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EZB-Neubau Im Ostend noch ein Doppelturm der Macht

20.05.2010 ·  Frankfurt bekommt einen Himmelsstürmer hinzu: Der Grundstein der Europäischen Zentralbank ist gelegt. Und Frankfurt, wo bald die neun höchsten Türme Deutschlands stehen, stört sich gar nicht an den neuen Hochhäusern.

Von Matthias Alexander
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Die Architekten, die vor bald sieben Jahren zum Wettbewerb der Europäischen Zentralbank geladen wurden, konnten es sich denken: Wer den Sieg davontragen wollte, würde ein Hochhaus entwerfen müssen. In der Ausschreibung war das zwar ausdrücklich nicht festgeschrieben, doch ein Blick auf die Frankfurter Skyline legte es nahe: Wer in der Finanzwelt auf Augenhöhe mit den Geschäftsbanken agieren will, der muss einen Turm als Machtsymbol bauen.

Nun wächst es dem Himmel entgegen. Am Mittwoch legte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet gemeinsam mit Oberbürgermeisterin Petra Roth und Architekt Wolf Prix vom Wiener Büro Coop Himmelb(l)au den Grundstein für einen 185 hohen Doppelturm im Frankfurter Ostend. 2014 will die Notenbank hier einziehen, vier Jahre später als ursprünglich geplant.

Die neun höchsten Türme Deutschlands

Auch dank des EZB-Turms wird Frankfurt wird in den kommenden Jahren seine Stellung als führende Hochhaus-Stadt in Deutschland noch ausbauen. Wenn auch der schon im Bau befindliche „Tower 185“ in Nähe der Messe fertiggestellt ist, stehen die neun höchsten Türme Deutschlands in der Mainmetropole - nur der Post-Tower in Bonn kann sind dann gerade noch unter den Top ten behaupten.

Anders als in München, Hamburg und Berlin gibt es in der Frankfurter Bevölkerung kaum noch Vorbehalte gegen den Bau weiterer Wolkenkratzer. Im Gegenteil, die meisten Frankfurter blicken mit Stolz auf die Skyline als Wahrzeichen ihrer Stadt. Das war nicht immer so, noch in den achtziger Jahren gab es harte politische Auseinandersetzungen um den Bau von neuen Hochhäusern. Die Grünen waren damals maßgeblich am Scheitern eines rund 300 Meter hohen Projekts namens „Campanile“ neben dem Hauptbahnhof beteiligt. Inzwischen regieren sie gemeinsam mit der CDU die Stadt und haben einen Turmbau auf demselben Grundstück genehmigt.

Der Wandel hat mehrere Ursachen. Die Stadt hat gelernt, geeignete Standorte für Hochhäuser auszudeuten. Wohngebiete, die unter den Fallwinden und dem Schattenwurf der Riesen leiden, sind längst tabu. Es hat sich stattdessen das Prinzip durchgesetzt, die Hochhäuser in Pulks anzuordnen, was zudem die Dramatik der Silhouette steigert. Die Architekten liefern sein Anfang der achtziger Jahre Entwürfe, die gefälliger sind als die belanglosen Kisten der internationalen Moderne, die in den sechziger und siebziger Jahren vorherrschend war. Und die Investoren haben verstanden, dass sie ihre Türme für die Bürger öffnen müssen. Auf Dringen der Stadt finden sie sich immer häufiger bereit, im Sockel Geschäfte und Restaurants unterzubringen.

Türme fördern Auslastung von Bussen und Bahnen

Dass auch die Grünen ihre Vorbehalte gegen Hochhäuser abgelegt haben, hängt mit den Fortschritten in der Gebäudetechnik zusammen, die den immer noch enormen Energieverbrauch stark haben sinken lassen. Hochhäuser sind im Flächenverbrauch unübertroffen effizient. Zudem fördern die Türme die Auslastung des öffentlichen Nahverkehrs, da in den Tiefgarage nur der kleinste Teil der Angestellten sein Auto parken kann. In anderen deutschen Städten ist ein solcher Stimmungswandel ausgeblieben. Im traditionsbewussteren München gilt seit dem Hochhaus-Entscheid von 2004 vielmehr, dass Türme nicht höher als 100 Meter sein dürfen. Das Maß aller gebauten Dinge bleiben die Türme der Frauenkirche. Auch in Berlin, wo es nach der Wende mit den Hochhäusern am Potsdamer Platz einen vielversprechenden Ansatz gab, ist die Entwicklung ins Stocken geraten. Im Jahr 2008 stellte ein Bürgerentscheid das Konzept der Spreeuferbebauung zwischen Mitte und Treptow in Frage; auch Animositäten gegen Hochhäuser spielten eine Rolle.

Hamburg blickt auf Hochhaus-Planungen traditionell skeptisch. Es gilt die ungeschriebene Regel, dass in Sichtachsen der Hauptkirchen keine Türme entstehen sollten. Als möglicher Standort für Hochhäuser wird seit einigen Jahren der Bezirk Harburg ins Spiel gebracht. Auch als der damalige Stadtentwicklungssenator Michael Freytag im Jahr 2004 den Bau eines 200-Meter-Turms neben den Elbbrücken vorschlug, war das Echo in der Hansestadt sehr kühl, nicht zuletzt unter Investoren. Aufgrund der hohen Baukosten lohnen sich Hochhäuser zumeist nur in zentrumsnahen Lagen, in Harburg lassen sich auskömmliche Mieten kaum erzielen. Bei aller Freude an Machtsymbolen, wirtschaftlich tragfähig sind Türme auf lange Sicht nur dort, wo Flächenknappheit herrscht. Das gilt für Hamburg nicht.

Anziehungskraft von Städten steigern

Freytag ging es offenbar ohnehin mehr um Symbolik. Er forderte spektakuläre Architektur, um damit den Aufbruch der Stadt in eine neue Zeit zu dokumentieren. Er folgte mit dieser Vorstellung einem gängigen Bild der Stadtvermarkter: dass nämlich spektakuläre Architektur geeignet sei, die Anziehungskraft von Städten zu steigern. Selbst Frankfurt taugt da allerdings nur bedingt als Beispiel: Türme mit exzentrischer Gestalt wie etwa die „Gurke“ des Swiss-Re-Tower in London oder der „Turning Torso“ in Malmö sucht man hier vergebens.

Der in sich verdrehte EZB-Turm wird in dieser Hinsicht einen neuen Maßstab setzen, er taugt durchaus zur Architektur-Ikone, die Kamerateams aus aller Welt gerne ins Bild setzen werden, wenn über Geldpolitik zu berichten ist. Bezeichnenderweise ist er am Rand der Innenstadt plaziert worden, auf dem weitläufigen Areal an der früheren Großmarkthalle. Im Zentrum der Stadt wird dagegen inzwischen eine konservative Architektursprache gepflegt, für die Christoph Mäckler steht. Der Architekt hat den jüngst fertiggestellten Opernturm und den im Bau befindlichen Tower 185 mit Natursteinfassaden versehen. Beide Türme folgen der klassischen Einteilung in Sockel, Schaft und Kapitell und verzichten auf dekonstruktivistische Verrenkungen. Auch das ist im Sinne einer stadtbildverträglichen Hochhausplanung, die bei der Bevölkerung besser ankommt.

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Jahrgang 1968, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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