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Erzieherinnen über ihren Beruf Ein zu lauter Arbeitsplatz

27.05.2009 ·  Derzeit sind wieder Kitas geschlossen: Streik. Geklagt wird etwa über eine „extreme“ Lärmbelastung. Zwei Erzieherinnen berichten.

Von Kathrin Frank, Frankfurt
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Eigentlich müsste Gabi Liermann zufrieden sein. Sie hat einen Beruf mit Zukunft, einen, der ihr Spaß macht und der abwechslungsreich ist. Genau der Job, von dem sie immer schon geträumt hat. Trotzdem ist sie sich nicht sicher, ob sie diesen Beruf in ein paar Jahren noch ausüben kann. „Ich weiß nicht, wie ich das körperlich schaffen soll, wenn ich mal 50 bin“, sagt sie.

Liermann ist 44 Jahre alt. Sie ist seit 23 Jahren Erzieherin und arbeitet in der Kita 17 in Rödelheim. Einen Beruf, in dem sie mit Kindern arbeiten kann, hat sie sich immer gewünscht. Als Erzieherin kann sie das – von Montag bis Freitag, 25 Stunden die Woche. Für ihre Kollegin Nathalie Bleier ist Erzieherin ebenfalls ein Wunschberuf. Sie hat eine ganz normale 40-Stunden-Woche, an manchen Tagen arbeitet sie von neun Uhr bis abends um sieben. Das ist anstrengend, aber nicht das Problem, wie beide hervorheben. „Das, was eigentlich schlimm ist, sind die Bedingungen, unter denen wir arbeiten“, sagt Liermann. Bedingungen, die sich ihrer Meinung nach in wenigen Schlagworten zusammenfassen lassen: Es gibt zu wenig Erzieher, zu viel Lärm, und die Erwachsenen müssen den ganzen Tag auf Kindermöbeln sitzen. Das ärgert Liermann, sie hat Angst um ihre Gesundheit.

Tische im Miniformat

Damit ist sie nicht allein. Mitte Mai streikten nach Angaben der Gewerkschaft Verdi bundesweit fast 12 000 Erzieherinnen und Sozialarbeiter für bessere Arbeitsbedingungen. Bei einem weiteren Streik, der gestern begann und bis morgen dauern soll, legten laut Verdi mehr als 25 000 Beschäftigte die Arbeit nieder. In Frankfurt blieben nach Angaben des Schuldezernats elf Kitas geschlossen.

Liermann ist nicht in der Gewerkschaft und durfte deshalb nicht streiken. Sie arbeitete gestern stattdessen für den Notdienst und betreute in einer anderen Rödelheimer Einrichtung Kinder, deren Eltern kurzfristig keine andere Betreuung organisieren konnten. Und auch wenn die Situation hier ein wenig anders ist als an normalen Tagen, sind die Schwierigkeiten der Erzieherinnen deutlich: In den Räumen stehen nur Tische im Miniformat, die Lehnen der Kinderstühle bohren sich den Erzieherinnen in den Rücken. Liermann hat schon seit längerem Rückenschmerzen. Sie hält es für „gut möglich“, dass das von den Möbeln kommt.

„Ich kann mir den Streik nicht leisten“, sagt die Erzieherin


Die Kinder merken davon nichts. Sie rennen durch den Gang, rufen, lachen und schreien – ein weiteres Problem: Für Liermann und ihre Kolleginnen ist es zu laut. Dabei sind lärmende Kinder in einer Kita eigentlich nicht ungewöhnlich. Liermann und auch ihre Kollegin Nathalie Bleier heben aber hervor, dass die Lärmbelastung inzwischen extrem sei. Der Grund: Viele Stellen seien unbesetzt – allein in der Kita 17 fehlen derzeit drei Erzieherinnen. Dadurch müsse sich eine Kollegin um immer mehr Kinder kümmern, außerdem stehe nicht für jeden Raum eine Erzieherin zur Verfügung. Die Folge: Räume müssen geschlossen werden, die Kinderzahl pro Raum steigt und damit der Lärmpegel. „Die Kita 17 ist sicherlich kein Einzelfall“, sagt Bleier. Sie und Liermann sind froh, dass ihre Kollegen mit dem Streik auf die Belastung aufmerksam machen.

Auch Bleier würde ihrem Ärger gerne Luft machen. Sie arbeitet seit knapp fünf Jahren als Erzieherin und würde gerne für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen streiken. Aber die Siebenundzwanzigjährige hilft lieber in dem Notquartier, die Kinder zu betreuen – aus finanziellen Gründen. Denn wer streikt, bekommt nur 65 Prozent des Gehalts bezahlt. „Ich kann mir den Streik nicht leisten“, sagt Bleier.

Mit dem Gehalt könnte sie keine Familie ernähren

Wie viel sie als Erzieherin genau verdient, darüber darf und will sie nicht reden. Nur so viel: „Es könnte mehr sein.“ Mit ihrem Gehalt könne sie keine Familie ernähren, ergänzt Liermann. Die Gewerkschaften fordern eine Eingruppierung der Erzieherinnen in die Entgeltstufe neun mit – je nach Arbeitsjahren – Gehältern zwischen 2237 und 3423 Euro. Bisher sind sie in die Entgeltstufe sechs eingruppiert und erhalten zwischen 1920 und 2474 Euro.

Trotzdem sind beide Frauen eigentlich gerne Erzieherinnen, das unterstreichen sie immer wieder. Sie mögen die Arbeit mit Kindern, beobachten gerne die Fortschritte, und es macht ihnen Spaß, die Kinder zu fördern und zu fordern. „Aber für das, was wir leisten, sind wir gesellschaftlich nicht anerkannt“, sagt Liermann. Es ärgert sie, wenn sie immer noch dem Klischee begegnet, dass Erzieherinnen nur mit Kindern spielende Frauen seien. Und auch Bleier muss sich oft vor Bekannten rechtfertigen, die ihr vorhalten, ihr Beruf sei leicht. Dabei habe sich das Berufsbild der Erzieher gewandelt, und ihr Arbeitsspektrum habe sich immer mehr erweitert, wie Liermann findet.

„Um gute Arbeit zu leisten, brauche ich gute Bedingungen“

In der Kita 17 etwa spielen die Kinder nicht nur, sondern sind in verschiedene thematische Gruppen aufgeteilt. Es gibt eine Sportgruppe, eine für Mathematik, für Sprachförderung oder eine Experimentiergruppe. Die Kinder können mit dem Computer arbeiten oder Ausflüge machen. „Wir beziehen immer mehr Lernmethoden und Wissensgebiete in unsere Arbeit mit ein“, erklärt Bleier. Seit vor einigen Jahren der neue Bildungsplan für Hessen entwickelt wurde, haben die Erzieherinnen auch begonnen, den Bildungsstand der Kinder noch genauer zu dokumentieren. Liermann findet das gut. „Ich mache das gerne. Aber um gute Arbeit zu leisten, brauche ich gute Bedingungen“, sagt sie.

Sie hofft deshalb, dass ihre Kollegen mit dem Streik Erfolg haben. Aber auch so habe sie ihre Berufswahl bisher nur selten bereut, gibt sie zu: „Das ist das Schlimme. Der Beruf ist so schön, dass man ihn auch macht, wenn die Umstände schlecht sind.“

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