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Die Grünen : Adidas oder Puma? Nike!

Nachdem er im Dezember 1985 im hessischen Landtag als neuer Minister für Umwelt und Energie vereidigt worden, bezieht Joschka Fischer sein neues Büro. Bild: dpa

Der Journalist Claus-Jürgen Göpfert beleuchtet in seinem neuen Buch den langen Weg zur Entstehung der Grünen und Joschka Fischers Sprint an die Macht.

          Was für ein intellektueller Magnet Frankfurt war. Adorno, Habermas, Negt lauteten die Namen, die die aufgeweckten jungen Leute in den späten sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu Tausenden in die Stadt und an die Goethe-Universität zogen. Wer dem Geist der Zeit auf der Spur war, den zog es damals nach Berlin oder eben nach Frankfurt. Der Rest war Provinz.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Und was für ein gesellschaftspolitisches Schlachtfeld sich auftat in der unwirtlichen Stadt der Banken, der Amerikaner und der in Selbstgefälligkeit erstarrten Sozialdemokratie. Straßenschlachten während der Studentenrevolte, der Häuserkampf im Westend, die Attentate der RAF, der Kampf um die Startbahn West. Im Rückblick erscheinen die Jahre von 1968 bis 1984 wie ein einziger Kampf.

          In dieser Atmosphäre entstand ein Begabungsreservoir, das Frankfurt zu einer wichtigen Keimzelle der Grünen machte: Die Namen Jutta Ditfurth, Daniel Cohn-Bendit, Tom Koenigs und schließlich Joschka Fischer sind bis heute geläufig. Weitere Talente gediehen in diesem Milieu und suchten sich später einen Berufsweg außerhalb der Politik: Johnny Klinke, KD Wolff und andere.

          Die Realos sind da

          Der Journalist Claus-Jürgen Göpfert beleuchtet nun in einem Buch, wie es kam, dass Frankfurt in der Gründungsphase der Grünen eine besondere Rolle spielte. Göpfert, der seit 1980 die Kommunalpolitik in Frankfurt beobachtet, seit 1985 für die „Frankfurter Rundschau“, greift in seiner Parteigeschichte zu Recht bis 1968 aus, um die verschiedenen Strömungen zu analysieren, die sich dann Ende der siebziger Jahre zur neuen alternativen Gruppierung vereinigten: die Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung, aber auch Reste der K-Gruppen.

          Frankfurt zählte zu den ersten Städten, in deren Kommunalparlament die Grünen einzogen. Hier dominierten zunächst die Ökofundamentalisten um Jutta Ditfurth, doch schon nach wenigen Jahren kaperten die früheren Spontis um Joschka Fischer die Partei. Sie stellten die sogenannten Realos, die machtorientiert und kompromissbereit waren.

          Fischer selbst hielt sich lange zurück, erst 1982 trat er in die Partei ein, um dann rasch zu ihrem großen Star zu werden. Im November 1980 plädierte er zwar dafür, die Grünen bei der anstehenden Kommunalwahl im März 1981 zu wählen. Doch er fügte hinzu: „Macht euch bloß keine falschen Vorstellungen von den grünen Politikern. Die eine Hälfte kommt aus der Konkursmasse der verschiedensten kommunistischen und Arbeiterparteien, die ja bekanntlich außer Parteien und Zentralorganen noch nie etwas hingekriegt haben, und die andere Hälfte erinnert an einen Herbstwald.“

          Sie bewahrten sich einen Rest an Humor

          Göpferts Erzählung profitiert von der persönlichen Anschauung; er war bei vielen Parteitagen dabei, zudem hat er mit vielen Akteure von damals gesprochen. Zugleich urteilt er abgewogen und fundiert, das gilt auch für die heiklen Themen wie die Gewaltexzesse der Spontis. In seinem Buch finden die Tugenden von Journalist und Zeithistoriker aufs angenehmste zusammen. Dass sich Göpfert auf die Szene in Frankfurt und in der hessischen Landespolitik konzentriert, ist Stärke und Schwäche des Buchs zugleich: Diese Perspektive ist naturgemäß ein wenig eng, als ergänzende Lektüre zum überregionalen Zusammenhang empfiehlt sich die glänzende Studie von Silke Mende zur Gründungsgeneration der Grünen.

          Göpfert gelingt es, die Entwicklungen auch für Nachgeborene nachvollziehbar zu machen. Er bietet weit mehr als eine Zusammenfassung der wichtigsten, sattsam bekannten Meilensteine in der Geschichte der Grünen, etwa die Vereidigung Fischers 1985 zum hessischen Umweltminister in Turnschuhen. Wobei man in diesem Fall die hübsche Zusatzinformation erhält, dass die Grünen intern zunächst darüber debattierten, ob Fischer Schuhe von Adidas oder Puma tragen sollte. Dass es am Ende ein Paar von Nike wurde, spricht für die Ironiefähigkeit der Grünen.

          Überhaupt bewahrten sich die Grünen bei allem Pathos, das die eigene Weltrettungsmission mit sich brachte, einen Rest an Humor. Dafür steht eine kleine Szene: Als sich Realos und Fundis auf einem Parteitag im Oktober 1985 in Neu-Isenburg wieder einmal heftig bekriegten, trat der Kabarettist Matthias Beltz auf: Sein Programm bestand nur darin, die absurdesten Sätze vorzutragen, die im Laufe des Vormittags in den Debatten gefallen waren. Das Publikum amüsierte sich königlich über sich selbst.

          Pflichtlektüre für Frankfurter Gymnasien - bis Seite 232

          Der Aufstieg der Grünen ist im Rückblick fast noch atemberaubender, als er den Zeitgenossen erschien. Nur drei Jahre nach Gründung zog die Partei in den Bundestag ein. Fischer war nur drei Jahre nach seinem Eintritt schon Landesminister. Die AfD kann da nicht mithalten, deren Konsolidierung aber ähnlichen Mustern zu folgen scheint wie einst die Grünen. Was Tschernobyl für die Grünen war, könnte die Flüchtlingskrise für die AfD sein: das epochale Ereignis, das ihre vorher prekäre Existenz stabilisiert.

          Göpfert hat ein Buch vorgelegt, das zur Pflichtlektüre in PoWi-Kursen an den Frankfurter Gymnasien werden sollte. Zumindest bis Seite 232. Am Ende steht ein Bruch, nämlich eine Art Pamphlet. In einer Mischung aus Abrechnung und Aufmunterung benennt Göpfert die vermeintlichen Fehler der Grünen seit 1989 und erklärt ihnen, wie sie wieder auf den Pfad der Tugend zurückkehren könnten. Hier spricht er nicht mehr als Zeithistoriker und Journalist, sondern als Parteigänger und Politikberater. Das ist eine Rolle, in die politisch linksstehende Journalisten im Umgang mit den Grünen immer wieder rutschen, die aber mit einigen Berufsidealen nicht zu vereinbaren ist. Dieses Phänomen wäre einmal eine eigene Untersuchung wert.

          „Die Hoffnung war mal grün. Aufstieg einer Partei - Das Frankfurter Modell.“

          Claus-Jürgen Göpfert: „Die Hoffnung war mal grün. Aufstieg einer Partei - Das Frankfurter Modell.“ Westend Verlag Frankfurt, 287 Seiten, 22 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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