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Die neuen Frankfurter : Zuwanderer wohnen beengter als Einheimische

Klingelschild-Klaviatur: Viele Zuwanderer zahlen einen höheren Quadratmeterpreis als Deutsche. Bild: Picture-Alliance

Migranten leben anders als Deutsche: Vor allem Neuankömmlinge wohnen auf weniger Platz. Schon die Suche nach einer Bleibe ist manchmal schwierig.

          Noah Hawaa ist eine Ausnahme. Das mag zuerst seltsam finden, wer seine Geschichte hört: Hawaa ist 28 Jahre alt und flüchtete aus dem syrischen Aleppo. Dort sah er zwischen Bomben und einem repressiven Staat keine Zukunft mehr. Zuerst lebte er danach in einem zentralen Auffanglager bei Gießen, dann in einem kleinen Appartement in Kronberg. Anders als viele Flüchtlinge hat er jedoch inzwischen ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft auf dem freien Markt gefunden. Der Betriebswirtschaftler arbeitet in einem größeren Unternehmen, spricht mittlerweile gut Deutsch.

          Für sein WG-Zimmer zahlt der junge Mann um die 300 Euro warm. Das ist günstig für Frankfurt, und auch Noah Hawaa weiß das. Wie viele andere Studenten und Auszubildende hat er sich beim Portal „WG Gesucht“ für die Wohnung beworben und ist zum Casting gekommen. Es passte zwischen ihm und seinen zwei Mitbewohnern. Seit April wohnt er mit ihnen zusammen.

          Frankfurt: Migranten zahlen zehn Cent mehr je Quadratmeter

          Hawaa ist deshalb eine Ausnahme, weil er günstigen Wohnraum gefunden hat. Das ist in Frankfurt ohnehin nicht einfach. Für einen Flüchtling ist es aber noch schwerer. Das zumindest sagt die Wohnraumhilfe der Caritas. Nach ihren Angaben leben von den 4300 Flüchtlingen in der Stadt die wenigsten in „regulärem Wohnraum“. Die Wohnraumhilfe habe seit Anfang 2016 etwa 200 Personen vermittelt. Die meisten ziehen häufig um, von Zwischenlösung zu Zwischenlösung.

          Hawaas Geschichte zeigt, dass Menschen, die neu in die Stadt ziehen, durchaus eine Wohnung und Anschluss finden können. Als Flüchtling, der erst 2015 nach Deutschland kam, ist Hawaa jedoch nicht in den Zahlen und Statistiken repräsentiert, die im Monitoring des Amts für multikulturelle Angelegenheiten über den Stand der Frankfurter Integration vorgestellt werden. Der Bericht zeigt nur die Entwicklungen bis 2014 – bevor ein großer Teil der Ausländer, die nun in Frankfurt leben, in die Stadt kam. Und auch die Zahlen vor 2015 haben Lücken. So ist die Teilnahme an der Mietspiegelbefragung nicht verpflichtend und kann daher verzerrt sein. Andere Daten sind dem Amt zufolge für Ausländer nicht repräsentativ, zum Beispiel die Eigentümer-Quote.

          Fakt ist der Behörde zufolge jedoch: Migranten und Ausländer wohnen oftmals nicht so wie Deutsche. Analysen zeigten, dass die Bevölkerung mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Deutschland „trotz schlechterer Wohnbedingungen höhere Quadratmetermieten“ zahle. So heißt es in dem Bericht. In Frankfurt hätten im Jahr 2014 Menschen mit Migrationshintergrund zehn Cent mehr je Quadratmeter gezahlt, wenn sie allein lebten. 20 Cent mehr seien es gewesen, wenn sie in einem Mehrpersonenhaushalt lebten, wie aus einer Befragung für den Mikrozensus hervorgeht. Zu beachten sei jedoch, dass höhere Mieten auch durch eine größere Wohnung zustande kommen könnten, die eine kinderreiche Familie benötige. Dass Ausländer bewusst diskriminiert würden, bewiesen die Daten nicht, heißt es aus dem Amt. In die Statistik fließen außerdem auch die gutverdienenden Banker aus Großbritannien oder den Vereinigten Staaten ein.

          Wohnen Ausländer also anders als Deutsche?

          Der Anteil des im Monat zur Verfügung stehenden Geldes, den die Bewohner für ihre Wohnung aufwenden müssen, variiert je nach Migrationsgeschichte, wie der Bericht zeigt. Daten des Mikrozensus untermauern diese Beobachtung: Knapp ein Viertel der Migranten müssen mehr als 40 Prozent ihres Haushaltseinkommens für Miete ausgeben. Die Mietbelastung für Menschen ohne Migrationshintergrund liegt dagegen nur für knapp ein Fünftel der Menschen bei mehr als 40 Prozent. Da Migranten im Schnitt jedoch weniger verdienen als Deutsche, erklärt sich zumindest teilweise, wieso sie einen größeren Anteil ihres Geldes für die Miete ausgeben müssen.

          Während sie nach den Angaben der Behörde mehr für den Quadratmeter zahlen und einen größeren Anteil ihres Einkommens aufwenden, haben die Migranten oft weniger Wohnraum als ihre deutschen Mitbürger: Etwas mehr als 24 Quadratmeter hat jeder in einer Familie mit Migrationshintergrund im Schnitt zur Verfügung, in einer Familie ohne Migrationsgeschichte sind es knapp 35 Quadratmeter. Dass Migranten weniger Raum zur Verfügung haben, liegt nach Einschätzung der Stadt am mangelnden Angebot großer Wohnungen, an den geringeren Einkommen, die diese Familien oft hätten, und daran, dass sie oft größer seien als deutsche Familien.

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          Doch auch Einzelpersonen wohnen auf kleinerem Raum, wenn sie Ausländer oder Migranten sind – laut Mietspiegelbefragung haben Ausländer 2013 knapp elf Quadratmeter weniger zur Verfügung als Deutsche. Migranten haben nach Daten des Mikrozensus 2014 in etwa acht Quadratmeter kleineren Wohnungen gelebt.

          Was der Bericht außen vor lässt, sind die Entwicklungen des Einzelnen innerhalb der Gruppe der Migranten und Ausländer. Türken und Italiener, die in den sechziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen und zunächst vermehrt ins Gallus zogen, haben sich inzwischen mitunter Immobilien gekauft, vermieten diese und wohnen selbst auf dem Riedberg, oder, so wie Noah Hawaas türkische Vermieterin, im Nordend.

          Wohnen Ausländer also anders als Deutsche? Ja und nein, möchte man antworten. Die, die neu in die Stadt kommen, wohnen wohl oft beengter, die, die eine große Familie mitbringen, auch. Doch es gibt auch viele, die genauso leben wie ihre deutschen Nachbarn – in Wohngemeinschaften, geräumigen Wohnungen im Westend oder in den teuersten Türmen der Stadt.

          DIE NEUEN FRANKFURTER

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