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Engagement für Gaza Mediziner auf Friedensmission

06.06.2010 ·  Der Frankfurter Arzt Matthias Jochheim wollte Hilfsgüter nach Gaza bringen und hat den Angriff auf der „Mavi Marmara“ miterlebt. Nun ist er wieder daheim und will sein Engagement fortsetzen.

Von Katharina Iskandar, Frankfurt
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Matthias Jochheim hatte Wache gehalten in jener Nacht. Von zwei bis vier. Regelmäßig hatte er auf dem Deck nach dem Rechten gesehen, und als endlich die Ablöse kam, ist er nach unten auf das Zwischendeck gegangen, hat sich auf eine Matratze gelegt, um sich ein wenig auszuruhen. Jochheim weiß nicht mehr, wie lange er geschlafen hatte, vielleicht waren es fünf Minuten, vielleicht auch dreißig. Doch er erinnert sich an den Knall einer Schockgranate, von der er aufgeschreckt worden war, und an die Schreie der Menschen auf dem Deck, die kurz darauf die Toten und Verletzten nach unten brachten, in große weiße Laken gehüllt.

Danach wurde es wieder still auf dem Schiff und Jochheim wurde gemeinsam mit den anderen in eine Kabine geführt, „wo wir mit auf dem Rücken gefesselten Händen und auf dem Boden kniend bleiben mussten, bis die Mavi Marmara endlich in den Hafen nach Ashdod einlief“.

„Ein Akt der Piraterie.“

Nicht einmal eine Woche ist der Angriff des israelischen Militärs auf die „Solidaritätsflotte“ her, die Hilfsgüter nach Gaza bringen wollte. Doch für Jochheim, der an Fronleichnam „etwas müde, aber ansonsten wohlauf“ erstmals wieder in seiner Arztpraxis im Gallus sitzt, scheint es, als liege eine Ewigkeit dazwischen, „so vieles hat sich in den vergangenen Tagen ereignet“.

Politisch bewerten will der Frankfurter die Aktion der Israelis nicht. „Ich sage nur so viel, dass wir damit nicht gerechnet haben und erschrocken darüber sind, wie der Angriff verlaufen ist.“ Es sei verständlich gewesen, hätten die Israelis das Schiff einfach nur durchsucht, um sicherzugehen, dass keine Waffen an Bord seien. „Damit haben wir gerechnet. So aber war das Ganze ein Akt der Piraterie.“

Die Worte genau wählen

Jochheim, der seit vielen Jahren Vorstand der Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) ist, hat schon einige Krisensituationen erlebt. In den achtziger Jahren war er als Arzt in Nicaragua, um sich um die Opfer des Bürgerkrieges zu kümmern. Später war er längere Zeit in Kurdistan.

Friedenspolitik hat den 60 Jahre alten Psychotherapeuten, der sich selbst als Pazifisten bezeichnet, immer interessiert, wie er sagt. Nach Mitgliedschaften in verschiedenen regionalen Friedensorganisationen, mit denen er gegen die Stationierung amerikanischer Raketen demonstriert habe, hat er sich schließlich für die IPPNW entschieden und wurde deren Vorstand. „Bis heute war das die richtige Entscheidung.“ 1985 wurde die Organisation mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Trotz der Erlebnisse auf der „Mavi Marmara“ will sich Jochheim weiter gegen die Gaza-Blockade einsetzen, „zur Not auch von Frankfurt aus“. Jochheim wurde gebeten, auf einer Demonstration, die am Samstag anlässlich der israelischen Übergriffe auf dem Römerberg stattfinden soll, einige Worte zu sagen. Er soll berichten, was genau sich in der Nacht zum Montag auf dem Schiff ereignet hat. Dabei ist sich Jochheim durchaus bewusst, dass er seine Worte sorgfältig wählen muss. „Instrumentalisieren lassen werde ich mich nicht.“

Beide Seiten der Medaille sehen

Dass Jochheim sein Engagement für Gaza vorerst von Frankfurt aus weiterführt, wird ihm vor allem seine Familie danken, wie der Arzt sagt. Seine Frau und seine Tochter hätten sich während der Militäraktion „wahnsinnige Sorgen“ gemacht. „Obwohl sie wissen, dass ich immer vorsichtig bin und kein Risiko eingehe, wussten sie ja nicht, was mit mir geschehen ist.“ Erst als Jochheim nach der Ankunft in Ashdod nach Deutschland abgeschoben worden sei, habe er erfahren, dass die Deutsche Botschaft und das Auswärtige Amt die ganze Zeit über in Kontakt mit seiner Familie standen und sie über seine baldige Heimkehr schon informiert hätten. Den ersten direkten Kontakt hatte Jochheim dann, als er am Dienstag in Berlin-Schönefeld gelandet war.

Jochheim hätte sich nicht für die sofortige Abschiebung nach Deutschland entscheiden müssen. Er sagt, er hätte die Papiere auch einfach nicht unterschreiben können, um noch einige Tage länger im Land zu bleiben. Er habe es aber für klüger gehalten, so schnell wie möglich nach Deutschland zu kommen, „um die Öffentlichkeit darüber zu informieren, was geschehen ist“. In den nächsten Wochen will er auch das Gespräch mit jüdischen Gruppen suchen, mit denen die IPPNW ebenso wie mit palästinensischen zusammenarbeitet. „Man muss immer beide Seiten der Medaille sehen“, sagt Jochheim. Anders zu lösen sei dieser Konflikt nicht.

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