02.02.2007 · Sie fühlen sich „fitter“ und „wacher“ und haben ein gutes Gewissen, seit sie ohne Fleisch und andere tierische Produkte leben. Für Veganer ist die Ablehnung gängiger Essgewohnheiten vor allem ein Frage der Moral. Ernährungsexperten warnen.
Von Caren LangerEmil Franzinelli steht am Herd und wendet einen Pfannkuchen aus Sojamilch, Sojamehl und Haferflocken. Aber es ist zu spät – und das Missgeschick beweist: Wenn vegane Pfannkuchen anbrennen, dann riecht das genauso wie bei jenen aus Milch, Eiern und Butter. Jemand öffnet die Tür des Gruppenraums der Tierrechts-Initiative Rhein-Main, damit der Rauch in den Hof der Brotfabrik Hausen abziehen kann. Zum monatlichen Vegan-Brunch der Initiative sind ungefähr 15 Leute gekommen: langjährige Veganer wie der 31 Jahre alte Emil, Mitglieder der Tierrechtsgruppe und einige Neue, die sich das Ganze „mal anschauen“ wollen.
Sie sitzen im Kreis und unterhalten sich, natürlich über Veganismus. „Warum essen Veganer kein Huhn?“, fragt Tina Gliesche. „Na, weil da Ei drin ist!“ – Allgemeines Stöhnen und Kichern. Auf einem Tisch haben die Tierrechtler ein Büfett aufgebaut. Die Speisen sind frei von tierischen Inhaltsstoffen wie Milch, Käse, Ei, Honig. Und Fleisch ist sowieso tabu. Stattdessen gibt es Obst- und Nudelsalat, Käse-Ersatz, Pseudo-Rührei und Tu-als-ob-Wurst aus Tofu, Brot mit pflanzlichen Aufstrichen und ein Frucht-Tiramisu.
600.000 Veganer in Deutschland
Wieviele Veganer in der Region leben, kann niemand genau sagen. Sechs bis sieben Prozent der Deutschen sind nach Schätzungen Vegetarier. Etwa ein Zehntel davon leben vegan, fast 600.000 Menschen. Die Wege zum Veganismus sind dabei vielfältig, manche mochten schon als Kind kein Fleisch, andere haben sich später aus ethischen Motiven entschieden, keine tierischen Produkte zu konsumieren.
„Käse war immer mein Ding, aber zum Guten der Tiere verzichte ich jetzt darauf“, sagt Gloria Cali. „Viele wissen einfach nicht, wie viel Tierleid dahintersteckt.“ Die 35 Jahre alte kaufmännische Angestellte ist seit ihrer Kindheit Vegetarierin und lebt seit „zwei bis drei Jahren“ komplett vegan. Deshalb trägt sie auch keine Schuhe aus Leder, keine Schurwollpullis oder mit Daunen gefütterte Winterjacken. Zum Vegan-Brunch hat sie einen Kuchen aus Blätterteig mit milch- und gelatinefreiem Schokopudding mitgebracht.
Veganer wie Cali, Gliesche und Franzinelli verzichten vor allem wegen der „Tierrechte“, Ressourcenverschwendung und ihrer Gesundheit auf die übliche Ernährung und Kleidung. Ethische Veganer glauben, dass Tiere ebenso leidensfähig sind wie Menschen und deshalb ein Recht auf Freiheit und körperliche Unversehrtheit haben – sie einzusperren und als Produktionsmittel zu nutzen, lehnen diese Tierrechtler ab. Ihrer Meinung nach wäre es viel effizienter, landwirtschaftliche Anbauflächen und Wasser zur Produktion von pflanzlichen Lebensmitteln statt von Viehfutter zu nutzen. Mit dem Verzehr tierischer Produkte steigt ihrer Ansicht mach zudem das Risiko von Bluthochdruck, Rheuma, Gicht, Diabetes und Herzkrankheiten.
„Sogar meine Cellulite ist verschwunden“
Dass vegane Ernährung eine „Mangel- und Fehlernährung“ sei, wie manche Kritiker behaupten, bestreiten die Befürworter vehement. „Ich lasse einmal im Jahr mein Blut testen und habe immer Top-Werte“, versichert etwa Viola Kaesmacher, Zweite Vorsitzende der Tierrechtsinitiative. Und obwohl ihr Vitamin-B12-Wert in Ordnung sei, nehme sie dafür zur Sicherheit eine Nahrungsergänzung. Seit sie vegan lebten, fühlten sie sich „fitter“ und „wacher“, und sie seien seltener krank, sagen viele der Gruppenmitglieder. „Sogar meine Cellulite ist verschwunden“, ergänzt eine Frau. Tina Gliesche füttert sogar ihre Hündin „Djebel“ vegan, und eine Tierärztin hat ihr bestätigt, dass das Tier kerngesund und offenbar gut ernährt sei.
Der Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann hat sich an der Universität Gießen in zahlreichen Studien mit dem Veganismus beschäftigt. Er ist selbst seit 30 Jahren Ovo-Lacto-Vegetarier, isst also kein Fleisch, aber Eier und Milchprodukte. „Für richtig empfehlenswert halten wir die vegane Ernährung nicht“, sagt Leitzmann, „aber wenn jemand sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat, sehr viel über Nahrungsmittel und deren Nährstoffe weiß, dann kann er sich durchaus ohne Mangelerscheinungen vegan ernähren.“ Vor allem auf die ausreichende Versorgung mit Folsäure, Eisen und Vitamin B12 müssen Veganer laut Leitzmann achten.
Den schlechten Ruf des Veganismus führt er darauf zurück, dass nur problematische Fälle bekannt würden. „Wir haben Hunderttausende Veganer in Deutschland, von denen die meisten keine Probleme haben“, bekräftigt Leitzmann, „aber die Ärzte sehen natürlich nur die wenigen, die es falsch machen, und schlagen dann Alarm.“ Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung steht der rein pflanzlichen Nahrung etwas skeptischer gegenüber: „Eine vegane Kost ist für Erwachsene nur bei ausreichendem Ernährungswissen und einer wohlüberlegten Zusammenstellung als Dauerernährung geeignet“, sagt Ulrike Kreinhoff von der hessischen Sektion der Gesellschaft. „Bei Schwangeren, Säuglingen und Kleinkindern raten wir davon ganz ab.“
Leben mit den „Fleischessern“
Über Schwangerschaft und die Ernährung von Säuglingen macht sich bei der Tierrechtsinitiative momentan noch niemand Gedanken. Während Viola Kaesmacher seit 14 Jahren mit einem „Fleischesser“ zusammenlebt („Eine Hochzeit wäre aber undenkbar“), wäre eine solche Beziehung für Tina Gliesche unvorstellbar – „ein Vegetarier ginge vielleicht noch“. Beide Frauen versuchen ihre Mitmenschen nicht mit allzu vielen Bemerkungen zu behelligen. „Wenn ich mit den Kollegen essen gehe, sitze ich ungern gegenüber einem Fleischesser, weil mich der Geruch ekelt“, erzählt Kaesmacher.
„Aber ich will meine Mission nicht am Kantinentisch austragen. Manchmal setze ich mich einfach weg.“ Auch Gliesche meint, sie habe gelernt, mit „Fleischessern“ umzugehen. „In meiner jugendlichen Phase habe ich Leute angeschrien und Stress gemacht, aber heute lebe ich denen lieber vor, wie es auch ohne tierische Produkte geht.“ Schließlich gebe es für alle tierischen Lebensmittel inzwischen einen veganen Ersatz.
Nach einigem Überlegen fallen den Mitgliedern der Gruppe dann aber doch zwei Dinge ein, die im Vegan-Sortiment noch fehlen: „Es gibt keinen veganen Lippenstift, der ein wirklich schönes Rot hat und nicht krümelt“, meint Kaesmacher, und Gliesche fügt hinzu: „Mein Hund vermisst einen Knochen. Dafür habe ich noch keinen veganen Ersatz gefunden, der ihr schmeckt.“
Vegan leben in Frankfurt
Wer in Frankfurt vegan leben möchte, findet eine Reihe von Quellen für Lebensmittel ohne tierische Inhaltsstoffe: An der Höhenstraße betreibt Marlies Kullmann den nach ihren Angaben ältesten „Vegan-Shop“ Deutschlands, er führt Lebensmittel, Kosmetik und Kleidung. Seit 1994 importiert sie viele vegane Lebensmittel aus Großbritannien. Eine Auswahl von veganen Produkten findet sich auch in Bio- und Naturkostläden sowie Supermarktketten wie „Basic“, „Alnatura“ und „Tegut“. Als Geheimtipp für vegane Currywürste gilt das „Culux“ am Oeder Weg, das neben dem Original aus Fleisch auch die Tofu-Variante anbietet. Veganen Käse und veganes Eis bekommt man im Reformhaus an der Schillerstraße. Einen veganen Stammtisch halten die Tierrechtler im vegetarisch-veganen Restaurant „Habibi“ in Darmstadt ab. In der „Raumstation“ in Frankfurt-Rödelheim gibt es an jedem ersten Mittwoch im Monat eine „Vegane Volksküche“. Beliebt ist auch die vegetarische Falafelbude „Maoz“ am Frankfurter Hauptbahnhof, die einige vegane Speisen auf der Karte hat.
Veganismus und Gesundheit
Viola Kaesmacher (PhillyK)
- 05.02.2007, 23:32 Uhr