21.08.2007 · An diesem Dienstag beginnt für ungezählte Jungen und Mädchen ein neuer Lebensabschnitt: Sie werden eingeschult. Wie dies vor 130 Jahren vonstatten ging, hat Minna Schaeffer-Stuckert aus ihren Erinnerungen aufgeschrieben.
Von Minna Schaeffer-StuckertAn diesem Dienstag beginnt für ungezählte Jungen und Mädchen ein neuer Lebensabschnitt: Sie werden eingeschult. Wie dies vor 130 Jahren vonstatten ging, hat Minna Schaeffer-Stuckert aus ihren Erinnerungen aufgeschrieben. Wir dokumentieren den Text, der ursprünglich in der „Frankfurter Zeitung“ erschien.
Mit funkelnagelneuen Ränzen sind sie stolz zum ersten Schulgang gewandert, die kleinen A-B-C-Schützen, und mein kleines Enkelkind ist auch dabei. Das kann sich gar nicht vorstellen, daß die Großmutti auch einmal so ein Knirpschen war, und will immer von „damals“ erzählt haben.
Um 7 Uhr im Sommer, um 8 Uhr im Winter fing der Unterricht an und dauerte bis 11 bezw. 12 Uhr, in den höheren Klassen oft bis 1 Uhr.
Je nach der Länge des Schulwegs trotteten die Mädels und Buben, versorgt mit dem Frühstück für die 10-Uhr-Pause (ein Apfel und ein Brötchen war das Normale, aber es gab auch „Noble“ mit „was drauf“), ihrer Schule zu. Da ich ein „Einspännerchen“ war, waren die Eltern etwas ängstlich, und ich wurde oft gemahnt, auf dem Wege nicht zu „Häweln“ und bei den Straßenübergängen acht zu wgeben, daß ich nicht unter ein „Fuhrwerk“ oder einen „Fiaker“ käme. Unter ersterem war ein Lastwagen gemeint. In meiner ganzen Schulzeit erinnere ich mich keines solchen Unglücksfalles!
„Ei, da eil dich und duddel nit!“
Wenn im Sommer die Schule aus war, wurde bis zum Mittagessen Klavier geübt, und langte die Zeit noch, ein Märchenbuch herangeholt. Nach Tisch machte man die leichteren Aufgaben, und um 2.30 Uhr ging’s wieder zur Schule. Nach Schluß der Stunden ging’s dann zum Schwimmen in den Main zum „Güldenstern“, und an der Obstbude vor der Brücke durfte man sich für 10 Pfennig Obst kaufen. Aber erst nach dem Schwimmen durfte man es essen, sonst „platzt der Magen“. Ob alle brav gefolgt haben? Die meisten wohl, denn die elterliche Autorität war weitaus größer als jetzt. Um 6.30 Uhr mußte ich zu Hause sein; dann wurden die Aufgaben fertig gemacht. Um 8.30–9 Uhr lag man dann im Bett.
Diese genaue Zeiteinteilung Tag für Tag erzog die Kinder zur Pünktlichkeit und Pflichterfüllung, sie war in fast allen Familien die gleiche. Wir wurden noch nicht individuell erzogen und die „Psyche“ des Kindes spielte damals noch keine Rolle.
In der Woche war also nicht viel Zeit zum Spielen, daher freute man sich auf die schulfreien Nachmittage. Allerdings wurden auf diese in den höheren Klassen die Anfertigung der Aufsätze oder das Kartenzeichnen für die Geographie (sprich „Scheografie“) gelegt und von dem schönen freien Nachmittag blieb nicht viel übrig. Wenn man aber bei der Mutter darüber klagte, so hieß es: „Ei, da eil dich und duddel nit!“
Springseilspringen auf der Zeil
Wenn aber frei war, da war’s herrlich; gewöhnlich hatte man noch von 3–4 Uhr Klavierstunde, aber dann ging’s mit dem Puppenwagen hinunter in den Hof oder in den Garten, und wo der fehlte, auf die Straße. Eine Gefahr war da nicht dabei, denn der Verkehr war an Fuhrwerk so gering, daß wir im Sommer oft den Schulweg über die Zeil mit Springseilspringen zurücklegten. Nach der Mutter Gebot blieb man schön auf dem „Trottoir“, und so fuhren oft 4 Puppenmütter nebeneinander, und die Erwachsenen wichen gutmütig aus. Wer Brüder hatte, spielte auch wohl wilde Spiele, im Frühjahr „Drehdoppches“ oder „Klicker“ oder „Räuwer un Schandarm“, doch kam man da zu leicht in den Ruf, eine „Buwerolls“ oder ein „frech Ding“ zu sein, was sich oft lange im Gedächtnis der Mißgesinnten erhielt.
Sonntags aber wurde spazieren gegangen mit den Eltern und befreundeten Familien, entweder schon frühmorgens in den Wald, aber da es noch keine Waldbahn gab, schön vom Hause aus zu Fuß. Dies brachte auch den innigen Connex zwischen Eltern und Kindern, und auf solchen Spaziergängen lernten die sonst tagsüber beruflich ausgefüllten Väter ihre Kinder und deren Interessen erst richtig kennen und verstehen. Auch die Unarten und Eigenarten kamen da manchmal zu ihrer Kenntnis, und beim Nichtfolgen gab’s auch ab und zu eine „Batsch“, die meist sofortigen Erfolg hatte, wenn auch der Verabreicher von dem Bezieher ein „Bardieheverderber“ genannt wurde, aber natürlich nur ganz geheim, denn der Respekt vor dem Erwachsenen war selbstverständlich.
Mit dem Herbst kamen die Wollkleider
In den Ferien gab es mehr Spaziergänge; auch wohl Tagesausflüge in den Taunus, Odenwald oder an den Rhein; das nannte man dann „e Bardieh mache“.
Mit dem Schulbeginn nach den Herbstferien wurden die Wollkleider und die Filzhüte oder die „Kaputzen“ angezogen, wie man nach Ostern in Waschkleidchen und Strohhüten kam, einerlei, ob im Oktober die Sonne noch warm schien oder an Ostern noch Schnee lag. Das war Tradition und „Ordnung“. Im Herbst gab es Zeugnisse, ebenso an Ostern nach vorausgegangener Prüfung in der „Aula“, dem Festsaal der Schule. Daß diese Einrichtung in Wegfall kam, war sehr zu begrüßen, denn sie hatte keinen wirklichen Wert.
Und noch ein Unding waren die „Besuchstage“, die in jedem Semester einmal stattfanden. Da wurden Bänke längs der Klassenwände gestellt, und die Eltern oder sonstige Verwandte konnten während des Unterrichts ab- und zugehen und dem Unterricht beiwohnen. Diese zwecklose Unterrichtsstörung wurde ungefähr Mitte der Achtziger Jahre abgeschafft.
Flackernde Schmetterlingsbrenner
Der Winter brachte für das altfrankfurter Schulkind viel Schönes und Interessantes. Da trank man „bei Licht“ seinen Kaffee, ging bei Dämmerlicht aus dem Hause, und die ersten zwei Schulstunden arbeitete man auch bei Licht.
Ja, das war gar nicht so einfach, bei der Beleuchtung zu schreiben! Offene Gasflammen, sogenannte Schmetterlingsbrenner, hatten wir, die bei jedem Luftzug flackerten und zuckten, und manchmal „sangen“ sie auch. Als Entschuldigung für schlechte Schrift wurde das aber nicht angenommen.
Schon der Weg zur Schule war anders als im Sommer. Etwas Herrliches gab es, das waren die „Schleifen“! Hüben und drüben am Fahrdamm war das Gossenwasser, auf gut frankfurtisch „Floß“ genannt, gefroren, und ganze Reihen von Buben und Mädels in jedem Alter „schliffen“ mit viel Gelächter und Gequiekse, und die Einträge ins Klassenbuch wegen Zuspätkommens mehrten sich.
Lag Schnee, dann setzte nach Schulschluß eine Schneeballschlacht ein, und die Buben warfen die „Hahlgäns“, die, falls sie resolut waren, sich tapfer wehrten. Da traf mancher Schneeball das Genick (sprich die „Ank“), daß das kalte Wasser den Rücken herunter lief. Aber es war halt doch schön, und mit frischen, roten Backen kam man nach Hause.
„So manches war unkomplizierter“
War der Winter mild, beschränkte sich der Sonntagsspaziergang auf die Promenaden; man ging „um die Doorn“ oder besuchte den Palmengarten, wo sich die Eltern das Konzert anhörten und die Kinder artig dabei sitzen mußten.
Ein ganz besonderes, aber selteneres Ereignis war eine Schlittenfahrt in den Taunus oder nach Bergen, und ich weiß noch ganz genau, daß die dick verschneiten Waldbäume uns Kindern wie Wesen aus der Märchenwelt vorkamen.
So war manches für Kinder und Eltern vor 50 Jahren unkomplizierter.
Ich wünsche meinem Enkelkind und allen den kleinen A-B-C-Schützen, die nun das Schulleben begonnen haben, in Schule und Elternhaus das klare Licht und den freundlichen Sonnenschein, die uns Frankfurter Kindern vor 50 Jahren die Schul- und Jugendzeit erhellten.
Ein Frankurter Schulkind vor 130 Jahren
Otto Landenfeld (Otto.Landenfeld)
- 22.08.2007, 10:27 Uhr