27.07.2009 · In Frankfurt stehen Hunderte Plätze in Alten- und Pflegeheimen leer. Während das Sozialdezernat der Stadt offiziell von 129 nicht belegten Plätzen bei einer Gesamtzahl von etwa 4000 spricht, schätzen andere Fachleute, dass die tatsächliche Zahl bei mindestens 300 freien Plätzen liege.
Von Marie Katharina Wagner, FrankfurtIn Frankfurt stehen Hunderte Plätze in Alten- und Pflegeheimen leer. Während das Sozialdezernat der Stadt offiziell von 129 nicht belegten Plätzen bei einer Gesamtzahl von etwa 4000 spricht, schätzen andere Fachleute, dass die tatsächliche Zahl bei mindestens 300 freien Plätzen liege. Das Dezernat empfiehlt, keine weiteren Heime zu errichten. Trotzdem gibt es nach wie vor einige Bauprojekte.
Weil man bei den Entgeltverhandlungen zwischen den Pflegeeinrichtungen und den Krankenkassen von einer Belegungsquote der Heime von 98 Prozent ausgeht, muss theoretisch jedes Haus dieses Ziel erreichen, um als wirtschaftlich rentabel zu gelten. Offensichtlich sind in Hessen aber viele Einrichtungen weit davon entfernt. Laut Statistischem Landesamt standen im Dezember 2007 in Hessen rund 50000 Plätze in 672 Pflegeeinrichtungen zur Verfügung. Die Plätze für die vollstationäre Dauerpflege – einem Teil des Angebots, das Heime bereithalten – waren dabei nur zu 88,4 Prozent ausgelastet.
In manchen Regionen gibt es im Moment eine „Durststrecke“
Die hessische Heimaufsicht geht für alle Einrichtungen des Landes von einer durchschnittlichen Belegung von mehr als 90 Prozent aus. Jedoch gebe es in manchen Regionen im Moment eine „Durststrecke“ in der Nachfrage nach Heimplätzen, sagt Gunter Crößmann, der Leiter der hessischen Heimaufsicht, die beim Regierungspräsidium Gießen angesiedelt ist. In zwanzig Jahren könnten die Plätze aber wieder gebraucht werden.
Einige Investoren hätten sich in der Vergangenheit in ihren Kalkulationen getäuscht und gerieten nun in Schwierigkeiten, sagt Crößmann. Als Beispiel nennt er den amerikanischen Sunrise-Konzern. Dieser will seine sieben Häuser in Deutschland schließen, allein vier gibt es im Rhein-Main-Gebiet: in Frankfurt, Königstein, Oberursel und Wiesbaden. Als Grund gilt eine zu geringe Auslastung, die unter 70 Prozent liegen soll.
Zunahme ambulanter Pflegedienste
Als eine Erklärung für die generell gesunkene Nachfrage sieht Crößmann die Zunahme ambulanter Pflegedienste, von denen es in Hessen inzwischen mehr als 1000 gebe. In Frankfurt liege außerdem die besondere Situation vor, dass die Stadt einen sehr hohen Ausländeranteil habe, es aber nur ein einziges Haus gebe, das interkulturell ausgerichtet sei. Ausländische Bürger würden in die Berechnung der demographischen Entwicklung einbezogen, tatsächlich aber in den allermeisten Fällen zu Hause gepflegt.
Auch Frédéric Lauscher, Geschäftsführer des stadtnahen Frankfurter Verbands für Alten- und Behindertenhilfe, ist der Meinung, dass manche Investoren von einer demographischen Entwicklung ausgingen, die es in Frankfurt gar nicht gebe. „Frankfurt wird durch den Zuzug junger Arbeitnehmer nicht so schnell altern wie andere Regionen, etwa die ländlichen Gegenden Hessens.“ Tendenziell gehe die Auslastung der Heime zurück. In manchen Stadtteilen Frankfurts liege die Belegungsquote unter 85 Prozent, das sei „wirtschaftlich längst nicht mehr vertretbar“. Manche Häuser, die einen guten Ruf hätten, seien aber nach wie vor gut ausgelastet, dort gebe es auch noch Wartelisten.
Sparen am Stück Kuchen
Eine Expertin, die mit der Situation der Pflegeheime in Frankfurt vertraut ist, aber ungenannt bleiben möchte, sagt, dass einige knapp belegte Heime in Frankfurt Zimmer umwidmeten, um auch Alkoholkranke oder Behinderte unterbringen zu können. Für die Differenz zwischen der tatsächlichen Auslastung und der Belegungsquote von 98 Prozent müssten die Heime selbst aufkommen. Sie sparten dann am Personal oder auch an Serviceleistungen: „Dann gibt es nachmittags einen Schokokuss anstatt ein Stück Kuchen.“
Einmal im Jahr prüfen die regionalen Heimaufsichten die Auslastung der Einrichtungen und die Qualität der Pflege. Wenn eine Behörde – auch außerhalb jener Prüfung – erfahre, dass ein Heim nicht ausreichend belegt sei, werde die Wirtschaftsfähigkeit der Einrichtung sofort geprüft, sagt Crößmann.
Plätze abbauen sei die schlechteste Alternative
Wie die Stadt Frankfurt rät auch Offenbach Investoren ab, weitere Einrichtungen zu bauen. Das Offenbacher Sozialamt ist besorgt, weil zwei neue Großprojekte geplant sind, die 300 zusätzliche Pflegeplätze schaffen sollen. „Wir sind gut ausgelastet, aber auf einen Platz muss hier schon jetzt niemand warten“, sagt Heidi Weinrich, die im Sozialamt für die Altenplanung zuständig ist. Die 300 zusätzlichen Betten brauche niemand. Ein riesiges Problem sei auch der Mangel an Pflegefachkräften. „Die Heime nehmen sich gegenseitig das Personal weg.“ Über kurz oder lang müssten mehr Pfleger und Pflegerinnen aus Osteuropa eingestellt werden. Regionen, in denen die Nachfrage nach Heimplätzen noch groß sei, sind Crößmann zufolge der Hochtaunuskreis sowie die Städte Darmstadt und Wiesbaden. Vor allem im Hochtaunuskreis würden weiter teure Seniorenresidenzen gebaut. Heidi Weinrich von der Stadt Offenbach hat beobachtet, dass viele Menschen ihre Angehörigen in Heimen in ländlichen Regionen unterbringen möchten. Dort seien die Heimplätze deutlich günstiger als in Frankfurt und Offenbach.
Um die „Durststrecke“ in der Nachfrage zu überwinden, sollten die Häuser neue Angebote entwickeln, etwa das Tagespflegeangebot erweitern oder sich auf einzelne Krankheiten spezialisieren, rät Crößmann. Abbauen dürfe man die Platzzahl jedenfalls nicht. Sonst sei man nicht auf die „Menschenmassen“ vorbereitet, die in der Zukunft auf Pflege angewiesen seien.