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Ernährung Manchen Kindern fällt schon das Treppensteigen schwer

09.08.2007 ·  Knapp elf Prozent der Sechsjährigen in Hessen sind zu dick. Statistisch gesehen bleiben 45 Prozent von ihnen auch als Erwachsene korpulent. Welche Kosten auf die Gesellschaft zukommen werden, lässt sich nur erahnen.

Von Brigitte Roth
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Ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen, treffen sich Kinder – via Internet. Ohne jede eigene Anstrengung ist ihnen Unterhaltung per Knopfdruck garantiert. Die ungute Mischung von Bewegungsmangel und falscher Ernährung führt dazu, dass gut elf Prozent der Sechsjährigen in Hessen nach Angaben des Sozialministeriums übergewichtig sind.

Knapp fünf Prozent dieser Kinder sind demnach sogar fettleibig. Damit steht es um den Nachwuchs in Hessen aber nicht schlechter als andernorts in Deutschland. Bundesweit sind 15 Prozent der Drei- bis Siebzehnjährigen übergewichtig beziehungsweise sogar adipös, also fettleibig.

Mehr Lust auf Obst

Die Verführung durch ein Überangebot an Nahrungsmitteln, das Fehlen von gemeinsamen Mahlzeiten in der Familie und das schlechte Vorbild von Eltern, die Ärger mit Schokolade bekämpfen, tragen zu den schlechten Essgewohnheiten der Mädchen und Jungen bei. Die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) Hessen, bei der nach Angaben von Pressesprecher Riyad Salhi 200.000 Kinder und Jugendliche mitversichert sind, möchte daher mit einem Zirkus-Festival am 27. und 28. August in Frankfurt gesunde Ernährung spielerisch vermitteln.

1900 Grundschüler seien im Klassenverband schon für Vorstellungen des Theaterstücks „Henrietta in Fructonia“ auf der Konstablerwache angemeldet, sagt Salhi. In dem Zelt mit rund 650 Plätzen gibt es ihm zufolge an beiden Tagen noch die Möglichkeit, jeweils um 15 Uhr eine Aufführung zu besuchen. Ein Eintrittsgeld wird nicht verlangt, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Das etwa 35 Minuten dauernde Theaterstück steht im Mittelpunkt des Festivals, darüber hinaus gibt es viele Gelegenheiten, artistische Kunststücke einzuüben.

Henrietta, die Hauptfigur des Theaterstücks, ernährt sich von Süßigkeiten, Chips und anderen Lebensmitteln mit viel Fett und Zucker. Sie ist einfallslos, passiv, schlaff und ständig müde, sogar im Unterricht schläft sie oft ein. Da erscheint ein quirliger Kochlöffel auf der Bühne und entführt das Mädchen in eine Phantasiewelt voll mit köstlichen Früchten. Henrietta blüht auf, entdeckt ihre Begeisterung für die schönen Obstsorten und nimmt diese neue Vorliebe mit zurück in ihren Alltag. Am Ende bleiben die Schauspieler noch auf der Bühne und beantworten Fragen der Zuschauer.

„Schlechte sportmotorische Fähigkeiten“

Salhi meint, die übliche Prävention sei langweilig für Kinder. Doch es müsse etwas unternommen werden, denn der körperliche Zustand vieler Mädchen und Jungen sei alarmierend. Falsches Essen gehe oft einher mit Bewegungsmangel. Eine Erhebung der AOK Hessen, die seit dem Jahr 2000 gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Institut der Ärzte Deutschlands und dem Deutschen Olympischen Sportbund vorgenommen werde, habe gezeigt, dass sich die Beweglichkeit der Kinder inzwischen um 20 Prozent verschlechtert habe.

So könnten sie nicht mehr so weit springen und nicht mehr so schnell rennen wie frühere Generationen, ihr Koordinationsvermögen habe sich verschlechtert, und das Treppensteigen falle ihnen schwerer. Mancher Fünfzigjährige habe mehr Energie als ein Schulanfänger, so Salhi. Insgesamt falle auf: „Die sportmotorischen Fähigkeiten der Heranwachsenden sind relativ schlecht.“ Salhi zählt weiter auf, ein Drittel der Sechs- bis Achtzehnjährigen könne nicht schwimmen, mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen leide unter Haltungsstörungen.

Haben sich schlechte Sitten wie körperliche Inaktivität oder Frustessen erst einmal verfestigt, sind sie nur schwer wieder zu korrigieren. Jeder Erwachsene, der gegen überflüssige Pfunde kämpft, weiß, wie hartnäckig Speckpolster sind. Hungerkuren sind meist nur kurzfristig von Erfolg, oft wiegen die Betreffenden bald mehr als vor der Diät. Statistisch gesehen bleiben 45 Prozent der dicken Fünf- bis Siebenjährigen auch als Erwachsene korpulent. Es geht nicht um die Erfüllung von Schönheitsidealen. Falsche Ernährung und Übergewicht führen häufig zu Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen.

Kinder leiden unter Alters-Zucker

Schon Kinder leiden heutzutage unter sogenanntem Alters-Zucker. Welche Kosten da noch auf die Gesellschaft zukommen werden, lässt sich nur erahnen. Zudem bevorzugen rundliche Zeitgenossen bei der Partnerwahl offenbar Leidensgenossen. Wenn sie dann Kinder zeugen, so glauben schottische Forscher, vererben sie sozusagen den Hang zum Übergewicht. Dadurch freilich steigt für den Nachkömmling die Gefahr, ebenfalls zu dick zu werden. Eine Art Domino-Effekt setzt ein.

Für Hessens Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU) ist Übergewicht und Fettleibigkeit von Kindern nach eigenen Worten ein zentrales Thema der Gesundheitspolitik. Auch die Aufklärung der Eltern sei wichtig. Diese sollten nicht nur über die Gefahren von Übergewicht informiert werden, sondern auch über Möglichkeiten, diese zu verhindern. Die Bemühungen verschiedener Institutionen sind zahlreich und auch durchaus hilfreich. Sie können aber immer nur einen Anstoß zur Besserung geben. Um ihre Gewohnheiten langfristig zu ändern, brauchen Kinder praktische Hilfen ihrer Eltern – vor allem gemeinsame Mahlzeiten mit frischen Zutaten.

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