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Drogenkonsum 20 Haschpfeifen täglich: Ein Leben im Dauerrausch

21.06.2006 ·  Von der Droge wegzukommen, das ist nur der erste Schritt. Anschließend müssen die zuvor Abhängigen auch im Alltag wieder Tritt fassen.

Von Brigitte Roth
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Vor sieben Jahren hat er angefangen, „ziemlich regelmäßig“ Haschisch zu rauchen. Da war Harald Kummer (Name von der Redaktion geändert) sechzehn. Aus den anfänglichen Joints auf Partys am Wochenende wurde bald täglicher Konsum. Als Erklärung führt der heute Dreiundzwanzigjährige an, das habe sich durch einen neuen Freundeskreis so ergeben. Unter diesen Jugendlichen sei es normal gewesen zu „kiffen“. Haschisch wirke entspannend.

„Andere Probleme treten in den Hintergrund.“ Anfangs sei die Euphorie besonders groß gewesen. „Ich hatte regelrechte Lach-Flashs.“ In seinen Spitzenzeiten rauchte er 20 Wasserpfeifen mit Haschisch am Tag. Quasi im Dauerrausch war an Schule, Ausbildung und Alltagsbewältigung nicht mehr zu denken. Jetzt versucht er seit acht Monaten mit Hilfe der Therapieeinrichtung „Auf der Lenzwiese“ im Odenwald wieder Fuß im Leben zu fassen und Versäumtes nachzuholen. In diesem Haus des Suchthilfeverbunds „Jugendberatung und Jugendhilfe“ gibt es ein speziell auf cannabisabhängige junge Menschen zugeschnittenes Behandlungskonzept.

„Es wurde zur Gewohnheit“

Kummer wohnt seit drei Monaten nicht mehr im Haupthaus in Höchst-Hassenroth, sondern in einer etwa 20 Kilometer entfernt gelegenen Außenstelle in Rai-Breitenbach. In einem Architekturbüro in unmittelbarer Nachbarschaft macht er derzeit ein Praktikum, will später vielleicht einmal Architekt werden. Hätte sein exzessiver Haschischgebrauch ihn nicht aus der Bahn geworfen, würde Kummer wahrscheinlich längst studieren. Aber der einst gute Schüler schwänzte damals immer häufiger und rauchte Joints. „Nach einer gewissen Zeit war die Wirkung nicht mehr so da. Um entspannter zu werden, habe ich mehr geraucht. Das wurde zur Gewohnheit.“

Im Grunde begann das Dilemma mit der Scheidung der Eltern des damals Dreizehnjährigen. Die Trennung sei für ihn „hart“ gewesen, vor allem wegen der Streitereien. Bei ihm hätten sich die Eltern abwechselnd ausgeheult. Im selben Schuljahr blieb Kummer sitzen, kam in eine andere Klasse und verstand sich dort mit den Kiffern am besten. Er meint, ein Drittel bis die Hälfte der Jungen in dieser Klasse habe alle ein bis zwei Tage Haschisch geraucht. Ulrich Claussen, Leiter der „Lenzwiese“, ist über einen so hohen Anteil von Dauerkonsumenten überrascht, weiß aber, daß ein Drittel der Vierzehn- bis Siebzehnjährigen laut Deutscher Hauptstelle gegen die Suchtgefahren zumindest Erfahrungen mit Cannabis hat.

Kummer legte noch die mittlere Reife ab, wechselte dann auf eine Fachoberschule für Wirtschaft und Verwaltung. Glücklich war er dort nicht, aber seinem Vater zuliebe blieb er. Doch nach dem Unterricht zog sich der damals Siebzehnjährige in sein Zimmer zu Hause zurück und rauchte bei weit geöffnetem Fenster bis spät abends Haschisch. Er finanzierte das Rauschgift von seinem Taschengeld, ein paar tausend Euro hatte er noch auf dem Sparbuch. „Zum Dealen hatte ich nicht die Nerven.“

„Vom Haschisch bin ich satt“

Als er die Fachoberschule schließlich doch abbrach, ging es abwärts. Denn auch diverse Lehren hielt er nicht durch. Die Miete für die inzwischen eigene kleine Wohnung konnte er nicht mehr aufbringen, ihm wurde gekündigt. Kummer nächtigte bei Bekannten auf der Couch. So wollte er dann doch nicht weiterleben, und er faßte den Entschluß, aufzuhören mit dem Rauschgift. Doch die Abhängigkeit war zu groß, als daß er das noch alleine geschafft hätte. Ihm war übel, er zitterte und schwitzte, litt unter einer großen Unruhe.

Nach zwei Wochen rauchte er wieder einen Joint. Und wurde ganz ruhig. Auch ein zweiter Abstinenzversuch scheiterte. Kummer war jetzt endgültig klar, daß er alleine nicht aus der Sucht herauskommen würde, und meldete sich zur stationären Entgiftung an. In der psychiatrischen Klinik begann er, sich über sich selbst zu ärgern, „über die versauten Gelegenheiten“.

Jetzt will er sich mit klarem Kopf und Abstand von der Droge in Ruhe neue Perspektiven erarbeiten, nach einer Ausbildung zum Bauzeichner das Abitur und dann ein Studium nachholen. „Ich denke, meine Chancen sind gut, daß ich künftig die Finger von dem Zeug lasse.“ Andere Drogen hätten ihn nie gereizt, und „vom Haschisch bin ich satt“. In einem Schicksalsschlag, wenn beispielsweise ein naher Verwandter sterbe, sieht er ein gewisses Risiko für sich. Doch in der Rückfallprophylaxe „Auf der Lenzwiese“ habe er schon einige Gegenstrategien gelernt. „Früher habe ich alles in mich reingefressen. Jetzt rede ich darüber, wenn mich etwas beschäftigt. Das ist das wichtigste für mich.“

Depressive und Angststörungen

Diplompsychologe Claussen sagt, Cannabis sei unter Jugendlichen sehr verbreitet und die am meisten konsumierte illegale Substanz in Deutschland. Für die spezifischen Schwierigkeiten von Haschischabhängigen habe er ein spezielles Programm zur stationären Behandlung entwickelt. Das gehe zum Beispiel besonders auf depressive und Angststörungen ein, in verhaltenstherapeutischen Gruppensitzungen ausschließlich mit ehemaligen Haschischkonsumenten würden heikle Situationen und mögliche Abwehrmechanismen durchgespielt. Wer zum Beispiel abends zu Hause aus Langeweile Haschisch geraucht habe, werde auf andere Ideen gebracht - man könne jemanden anrufen, sich verabreden oder joggen gehen.

Der Tag für die Süchtigen in Höchst-Hassenroth ist mit Therapien und Aufgaben im Haus klar strukturiert und beginnt um 7 Uhr mit einem fünfzehnminütigen Morgenspaziergang vor dem Frühstück, um „wach zu werden ohne Kaffee oder Zigarette“. Harald Kummer fährt mit dem Bus nur noch montags zur „Lenzwiese“, um Organisatorisches zu besprechen; vor allem aber um sich in Gruppensitzungen weiter zu stabilisieren.

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