05.09.2007 · Die Ernst-Reuter-Schule 1 in Frankfurt besuchen 450 Schüler aus rund 30 Nationen. Diese Vielfalt nicht als Nachteil, sondern als Chance zu begreifen, das hat sich das Oberstufengymnasium zur Aufgabe gemacht.
Von Stefan ToepferWer ein Exil sucht, kann es an dieser Schule haben. Für 50 Cent, regelmäßig. „Exil“ heißt die Schülerzeitung an der Ernst-Reuter-Schule 1. Nicht ohne Grund: Der Name erinnert an den Namensgeber der Schule, einen Sozialdemokraten, der vor den Nationalsozialisten in die Türkei floh und nach Kriegsende Regierender Bürgermeister von Berlin wurde. „Außerdem kommen viele Schüler aus Zuwandererfamilien, für sie ist Deutschland in gewisser Weise ein Exil“, sagt Mozgan Satar, Redakteurin der Zeitung.
Ihre Eltern kommen aus Afghanistan. Zwei Drittel der 450 Schüler des Oberstufengymnasiums im Stadtteil Niederursel haben familiäre Wurzeln im Ausland. Rund ein Drittel der Schüler sind Muslime. Für die Lehrer Anlass genug, in einem „Schulkonzept“ Grundlagen für ein „interkulturelles Lernen“ zu benennen und die Vielfalt der Schülerschaft nicht als Problem, sondern als Chance für Verständigung und einen respektvollen Umgang zu begreifen. Ziel ist, die Schüler zu befähigen, immer auch die Perspektive anderer in ihre Meinungsbildung einzubeziehen, wie Angelika Rieber, Politik- und Geschichtslehrerin, sagt.
Auszeichnung für Verständigung und Zusammenarbeit
Die Schule unternimmt viel in dieser Hinsicht – nicht ohne Grund ist sie vor einem Jahr bei einem regelmäßig stattfindenden Schulen-Wettbewerb der in Bad Homburg ansässigen Herbert-Quandt-Stiftung ausgezeichnet worden. „Für die intensive Zusammenarbeit mit Vertretern von Judentum, Christentum und Islam im Religions- und Ethikunterricht, der Entwicklung von Sprachförderkonzepten und curricularer Arbeit“, so die Stiftung. 8000 Euro bekam die Schule.
Seit vier Jahren bilden Lehrer eine „Arbeitsgemeinschaft Interkulturelles Lernen“, um den Schülern Impulse für ein von mehr Verständigung geprägtes Miteinander zu vermitteln. Schon seit 13 Jahren besuchen frühere Frankfurter, die als Juden während der NS-Zeit verfolgt wurden und die Stadt verlassen mussten, die Schule und sprechen mit Schülern über ihre Erfahrungen. Relativ neu hingegen ist ein Schüleraustausch mit der Ernst-Reuter-Schule in Ankara, einer Privatschule der deutschen Botschaft. In der türkischen Hauptstadt hatte der SPD-Politiker Reuter Arbeit gefunden und 1939 eine Professur für Kommunalwissenschaft an der Verwaltungsakademie erhalten.
Im vergangenen September waren Schüler aus Frankfurt in Ankara, im Mai dieses Jahres gab es einen Gegenbesuch. Bei dieser Gelegenheit gingen die Schüler in Frankfurt auf „Spurensuche“ und stellten etwa Persönlichkeiten vor, die während der NS-Zeit in die Türkei emigrierten. Die Besuche hätten dazu beigetragen, ein Verständnis für andere Kulturen zu entwickeln und respektvoller miteinander umzugehen, sagt die griechischstämmige Zwölftklässlerin Wicki Menexes. „Vieles von dem, was die Diplomatenkinder an der Reuter-Schule in Ankara in der für sie fremden Türkei erlebt haben, haben wir in Deutschland auch so empfunden“, meint Temel Özen, der an der Schule vor kurzem Abitur gemacht hat und an der Reise teilgenommen hatte.
Im Unterricht wird über Vorurteile gesprochen
Im Schulalltag finden die Erfahrungen der Schüler im Umgang mit Menschen anderer Kulturen zwangsläufig Eingang in den Unterricht. Etwa, was naheliegt, im Religions- und Ethikunterricht: Gemeinsam mit seinen Ethik-Kollegen hat der katholische Religionslehrer Wolfgang Schmitt-Gauer etwa ein kursübergreifendes Projekt veranstaltet, in dem es um Abraham ging, der als Stammvater von Judentum, Christentum und Islam gilt. Aber auch im Fach „Darstellendes Spiel“ haben sich Schüler mit Vorurteilen gegenüber Deutschen und Zuwanderern befasst. „Ein Vorurteil ist etwa, alle Deutschen seien Nazis, oder Lehrer gäben Schülerinnen mit Kopftuch schlechtere Noten“, berichtet Nicha Mpaki. Sie wurde 1987 in Kinshasa geboren und kam als Kleinkind nach Deutschland.
Sogar im Lateinunterricht kann über Multikulturelles gesprochen werden – etwa anhand von Caesars Beschreibungen über das von ihm eroberte Gallien und das Aufeinanderstoßen der römischen und der gallischen Kultur. „Die Schüler haben ein Händchen dafür, das zu interpretieren“, sagt Lehrerin Birgit Ausbüttel.
Ein Thema hat die Schüler in der vergangenen Zeit besonders bewegt: Von einem Tag auf den anderen waren mehrere muslimische Schülerinnen mit Kopftuch in die Schule gekommen. Es gab Debatten darüber. „Wir haben in der ,Demokratiewerkstatt‘ über die Frau im Islam geredet“, berichtet Linnea Heinzmann. Mozgan Satar, die Muslima ist, aber kein Kopftuch trägt, nahm dazu in der Schülerzeitung kritisch Stellung. Es gab auch eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Die Verwirklichung der Frau im Islam“.
Diskussion über Mohammed-Karikaturen
Auch Themen wie der Streit um die Mohammed-Karikaturen, der Beitritt der Türkei in die Europäische Union oder die Erlebnisse eines Mannes, der zur Generation der Gastarbeiter gehört und der Großvater eines Schüler ist, wurden in der Schülerzeitung thematisiert – das „Exil“ ist ein wichtiges Forum.
Ebenso wie die Schülervertretung. Ihr gehört Aferdite Hasanaj an. Sie stammt aus dem Kosovo, ihre Familie war bis vor kurzem von der Abschiebung bedroht. „Da es einigen anderen Schülern auch so gegangen ist, haben wir das zum Thema gemacht“, sagt die Schülerin. Hilfreich war der öffentlichere Umgang damit auch für die Lehrer, denn sie ahnten plötzlich, warum einige Schüler schlechter wurden. „Wir sahen nur den Leistungsabfall, wussten ihn nun aber anders einzuordnen“, so die Englischlehrerin Katja Pahn.
Die Ernst-Reuter-Schule 1 ist nicht die einzige Schule in Frankfurt mit einer derart vielfältigen Schülerschaft. Eine Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Schulen wünschen sich die Lehrer der Reuter-Schule zwar, aber den Austausch mit Gymnasien, die eine homogenere Schülerschaft haben, gibt es so gut wie nicht, der mit Haupt- oder Gesamtschulen, die einen hohen Anteil von Migrantenkindern haben, brächte wenig.
Appell der „Exil“-Redaktion
So hat die Schule auf sich allein gestellt ein Konzept zur Sprachförderung entwickelt, das für die Quandt-Stiftung auch ein Grund war, die Schule mit einem Preis zu würdigen: In der elften Klasse gibt es für alle Schüler eine zusätzliche Deutschstunde, also insgesamt vier. Damit möchte die Schule den, so Deutschlehrer Peter Moritz, „sehr unterschiedlichen Sprachstand der Schüler“ aneinander angleichen. Hinzu kommt ein freiwilliges Sprachangebot, das die Schule gemeinsam mit der Volkshochschule macht.
Das Preisgeld der Quandt-Stiftung wird genutzt, um dieses Programm zu finanzieren. „Defizite gibt es vor allem beim Schreiben“, urteilt Moritz. Rieber bemängelt, dass es für dieses Programm kein Geld vom Kultusministerium gibt. „Die Spannbreite ist groß: Es gibt Flüchtlingskinder, die gebildete Eltern haben und sich leichter tun mit der Sprache, und andere, deren Eltern fast Analphabeten sind“, sagt sie.
An alle 450 Schüler richtet sich ein deutlicher Appell der „Exil“-Redaktion: die Schule selbst „als Zufluchtsort“ zu begreifen, die einem Bildung vermittele. „Bildung ist der Schlüssel zu einem besseren Leben.“
Engagierte Lehrer braucht das Land
Rene Meyer (matrix1329)
- 05.09.2007, 13:37 Uhr
@Bernd Volkhardt
angela roberts (angero)
- 05.09.2007, 16:40 Uhr