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Ökonomisierung der Bildung : Die Trauer der Universitäten

Nicht mehr zeitgemäß: vertiefende Lektüre, die intrinsisch motiviert ist. Im Zeitalter der Kompetenzorientierung unterliegt alles dem Kriterium der Nützlichkeit, Messbarkeit und Anwendbarkeit. Bild: Stefan Finger

Die neoliberale Ideologie hat zu einer radikalen Veränderung von Schule und Hochschule geführt. Denn wenn Erkenntnis durch Kompetenz ersetzt wird, bleibt von der Bildung nichts mehr übrig: In Frankfurt tagte die erste Inkompetenzkonferenz.

          Kompetent sein will jeder – zumindest jeder, der es zu etwas bringen will. Kompetenzen, so ist allenthalben zu hören, sind der Schlüssel zum Erfolg. Wer sich heute eines umfangreichen Sachverstands und vielseitiger Fähigkeiten rühmen kann, gilt in einer mobilen Wissensgesellschaft wie der unseren als bestens vorbereitet. Was also sollte an einer kompetenzorientierten Bildungspolitik verkehrt sein?

          In welchem Ausmaß derjenige falsch liegt, der dies annimmt, veranschaulichte die „Frankfurter (In-)Kompetenzkonferenz“, die am vergangenen Wochenende am Frankfurter Universitätsklinikum stattfand. Veranstaltet wurde die interdisziplinäre Tagung in der Tradition der „Frankfurter Einsprüche gegen die Ökonomisierung der Bildung“, die 2005 erstmals vorgetragen wurden. Sie sind als kritische Entgegnung auf die radikale Umwälzung zu verstehen, die sich an deutschen Universitäten seit der Bologna-Reform vollzieht.

          Die Konferenz zielte auf eine Entlarvung des Kompetenzbegriffs, der seine Wurzeln in der Ökonomie hat und in allen einschlägigen bildungspolitischen Profilen, Curricula, Prüfungsordnungen, Lernzielen, Lehrplänen und Studienordnungen eine geradezu beängstigende Karriere gemacht hat. Das Ziel von Bildungsprozessen, sagte der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann, sei nicht mehr Bildung, sondern der umfassend kompetent gewordene Mensch. Sachkompetenz, soziale Kompetenz, interkulturelle Kompetenz – die von Liessmann präsentierte Liste der Fähigkeiten, auf deren Erwerb Schule und Studium ausgerichtet seien, ist lang.

          Die Dominanz der Anwendungsorientierung

          Das Wissen trage seinen Zweck nicht mehr in sich selbst, sondern unterliege dem Kriterium der Anwendbarkeit. Dass sich diese Entwertung von Inhalten in den Curricula spiegelt, zeigten Johanna Gaitsch und Bernadette Reisinger von der Universität Wien. Der fachliche Anteil werde immer schmaler. Das Verhältnis von Wissen und Können, erklärte Liessmann, sei durch die Dominanz der Kompetenz verkehrt worden: Die Sache selbst sei nur noch das Mittel, um etwas zu können. Was zählt, sei messbare Tätigkeit, Nützlichkeit, Problemlösung. Damit aber würden Schülern und Studenten die Erkenntnislust und Neugier genommen, deren sie doch bedürften, um die Wirklichkeit verstehend zu durchdringen.

          In der Praxis sieht das dann so aus: Man kann studieren, ohne gebildet zu sein. Man kann das Abitur erlangen, ohne Fachwissen erworben zu haben. Wer das nicht glaubt, werfe einen Blick auf heutige Abitur- und Prüfungsaufgaben. Hans Peter Klein, Lehrstuhlinhaber für Didaktik der Biowissenschaften an der Universität Frankfurt, hat die Probe aufs Exempel gemacht und Neuntklässlern Abituraufgaben im Fach Biologie vorgelegt. Sie hatten keine Schwierigkeiten, die Aufgaben zu lösen, denn alles, was sie dort zu beantworten hatten, stand in dem der Aufgabe beigefügten Text. Ähnliches, auch das zeigte die Konferenz, gilt für die Pisa-Studie, die sich ebenso wie das Zentralabitur in Kenntnis der Prüfungsinhalte als reiner Etikettenschwindel erweist.

          Neoliberale Aufweichung der Bildung

          Das Ergebnis der Kompetenzorientierung, so lautete der Grundtenor aller Referenten bei der Konferenz, ist die Erziehung zur Inkompetenz. Der Prozess einer „Verflachung“ (Bernhard Kempen) der Bildungslandschaft werde verstärkt durch die Inflationierung von guten Noten und der auf der Konferenz stark kritisierten Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die unaufhörlich höhere Studentenzahlen fordert. Die Ursache all dessen nannte der Hamburger Mathematiker Jürgen Bandelt unter Zustimmung der Anwesenden beim Namen: Der Neoliberalismus habe das humanistische Bildungsverständnis zerstört.

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