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Veröffentlicht: 12.03.2017, 09:04 Uhr

Digitalisierung Per Mausklick aus der Depression

Die Digitalisierung schreitet weiter voran und revolutioniert immer neue Gebiete. Psychotherapeuten könnten künftig von Online-Programmen ersetzt werden – oder etwa doch nicht?

von Laura Elsebach, Frankfurt
© Röth, Frank Schattenwelt: Menschen, die an krankhafter Schwermut leiden, nehmen das Alltagsgeschehen anders wahr als Gesunde.

Die Digitalisierung kennt keine Grenzen. Nicht einmal vor den Abgründen der menschlichen Seele macht sie noch halt. Mit Mood-Gym, I-Fight-Depression, Deprexis, Pro-Mind und dem TK-Depressions-Coach drängen vermehrt Online-Therapieprogramme auf den Markt, die gegen leichtere Formen von Depressionen helfen sollen. Dass diese wenigstens teilweise den Kontakt mit einem leibhaftigen Therapeuten durch einen „dynamischen Dialog“ mit dem Computer-Programm ersetzen sollen, mag gerade bei psychischen Krankheiten auf den ersten Blick befremdlich wirken.

Heike Winter, ehrenamtliche Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen und Therapeutin in Offenbach, ist aber geradezu begeistert. Die Programme seien erstaunlicherweise „hochwirksam“, sagt sie. Davon ausgehend, ließen sich zudem „unglaubliche Phantasien“ entwickeln: Apps zum Beispiel, die den Nutzer per GPS orten und, wenn er zum Beispiel gerade auf einen Bus wartet, daran erinnern, seine Mut-mach-Sätze aufzusagen.

Zu wenige Therapeuten

Jeder fünfte Deutsche leidet im Laufe seines Lebens mindestens einmal an einer sogenannten „depressiven Episode“. Die Betroffenen sind niedergeschlagen, freudlos oder desinteressiert, können sich schlecht konzentrieren und entscheiden. Viele leiden auch unter Schlaflosigkeit oder einem geringen Selbstwertgefühl. Gerade für Menschen, die auf dem Land leben, Kinder haben oder viel unterwegs sind, ist es laut Winter oft schwierig, sich in therapeutische Behandlung zu begeben. Online-Programme, die überall und jederzeit verfügbar sind und zudem einen niedrigschwelligen Zugang zu verhaltenstherapeutischen Methoden bieten, könnten für sie wie für andere Betroffene daher eine hilfreiche Alternative darstellen. Sie zu nutzen sei in jedem Fall besser, als überhaupt keinen Ansprechpartner zu haben, erklärt Winter.

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Christine Reif-Leonhard, Leiterin der psychiatrischen und psychotherapeutischen Ambulanz der Frankfurter Uniklinik, weist zudem darauf hin, dass es zu wenige Therapeuten gibt. Betroffene müssten oft zwei bis vier Monate lang auf einen Therapieplatz warten. Um solche Wartezeiten zu überbrücken und um Menschen mit leichteren Depressionen erste Informationen über ihre Krankheit sowie einfache Strategien an die Hand zu geben, wie sie mit ihr im Alltag umgehen können, seien die Programme durchaus geeignet. Leichte Schwankungen ließen sich so auffangen. Allerdings handele es sich nicht um eine fundierte Therapie. Um schwerere Formen der Krankheit zu behandeln, reichten die Programme nicht aus.

Die interaktiven Trainingsprogramme basieren auf Prinzipien und Methoden der Verhaltenstherapie. Der Reihe nach bearbeiten die Nutzer einzelne Module zu Themen wie Gedanken, Gefühle, Stressbewältigung und Beziehungen. Diese sollen ihnen sowohl Kenntnisse über ihre Krankheit und den Zusammenhang von Gedanken und Gefühlen vermitteln als auch Strategien, wie sie negative Denkmuster und Wahrnehmungsweisen überwinden können. Begleitet werden die Nutzer dabei von Beispielpatienten, die in Bildern, Videos und Audiodateien auftreten. Sie zeigen alternative Sichtweisen auf und sollen dazu anregen, das eigene Denken zu ändern. Die Nutzer beantworten in den einzelnen Lektionen außerdem Fragebögen, schreiben Briefe oder Emotionsprotokolle und bekommen Aufgaben, zum Beispiel bestimmte Strategien im Alltag zu trainieren. Die Programme lassen sich in zwei Untergruppen aufteilen: Das von der AOK angebotene Mood-Gym, I-Fight-Depression von der „European Alliance against Depression“ und das kommerzielle Deprexis, das Mitglieder der DAK kostenlos nutzen können, sind sogenannte Stand-alone-Programme. Sie funktionieren vollautomatisch. Rückmeldung erhalten die Nutzer dabei nur über Verlaufspläne ihrer Stimmungen und Fortschritte sowie über Selbsttests. Beim TK-Depressions-Coach hingegen wird der Nutzer von einem „echten“ Therapeuten begleitet, der regelmäßig schriftliche oder telefonische Rückmeldungen gibt. Auch Pro-Mind, das Programm der Barmer, stellt dem Nutzer bei Bedarf einen Therapeuten zur Seite, der ihn als E-Coach unterstützt.

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