19.03.2004 · "Sie sehen es. Sie fühlen es. Sie sind mitten drin." Bilder "so echt wie die Wirklichkeit" verspricht der Slogan auf der riesigen Leinwand den Cineasten im Kino Fünf. Noch schnell in die XL-Popcorn-Tüte gegriffen, die Füße auf die Rückenlehne der Vorderreihe gelegt, und dann gehts los.
"Sie sehen es. Sie fühlen es. Sie sind mitten drin." Bilder "so echt wie die Wirklichkeit" verspricht der Slogan auf der riesigen Leinwand den Cineasten im Kino Fünf. Noch schnell in die XL-Popcorn-Tüte gegriffen, die Füße auf die Rückenlehne der Vorderreihe gelegt, und dann gehts los. Als die ersten Szenen der "Passion Christi" von Mel Gibson auf der Leinwand erscheinen, wird es still im Publikum.
"Das war schlimmer, als ich gedacht hatte", sagt der Schüler Marc Beresheim am Schluß. "Ganz schön berührt" ist auch seine Mutter. Szenen wie die Kreuzigung in jedem grausamen Detail nachzustellen, hält sie für legitim. Mord und Totschlag würden heutzutage doch so häufig gezeigt, ohne daß "eine Message dahintersteht". Gibsons Darstellungen dagegen könnten so manchen Zuschauer vielleicht etwas "aufrütteln" und dazu motivieren, sich sowohl mit der Historie als auch mit religiösen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Eine junge Frau nickt zustimmend. Sie findet den Film "überwältigend". Zudem sei alles originalgetreu "nach der Bibel" gedreht. "So ist es gewesen", beteuert die Frau. Und deshalb wird sie sich den Film auch noch einmal ansehen: Für den Karfreitag werde die freie christliche Gemeinde, der sie angehöre, einen Kinosaal mieten, um sich gemeinsam die "Passion Christi" anzuschauen. Ihre beiden Begleiterinnen, darunter eine Zeugin Jehovas, sind ebenfalls beeindruckt von Gibsons Hollywood-Inszenierung und hoffen, der Film werde "den Menschen die Augen öffnen für das, was Jesus für sie getan hat".
Doch das "Drehbuch Bibel" gibt noch mehr her. Hier werde die schwache Natur des Menschen thematisiert, meint eine Frau im Vorbeigehen. Für die Buchhalterin hat der Film demonstriert, daß viele Menschen nicht stark genug seien, um gegen Unrecht zu kämpfen. "Sie glauben lieber als zu denken", sagt die Frau und geht weiter.
Viele verlassen den Kinosaal schweigend. Manche wollen sich noch nicht über den Film äußern und ihn erst einmal "sacken" lassen. Bis zum Ende haben die meisten aber durchgehalten. Nur eine Handvoll Zuschauer hat sich bereits in der ersten Hälfte des Films still aus dem Kino geschlichen: Die Geißelungs-Szene, in der sich Christus-Darsteller Jim Caviezel an den Händen gefesselt auf dem steinigen Boden vor Schmerzen windet, blutüberströmt, den Körper mit unzähligen, klaffenden Striemen bedeckt, aus denen das wunde Fleisch zum Vorschein kommt, konnten sie nicht ertragen. Für den 22 Jahre alten Spiros Anastassiadis ist dies völlig unverständlich. Er ist überzeugt, ohne die blutigen Szenen hätte Gibson seine "Botschaft" nicht eindringlich genug vermitteln können. Schließlich habe der Regisseur darstellen wollen, wie sehr Christus in den letzten Stunden seines Lebens gelitten habe. "Mit weniger Blut und Gewalt geht es nicht, denn sonst fühlen die Menschen nicht mit", so der Quentin-Tarantino-Fan. In dem Moment auszublenden, in dem die Geißel auf die nackte Haut trifft, und auf diese Weise die grausamen Bilder der Imagination der Zuschauer zu überlassen, sei hier nicht wirkungsvoll genug. Man müsse sehen können, "wie die Striemen auf dem Körper entstehen", meint der Schüler.
Er ist einer der letzten, die aus dem Kino kommen. Bereits beim Abspann hätten sie heftig über den Film diskutiert, verrät seine Begleiterin Janine Farrouh. Sie kritisiert die schonungslosen Darstellungen: "Ich hab' die ganze Zeit gedacht, daß Gibson es toll fand, wie schlimm es damals war." Daß der Film bereits von 16 Jahren an freigegeben ist, finden allerdings beide unverantwortlich. Dafür seien viele Szenen zu brutal.
Gewaltverherrlichend und "sadistisch" habe der Film auf ihn gewirkt, stimmt der 22 Jahre alte Hamza Saber der jungen Frau zu. Was ihn am meisten gestört hat, war Gibsons Anspruch an sein Werk: "Der Film soll bekehren. Das hat er aber nicht." Ob er bei manchen Szenen weggeschaut habe? Nein - zumindest nicht bei den blutigen Folterungen, aber bei den Kindern, die wie Dämonen aussahen, da habe er einmal nicht hingesehen, gibt der Schüler zu. Empfehlen würde er den Film nicht. Nur für diejenigen "die Qualen sehen möchten". Und auch dann: "Auf jeden Fall bitte erst ab 18!" SIBYLLE BAUMBACH