06.04.2005 · Glühbirne wechseln fünf "Bockis", Hemden bügeln 20, Hose kürzen zehn und Haare schneiden 15 "Bockis". Die Vergütung richtet sich nach dem Zeitaufwand: Eine Stunde kostet 20Punkte, die sogenannten "Bockis".
Glühbirne wechseln fünf "Bockis", Hemden bügeln 20, Hose kürzen zehn und Haare schneiden 15 "Bockis". Die Vergütung richtet sich nach dem Zeitaufwand: Eine Stunde kostet 20Punkte, die sogenannten "Bockis". Es spielt keine Rolle, was einer arbeitet: Der Akademiker, der Lateinunterricht gibt, wird genauso "bezahlt" wie der Handwerker, der eine neue Lampe aufhängt. "Das ist viel gerechter", sagt Wolfgang Strossa vom Tauschring Bockenheim. Diese Form der erweiterten Nachbarschaftshilfe werde von vielen Bürgern nachgefragt. In Frankfurt gibt es etwa ein halbes Dutzend Tauschringe, die jedoch zumeist keine Homepage besitzen und nicht einheitlich organisiert sind.
Geben und nehmen sei das Prinzip ihrer Bürgerinitiative, sagt Gudrun Born vom Zeit-Tauschring Frankfurt Nordwest. Niemand könne mehr Dienste in Anspruch nehmen, als er selbst anbiete. Jeder müsse sich zuerst Punkte erarbeiten, um diese dann wieder ausgeben zu können. "Es ist nicht so, daß sich die einen abzappeln und die anderen zurücklehnen", sagt Born. Es gehe um gegenseitige Hilfe und um Verbindlichkeit. Sie habe festgestellt, daß die Hilfsbereitschaft der Menschen enorm groß sei, es gebe sehr viele Angebote. Rüstige Senioren vor allem engagierten sich: Sie begleiteten Hilfsbedürftige zum Arzt oder zu Behörden, erledigten Einkäufe oder fütterten die Katze in der Urlaubszeit. Viele ältere Mitglieder seien froh, ihre beruflichen Fähigkeiten noch einmal einsetzen zu können.
Angebote und Nachfragen werden in einer Mitgliederzeitung veröffentlicht. Darunter sind auch ausgefallene Ideen, zum Beispiel bietet einer Hilfe beim Kleiderkauf an oder beim Navigieren eines Segelbootes. Die Interessenten setzen sich direkt mit den Anbietern in Verbindung. Jedes Mitglied besitzt ein Scheckheft und behält so den Überblick über seinen Kontostand. Dort werden für erledigte Arbeiten Punkte gutgeschrieben und für erhaltene Dienste Punkte abgezogen. Spätestens zum Jahresende muß das Konto ausgeglichen sein, denn Schulden dürfen nicht gemacht werden. Mit einer Ausnahme: Ältere Menschen, die selbst nichts anbieten können, zahlen für die Dienste vier Euro je Stunde.
Strossa kann sich vor Nachfragen kaum noch retten. Er wird gerufen, um Ikea-Möbel aufzubauen oder eine abgebrochene Gardinenstange zu befestigen. Der Bockenheimer ist seit längerer Zeit arbeitslos und seit Januar Hartz-IV-Empfänger. Er ist froh, etwas tun zu können und mit seinem handwerklichen Geschick den anderen 107 Mitgliedern des Tauschrings helfen zu können. "Ich wollte nicht mehr mit dem Fernseher kommunizieren." Für kleine Reparaturen komme heute kein Handwerker mehr vorbei, dabei würde es sich lohnen, weil die meisten Menschen zwei linke Hände hätten. Aber dennoch handle es sich nur um Nachbarschaftshilfe und nicht um Schwarzarbeit, hebt Strossa hervor. Manchmal komme er gar nicht mehr dazu, seine Punkte auch wieder auszugeben. Im Tauschring können zudem auch Gegenstände veräußert werden: Strossa beispielsweise legte sich Chi-Gong-Kugeln für fünf "Bockis" zu, nun entspannt er sich in seiner Freizeit damit.
Da sich viele Menschen schämten, Hilfe anzunehmen, böten ihnen die Tauschringe die Möglichkeit, auch etwas zurückzugeben. "Sie überlegen sich dann, was sie selbst leisten können", sagt Ludwig Angerer von der Zeitpunkt-Selbsthilfegruppe in Schwanheim. Auch Born hat die Erfahrung gemacht, daß die meisten Menschen sich erst im Notfall von anderen unterstützen ließen. Deswegen gebe es fast doppelt so viele Angebote wie Gesuche. Als Born sich den Fuß gebrochen hatte, boten ihr viele Mitglieder Hilfe an. "Das tat richtig gut", sagt sie. Die traditionelle Nachbarschaftshilfe funktioniere in einer so großen und anonymen Stadt wie Frankfurt nicht mehr, daher würden die Tauschringe gebraucht, sagt Born. Auch bringe diese Art der Nachbarschaftshilfe verschiedene Generationen zusammen. Eine Achtundvierzigjährige besuche einmal in der Woche eine Achtzigjährige, um mit ihr zu reden, Karten zu spielen und sie im Rollstuhl spazierenzufahren. Für ihre "Bockis" leiste sich die Betreuerin dann eine Hilfe beim Ausrichten von Geburtstagspartys. "Nicht nur Kranke und Bedürftige interessieren sich für unsere Angebote", sagt Born. ELLEN POSCHEN
Weitere Informationen und Adressen gibt es unter der Internetadresse www.tauschring.de.