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Veröffentlicht: 10.01.2017, 14:03 Uhr

Shopping-Center Rettet die Gastronomie den Einzelhandel?

Restaurants sollen Kunden in Einkaufsstraßen und Shopping-Center locken. Das kann funktionieren, muss aber nicht.

von und , Frankfurt
© Wolfgang Eilmes Nahrhaft: Der „Foodcourt“ im „Skyline Plaza“ nahe der Messe gehört zu den wenigen Flächen des Einkaufszentrums, auf denen ordentlich Umsatz gemacht wird.

Als Jonathan Doherty, Foodservice-Berater beim Makler-Unternehmen Jones Lang Lasalle, unlängst unter dem Dach des Frankfurter Einkaufszentrums „My Zeil“ das Loblied auf den geplanten Zuzug von Wirten und Systemgastronomen in das Hause sang, fiel ein Satz, der aufhorchen ließ: „Food ist das neue Fashion.“ Der Modehandel wandere ins Internet, sagte Doherty. Essen dagegen könne man zwar auch am Computer bestellen, aber zum Essen ausgehen, das gehe online nicht. Die Hamburger ECE-Gruppe investiert als Betreiber gerade 50 Millionen Euro in das Einkaufszentrum in der Frankfurter Innenstadt. Die Etage unter dem Dach, auf der jetzt schon Essen und Trinken die Hauptrolle spielen, wird für gehobene Gastronomie mit vielen Außenterrassen und einem Premium-Kino umgebaut. Und Premium soll auch das Angebot an Speisen und Getränken werden. Ein Foodcourt, wie die Gastronomie-Angebote in Einkaufszentren üblicherweise genannt werden, ist nicht geplant. Stattdessen ein „Foodtopia“.

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Der Trend zu mehr Gastronomie zeichnet sich schon länger ab. Nicht nur in der Frankfurter Innenstadt, auch in 1-B-Lagen wie der Berger oder der Schweizer Straße ist zu beobachten, dass die Essensbranche zulegt - allerdings nicht immer zum Vorteil der Einkaufsstandorte. Bubble-Tea, Frozen Yoghurt, vegane Bagels: Die Gäste können oft gar nicht so schnell hingucken, wie die Mieter und die Konzepte wechseln. Viele Lokale sind schnell wieder verschwunden, andere werden zunehmend schicker. Aber an vielen Standorten funktionieren die „Food“-Konzepte offenbar. Im Einkaufszentrum „Skyline Plaza“ nahe der Frankfurter Messe, das wie das My Zeil von ECE betrieben wird, gehört zum Beispiel der sogenannte Foodcourt zu den wenigen erfolgreichen Flächen. Mittags versorgen sich dort die Angestellten aus den benachbarten Bürotürmen, und es ist proppenvoll. „Gastronomie hat definitiv an Anziehungskraft gewonnen“, sagt Joachim Will, Chef des auf Shopping-Center spezialisierten Wiesbadener Beratungsunternehmens Ecostra. Der Anteil der Gastro-Flächen in städtischen Einkaufszentren habe sich binnen zehn Jahren von sechs auf zwölf Prozent verdoppelt. Cafés und Restaurants seien die Orte, an denen sich die Leute verabreden und treffen wollten.

Essen und Trinken wird für die Kunden wichtiger

Die steigende Bedeutung von Essen und Trinken bestätigen auch Makler, die den Frankfurter Markt gut kennen. „Wir sprechen deutlich häufiger mit Interessenten aus dem Gastronomiebereich“, sagt Aniko Korsos, Teamleiterin bei Jones Lang Lasalle. Die Konzepte seien origineller und interessanter geworden, und mit einem Flächenanteil von 20 Prozent sei die Gastronomie inzwischen die Nummer zwei hinter der Textilbranche (33 Prozent) und vor dem Gesundheits- und Beauty-Segment (13 Prozent). Nach Angaben der Maklerin ist die Nachfrage in den vergangenen beiden Jahren vor allem in der Systemgastronomie gestiegen, also bei Ketten mit standardisierten Strukturen. Nicht ohne Grund hat ihr Unternehmen schon vor einigen Jahren den Immobilien-Gastronomiedienstleister Coverpoint übernommen, der gerade auch das Food-Konzept für das „My Zeil“ erarbeitet.

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In Neu-Isenburg, einer der Speckgürtel-Gemeinden rund um Frankfurt, betreibt ECE ebenfalls ein Einkaufszentrum, das Isenburg-Zentrum. Vier Prozent beträgt dort nach Angaben von Center-Managerin Anna Reinhardt der Anteil der Gastronomie an der vermieteten Fläche. „Wir wollen das auf acht Prozent steigern“, sagt Reinhardt. Jüngste Zugänge zeigten, dass den Besuchern Essen und Trinken zunehmend wichtiger würden. Tatsächlich sind Cafés, Asia-Snack-Shops und die Imbissbude von „Best Worscht in Town“ vor allem mittags sehr gut besucht. Ob und wie sich das auf die Frequenz in den Mode- und Schmuckläden auswirkt? Einen Zusammenhang gebe es durchaus, sagt Reinhardt, beziffern könne man ihn nicht.

Restaurantgäste sind potentielle Kunden

Bedeckt hält sich die Managerin auch, wenn andere Zahlen zur Sprache kommen. Die Mietpreise im Zentrum? Im Erdgeschoss höher als weiter oben, sagt sie. Das gelte für alle Mieter, die Preise variierten außerdem nach Branchen. Was zahlen Gastronomen? Für kleinere Flächen mehr als für große, sagt Reinhardt. Zurückhaltung auch auf der anderen Seite: Oft gebe es Verhandlungsspielraum, heißt es unter Gastronomen, dort vor allem, wo die Vermieter sich einen besonderen Mix an Konzepten wünschten. Und: Die Mieten in den Zentren seien allgemein hoch, aber angemessen. Ein Blick in Maklerportale zeigt ein Mietpreis-Spektrum von rund 30 bis 100 Euro je Quadratmeter je nach Lage und Ort.

Die Vorteile, die ein bestimmtes Segment der Gastronomie in Einkaufszentren hat, liegen auf der Hand. In vielbesuchten Häusern sind die Kunden potentielle Gäste. Wo es ringsum viele Büros ohne Kantine gibt, ist mit gutem Mittagsgeschäft zu rechnen, was wiederum bedeutet, dass sich Warenaufkommen und Personaleinsatz gut kalkulieren lassen. Ein Umstand, der vor allem Betreibern von Lokalen ohne großen kulinarischen Anspruch in die Hände spielt, Burger-, Fisch- und Wurstbrätern, Pizza-Läden, Sandwich-Shops.

Wer profitiert von wem?

Andererseits: Angesichts oft horrender Mieten in den Innenstädten und Stadtteilen werden in Zukunft womöglich mehr individuelle Konzepte in Einkaufszentren zu finden sein. Dafür allerdings brauchen sie das richtige Umfeld und verhältnismäßig viel Fläche, was wiederum auch teuer werden kann. Aber unter Umständen lohnt sich das. „Die Erfahrung unserer Mieter hat gezeigt, dass die Umsätze überall dort steigen, wo die Gäste Sitzgelegenheiten haben“, sagt Anna Reinhardt. Eines der ältesten Lokale im Isenburg-Zentrum ist ein großes Bistro in Ecklage im Erdgeschoss, es hat nicht nur Sitzplätze, sondern auch einen Zugang zum Lokal unabhängig vom Zentrum und eine geräumige Terrasse. Deren Fläche allerdings gehört der Stadt, und die vermietet sie auch.

Bringt nun der Erfolg, den das „Guppy’s“ seit vielen Jahren hat, den umliegenden Läden Kundenströme? Oder ist es umgekehrt? Oder hat das eine womöglich nichts mit dem anderen zu tun? „Das kann man nicht messen“, sagt die Center-Managerin. „Der Modehandel ist und bleibt der wichtigste Flächenabnehmer in 1-A-Lagen“, sagt Maklerin Anika Korsos. Auch Christopher Scharf, Geschäftsführer beim Maklerunternehmen BNP Paribas Real Estate, sieht das so. Die Gastronomie sei zwar inzwischen sehr wichtig für die Belebung und Attraktivität von Innenstädten und Einkaufszentren. „Das Allheilmittel für die Probleme im Einzelhandel sehe ich darin aber nicht.“ Nach Scharfs Einschätzung ist der stationäre Handel nach wie vor zu träge. Kunden erwarteten heute schnelle Verfügbarkeit und Service. „Da muss sich noch viel tun.“

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