16.03.2010 · Der Platz könnte das Wohnzimmer der Stadt sein. Aber er ist alles andere als gemütlich. 25 Gymnasiasten wollen das ändern. Sie suchen ein Kunstwerk für den Roßmarkt.
Von Matthias Trautsch, FrankfurtHunderte Absätze klackern in den Kopfhörern. Die Räder der Kinderwagen rattern übers Kopfsteinpflaster. Motoren dröhnen, als an der Ampel die Autokolonne anfährt. Dann ein leichter Schwenk mit den Richtmikrofonen, die den Klangteppich in seine Fasern zerlegen. In einem der Bäume an der Kaiserstraße muss ein Vogel sitzen, der seine Stimme gegen Winter und Straßenlärm erhebt. Und gegen die Bässe, die unablässig unter der Erde wummern. Im U 60311, dem Techno-Club in der ehemaligen Unterführung, hat die Nacht auch zur Mittagszeit noch kein Ende gefunden.
Gemessen an dem, was über Mikrofone und Kopfhörer an die Ohren von Natascha und Fatama dringt, ist der Roßmarkt kein Ort zum Verweilen. „Es ist ein Platz zum Vorbeilaufen“, sagt die 18 Jahre alte Natascha. Kaum einer bleibe stehen, Gespräche seien nur vereinzelt zu hören. Daran wollen die beiden Zwölftklässlerinnen von der Musterschule etwas ändern. Sie gehören zu 25 Frankfurter Gymnasiasten, die ein Kunstwerk für den Roßmarkt aussuchen dürfen. Neben dem Gutenbergdenkmal soll ein Künstler eine zweite Skulptur errichten.
Warum ist dieser Platz so groß?
Beraten werden die Schüler bei ihrer Entscheidung von der Kuratorin Juliane von Herz. Als Partner für das Projekt „Roßmarkt hoch drei“ hat sie die Stadt, die Jugendkulturkirche Sankt Peter und das Museum für Moderne Kunst gewonnen, gefördert wird es von der Dr.-Marschner-Stiftung, der Aventis Foundation und der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. In den jungen Erwachsenen sieht sie Repräsentanten der Bürgerschaft, die an der Gestaltung des zentralen städtischen Platzes beteiligt werden soll. Denn das Ensemble aus Roßmarkt, Goethe- und Rathenauplatz ist seit seiner Neugestaltung vor zwei Jahren nicht richtig angenommen worden. Als „graue Steinwüste“ wird es wegen seiner dunkel gepflasterten Weitläufigkeit kritisiert, als „Platz des himmlischen Friedens“ wegen seiner Leblosigkeit verspottet.
In einem ersten Workshop für das Projekt haben sich die Schüler mit der Geschichte des Roßmarkts beschäftigt. „Ich hatte mich schon immer gefragt, warum der Platz so groß ist“, sagt die 19 Jahre alte Romy. Der Stadthistoriker Björn Wissenbach habe ihnen erzählt, dass auf dem Roßmarkt, seinerzeit noch ein unbefestigter Marktplatz außerhalb des eigentlichen Stadtkerns, tatsächlich einmal Pferde gehandelt worden seien. Wichtigster Abnehmer war das Postunternehmen der Familie Thurn und Taxis, die in der Nähe ihr Palais errichten ließ.
Die Wirkung von Kunst und Architektur im öffentlichen Raum
Doch was denken die Frankfurter heute über den Platz, der das Wohnzimmer der Stadt sein könnte und doch so unbewohnbar anmutet? Romy versucht es herauszufinden. Sie hält Passanten an, fragt, welche Begriffe ihnen zu dem Platz einfallen. Die Antworten, die sie in großen Lettern auf Papierbögen notiert, fallen nicht eben schmeichelhaft aus: „steril“, „Durchgangsstation“, „sinnlos“. In ihrem eigenen Urteil ist die Gymnasiastin von der Freiherr-vom-Stein-Schule nicht so eindeutig. Der Platz habe durchaus Potential, es fehle jedoch etwas, vielleicht seien es Sitzgelegenheiten, ein Café oder Musik.
Während die eine Schülergruppe unter Anleitung des Musikers Marc Behrens die Geräusche des Roßmarkts erkundet und die andere mit dem Journalisten Ulrich Sonnenschein Passanten befragt und fotografiert, ist eine dritte Gruppe mit der Kunstkritikerin Swantje Karich und zwei Architekten unterwegs. Sie beschäftigen sich mit der Wirkung von Kunst und Architektur im öffentlichen Raum. Es geht um autonome Kunstwerke, um optimale Achsen, um Beziehungen zu Ort und Geschichte.
Im Oktober soll das Kunstwerk errichtet werden
Sechs Namen stehen auf der „Shortlist“ der Künstler, die ihre Bereitschaft bekundet haben, ein Werk für den Platz zu schaffen. Kuratorin Herz spricht von „sehr prominenten, international tätigen Künstlern, die alle im Bereich der Skulptur arbeiten, aber sehr unterschiedliche Positionen vertreten“. Das könne eine Skulptur nach dem klassischen Werkbegriff sein, aber auch etwas Vergängliches wie das Mohnfeld von Sanja Ivekovic auf der Documenta 12. Gemeinsam hätten alle Künstler, dass sie sich auf den Ort beziehen wollten, was angesichts der komplexen Umgebung mit zwei vorhandenen Denkmälern – dem Goethes und dem Gutenbergs – ein anspruchsvolles Unterfangen sei.
Die Entscheidung für einen der Künstler haben die Schüler unter Ausschluss der Öffentlichkeit am vergangenen Wochenende getroffen. Den Namen will die Kuratorin erst bei der Auftragsvergabe in einigen Wochen bekannt geben. Im Oktober werde das Kunstwerk auf dem Roßmarkt errichtet, wo es für mindestens ein halbes Jahr stehen solle. Ein Stichwort, das dem Künstler eine Inspiration sein könnte, hat Romy auf einem der Zettel festgehalten. Es lautet „Puls“. Sie könne diese Assoziation eines Passanten nachempfinden, sagt die Schülerin: „Es stimmt, der Platz hat einen Puls, er ist immer in Bewegung.“