraum des Flügels, in dem Demenzkranke wohnen. Altenpflegerin Lidia Wolday führt ihm ab und zu eine Tasse an den Mund, damit er etwas trinken kann. Dann bringt sie ihm seine Fotoalben. In ihnen blättert er, während die anderen Bewohner helfen, nach dem gemeinsamen Kaffeetrinken Plätzchen für eine Adventsfeier zu backen. Langsam schlägt er Seite für Seite um, langsam formen die anderen Vanillekipferl oder stechen Teigsterne aus. „Ich weiß nicht, ob ich das noch kann“, sagt Erika Krüger leise. Die Hauswirtschafterin Helga Alvarez ermuntert sie geduldig, mitzumachen. Mit den Fingerspitzen berührt die Siebenundachtzigjährige die kleine Teigrolle für die Kipferl, bewegt sie sanft, schaut den anderen zu.
„Sie lebt zeitweise in einer anderen Welt“
Gemeinsam mit ihrer Kollegin Annemarie Hinz gestaltet Alvarez den Nachmittag mit den Bewohnern. Gegen 14.30 Uhr kommen sie aus ihren Zimmern. Manche helfen beim Decken der Kaffeetische, falten Servietten. Erika Krüger wird von ihrer Tochter Marianne Christof begleitet. Sie führt ihre Mutter vorsichtig zu ihrem Platz, spricht mit ihr. „Sie lebt zeitweise in einer anderen Welt“, sagt sie. Manchmal versteht sie nicht, was ihre Mutter gerade beschäftigt. Manchmal kann diese sich wegen ihrer Wortfindungsstörung nicht verständlich machen und wird unruhig.
Die Kommunikation in dem Gemeinschaftsraum hat ihre eigenen Grenzen - zumindest die mit Worten. Mehr als tausend Worte sagt der Blick eines 91 Jahre alten Mannes, als sein Enkelsohn Lukas Wagner und dessen Freundin Jella Müller zur Tür hereinkommen - auch wenn er sich danach nicht sonderlich um sie kümmert. Später werden die drei aber einen langen Spaziergang machen. Kurz danach begrüßt Karl Pimpl freudestrahlend seine Tochter: „Was soll ich dir bestellen?“
Am Eingang zu dem Raum hängt noch die Ankündigung vom Vormittag: „Geschichten von Früher und Heute, 10 Uhr bis 11.30 Uhr“. An die Zeit ihrer Jugend, die den Bewohnern eher präsent bleibt als ihre jüngere Vergangenheit, sollen einige alte Möbel und Bilder in dem Zimmer erinnern. Dem Ziel, die Räume des Altenheims in diesem Sinne noch konsequenter ausstatten zu können, dient die Spendenaktion dieser Zeitung. Ein Milieu zu schaffen, das Emotionen weckt und Demenzkranke reaktiviert, gehört genauso zum Pflegemodell wie die Beschäftigung mit der Psychobiographie der Bewohner. Alle Mitarbeiter haben sich für diese Arbeit, die eng an das Konzept des Pflegefachmanns Erwin Böhm angelehnt ist, schulen lassen.
Kontakt mit anderen Menschen wichtig
„Wir beschäftigen uns mit den Bewohnern intensiver als früher“, sagt Lidia Wolday, die im Dienstzimmer neben dem Aufenthaltsraum mit Pflegebögen beschäftigt ist. Aufhalten können die Mitarbeiter den Verlauf der Demenz aber nicht. Eine Bewohnerin etwa ruft hin und wieder laut nach ihrer Tochter, manchmal scheint sie mit ihr zu schimpfen, als stünde sie neben ihr. Dann sagt sie plötzlich „Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm“. Vielleicht ein Gebet aus ihrer Kindheit. An ihrem Tisch sitzt auch ein Mann, der vom Plätzchenteig nascht, den Alvarez dort hingestellt hat. Er nimmt auch schon einmal anderen Bewohnern etwas von ihren Tellern, wenn man nicht aufpaßt. Weil er einen großen Bewegungsdrang hat, geht er oft auf und ab, während die anderen Plätzchen formen. Nicht alle wollen mitmachen. „Meine Frau hat das früher gemacht.“ Karl Pimpl sieht nicht so recht ein, warum er sich als Hausmann betätigen soll. „Ich bin neugierig, ob meine Frau kommt.“ Er lebt seit drei Jahren im Altenzentrum Santa Teresa. „Gegen 17 Uhr fragt er immer nach seiner Frau“, weiß Helga Alvarez.
Erika Krüger ist noch ein Jahr länger dort als Pimpl. „Es ist nicht leicht, Eltern in ein Heim zu geben“, sagt ihre Tochter. Aber alleine konnte ihre Mutter nicht mehr leben, und Marianne Christof wollte, daß sie in Frankfurt wohnt, so daß sie sie leicht besuchen kann. „Einmal hat mein Großvater mich nicht erkannt, das war furchtbar“, erzählt Lukas Wagner. Seit er im Heim sei, gehe es aber doch bergauf mit ihm. „Der Kontakt zu anderen Menschen ist wichtig für ihn, und er erzählt wieder zusammenhängender.“
Nach und nach erfüllt der Duft der Plätzchen aus dem Backofen den Raum. Der Nachmittag neigt sich schließlich mit gemeinsamem Singen dem Ende zu. Liederbücher werden verteilt. Manche Bewohner müssen kaum in sie hineinschauen: Auch wenn sie vieles vergessen haben - die alten Volkslieder kennen sie.
