26.08.2004 · Krankenkassen werden sich auf eine Kostenlawine in bisher nicht bekanntem Ausmaß einstellen müssen. Wenn sich nämlich nichts Grundlegendes ändert, wächst mit den Kindern und Jugendlichen von heute eine Generation chronisch Kranker heran.
Krankenkassen werden sich auf eine Kostenlawine in bisher nicht bekanntem Ausmaß einstellen müssen. Wenn sich nämlich nichts Grundlegendes ändert, wächst mit den Kindern und Jugendlichen von heute eine Generation chronisch Kranker heran. Und deren Behandlung ist zeit- und kostenaufwendig. Allein Übergewicht und Rückenbeschwerden, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als chronische Leiden definiert, werden das Gesundheitssystem, aber auch den einzelnen Versicherten, finanziell enorm belasten. Wer zuviel wiegt, ist überdies nicht so beweglich wie schlanke Altersgenossen, weshalb dicke Kinder sich öfter verletzen. Und das kostet wiederum Geld.
Schäden an Gelenken, Wirbelsäule oder Sehnen sind unter jungen Übergewichtigen sehr verbreitet, weil ihre Knochen in der Entwicklungsphase zusätzlich belastet werden. Der Leiter des Instituts für Stoffwechselforschung in Frankfurt, Thomas Konrad, spricht von einer Generation von "Rückeninvaliden" und ist erschüttert darüber, daß schon 16 und 17 Jahre alte Schüler Bandscheibenvorfälle hätten. Bei einer gemeinsamen Studie mit der Handwerkskammer Rhein-Main habe sich herausgestellt, daß die meisten Jugendlichen schon einmal wegen Rückenschmerzen beim Arzt gewesen seien.
Viele der gut 200 untersuchten jungen Leute zwischen 15 und 25 Jahren leiden laut Konrad unter einer Vorstufe der Arteriosklerose. Dieses frühe Stadium der Gefäßveränderung sei auf Bewegungsdefizite und Übergewicht oder auf die Kombination von Bewegungsmangel und Tabakkonsum zurückzuführen. Schreite die Entwicklung voran, erkranken die Betroffenen nach Worten Konrads schließlich an Bluthochdruck, "weil ihre Gefäße die Dehnbarkeit verlieren". Der Internist vergleicht sie mit einer starren Wasserleitung, die vor allem an den Abzweigungen sehr früh verkalke. Bei einem elastischen Gartenschlauch passiere das nicht. Um die Gefäße geschmeidig zu erhalten, sei körperliche Aktivität erforderlich, erklärt der Arzt und empfiehlt ein dreimal wöchentliches Ausdauertraining von jeweils mindestens 20 Minuten. Durch Bewegung steige zudem der Spiegel des "guten" Cholesterins (HDL) an. Dieses "High Density Lipoprotein" schützt die Gefäße vor Fettablagerungen. Höhere HDL-Werte wirken somit der Arterienverkalkung entgegen, bei der es zu einer langsam fortschreitenden Verhärtung und Verdickung der Arterienwände kommt.
Erschreckend ist, daß heute schon Kinder unter Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen leiden, unter Krankheiten also, die früher nur Erwachsene kannten. Viele Mädchen und Jungen seien schon jetzt chronisch krank, nur wenige "wirklich fit", beklagt Konrad. Eine chronische Erkrankung ist darüber hinaus eine permanente Belastung für den Betroffenen selbst, aber auch für seine Familie und die Angehörigen. Ernährungsbedingte Leiden verursachen nach Auskunft von Andreas Bonn, Pressesprecher der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) in Hessen, rund ein Drittel aller Kosten im Gesundheitswesen. Hauptursache ist ihm zufolge eine Ernährung mit zu vielen fetten und süßen Nahrungsmitteln.
Wenn heranwachsende Generationen später einmal tatsächlich in dem zu erwartenden Umfang die Arztpraxen und Krankenhäuser bevölkern, droht das ohnehin marode System zusammenzubrechen. Und schon bevor aus den dicken Kindern von heute kranke Erwachsene geworden sind, wird die wirtschaftliche Lage etliche Kliniken und Praxen zum Schließen gezwungen haben. BRIGITTE ROTH