18.07.2009 · „Ferien, die schlau machen“, nennt die Polytechnische Gesellschaft ihren „Deutschsommer“. Drittklässler machen sich fit für den Sprung zur Realschule oder aufs Gymnasium.
Von Hans RiebsamenFerienkinder dürfen ausschlafen, im Prinzip. Diese Ferienkinder aber müssen früh aus den Federn. Denn sie fahren nicht in normale Ferien, sondern in Ferien, die schlau machen. Pünktlich um 7.20 startet der Bus an der Pestalozzischule im Riederwald – in Richtung „Deutschsommer“ in der Jugendherberge Oberreifenberg. Abel aus Eritrea, Kawin aus Thailand, Aische aus der Türkei: Sie und an die 50 weitere Drittklässler aus Frankfurter Grundschulen lernen drei Wochen lang Deutsch in einem Sprachcamp oben im Taunus.
Nicht, dass Abel und die anderen „Deutschsommer“-Kinder kein Deutsch sprächen. Im Gegenteil: Deutsch ist ihre Alltagssprache. Sie begrüßen sich auf Deutsch, sie erzählen sich ihre Erlebnisse auf Deutsch, sie necken und streiten sich auf Deutsch. Aber ihr Deutsch reicht nicht aus, um damit in der Schule echten Erfolg zu haben: Es hapert am Wortschatz, an der Grammatik, am Ausdrucksvermögen. Die Klassenarbeiten von Abel und Kawin sind deshalb meistens rot gesprenkelt. Ein Schicksal, das sie mit vielen Einwanderer-Kindern teilen. Denn bei ihnen zu Hause wird Eritreisch oder Thailändisch oder Türkisch gesprochen. Und wenn, was in Frankfurt gar nicht so selten ist, Vater und Mutter auch noch aus verschiedenen Ländern stammen, dann verständigt sich eine Familie zuweilen in einem Kauderwelsch aus Deutsch, Türkisch und Marokkanisch.
Schirrmacher: Gesellschaft altert zusehends
Die Zukunftsfrage laute, warum manche Kinder und Jugendliche reüssierten und andere versagten, hat der F.A.Z.-Herausgeber Frank Schirrmacher vor kurzem in seiner Dankrede zum Börne-Preis konstatiert. Denn unsere Gesellschaft werde in Kürze eine Gesellschaft von sehr wenigen und immer weniger jungen Menschen sein. Die Integration und Bildung von Migranten sei eine existenzielle Frage geworden, die nur in die ferne Zukunft verschieben könne, wer die demographischen Fakten ignoriere.
Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft weiß das schon lange. Deshalb hat sie 1977 den ersten „Deutschsommer“ veranstaltet. Die Grundidee hat sich nicht verändert: Drittklässler mit mangelhaften Sprachkenntnissen lernen während der Sommerferien drei Wochen lang in kleinen Gruppen Deutsch. Das Sommertraining soll sie so fit machen, dass sie im entscheidenden vierten Schuljahr die nötigen Leistungen erbringen, um es möglichst auf eine Realschule oder gar ein Gymnasium zu schaffen. Im Januar hat die Stiftung erstmals einige der Kinder zusätzlich zu einem „Endspurt“ eingeladen, in den Weihnachtsferien erhielten die Teilnehmer eine Woche lang im Landschulheim Wegscheide den letzten Schliff, um das Schuljahr erfolgreich zu bestehen.
Abel und den anderen „Deutschsommer“-Kindern geht es gut in Oberreifenberg. Den meisten sogar sehr gut. So jedenfalls geben sie es auf dem Stimmungsbarometer an, das die Theaterpädagogin Steffi Boguth zu Beginn des Unterrichts auf den Boden des Unterrichtsraums gelegt hat. Nur Gideon steckt die Wäscheklammer mit seinem Namen auf das Feld „nicht so gut“. Er habe sich im Schwimmbad eine Beule am Kopf geholt, erzählt er. Das Mitleid der Betreuer und seiner Kameraden tut Gideon sichtlich gut, seine Missstimmung ist augenblicklich verflogen.
„Ferien, die schlau machen“, nennt die Polytechnische den „Deutschsommer“. Die Betonung liegt sowohl auf „Ferien“ wie auf „schlau“. Hier oben in der Jugendherberge unter dem Feldberg-Gipfel, aber auch an den beiden anderen Standorten, in der Jugendherberge Wiesbaden und im Jugendhof Bessunger Forst bei Darmstadt, wird nicht gepaukt. Abel und die anderen 150 Kinder des „Deutschsommers“ sollen zwar das Perfekt und das Präteritum und die vielen verflixten Präpositionen lernen, aber in einer Weise, die nicht so sehr an Schule, sondern vielmehr an echte Ferien erinnert.
Grammatik üben
Deshalb fängt die Deutschlehrerin Kerstin Kurat den Unterricht auch nicht mit Abfragen von Grammatikformen an, sondern mit zwei neuen Strophen des „Deutschsommer“-Liedes. „Hei, Zeitung, schlag sie auf / und lies mir was vor“, singen die 16 Kinder der „blauen Gruppe“ ihr nach. Zeitung, das ist das Oberthema des diesjährigen „Deutschsommers“. Am Ende soll eine „Deutschsommer-Zeitung“ stehen mit vielen eigenen Artikeln der Kindern. „Gemischte Tüte“ könne diese Zeitung doch heißen, hat einer der Jungs vorgeschlagen.
„In...kleine...Die...macht...Sonne...
und...Quatsch...sitzt...der...Giraffe“
Zehn Wörter, einzeln auf Zettel geschrieben und von der Deutschlehrerin an die Kinder verteilt. Diese stehen in Reihe und halten sich die Zettel vor die Brust. Eines der Mädchen darf Ordnung in die Gruppe und die Wörter bringen: „Die kleine Giraffe sitzt in der Sonne und macht Quatsch“ lautet nach vielem Herumschieben am Ende der Satz. Und dann wird Grammatik geübt: „Sonne“, „Quatsch“ und „Giraffe“ sind Nomen, „der“ und „Die“ sind Artikel, „kleine“ ist ein Adjektiv, „sitzt“ und „macht“ sind Verben, „in“ ist eine Präposition, „und“ ein Verbindungswort. Die meisten der „Deutschsommer“-Kinder können Wortformen ganz gut bestimmen, auf dem Blatt, das Lehrerin Kurat anschließend austeilt, haben viele nach kurzer Zeit die Verben oder Präposition farblich weitgehend richtig markiert.
Lernen geht ins Vergnügen über
Deutsch, so sagen Pädagogen und Politiker seit Jahren, ist der Schlüssel zu Bildung und Ausbildung. Kinder – ob von Migranten oder indigenen Deutschen –, die mit lückenhaften Deutschkenntnissen in die Schule kommen, haben schlechte Chancen. Dass immer noch an die zehn Prozent der Jugendlichen ohne Abschluss die Schule verlassen und damit fast fast automatisch keine Ausbildung machen und häufig ihr Leben lang von der Sozialfürsorge abhängig sind, hängt oft mit Sprachdefiziten zusammen. Die gezielte und womöglich auch teure Förderung von Migranten habe, so mahnte der Börne-Preis-Träger Schirrmacher in der Paulskirche, nichts mit einem Gnadenerweis zu tun, vielmehr hänge die Zukunft des Landes davon ab.
Billig ist der „Deutschsommer“ in der Tat nicht. Die Eltern der Kinder zahlen für die drei Wochen zwar nur 45 Euro, aber das ist nur ein symbolischer Betrag, der die Kosten bei weitem nicht deckt. Die Honorierung von Lehrern, Theaterpädagogen und Sozialarbeitern, die Kosten für eine Woche lang Hin- und Rückfahrt nach Frankfurt und danach für zwei Wochen Übernachten in der Jugendherberge, dazu Essen, Lehrmaterialien und die ganze Planung: Bei insgesamt 150 Teilnehmern kommt am Ende für die Polytechnische eine Summe von mehreren hunderttausend Euro zusammen.
Mittlerweile hat sich eine Allianz von Unterstützern zusammengefunden: Die Deutsche Bank-, die Peter Fuld-, die Möllgaard-, die Citoyen- und die Carls-Stiftung sowie der Union International Club stellen Stipendien zur Verfügung, die Stadt Frankfurt mit Volkshochschule und Bildungsdezernat sowie das Staatliche Schulamt sind eingebunden bei der Auswahl von Schülern und Lehrern. Der „Deutschsommer“ gilt unter Fachleuten als Modellprojekt, vielerorts schaut man erwartungsvoll nach Frankfurt und überlegt, ebenfalls Sprachcamps aufzuziehen.
Dass sie womöglich Vorzeigekinder eines Vorzeigeprojekts sind, wissen Abel und Kawin und Aische nicht. Für sie ist der „Deutschsommer“ einfach ein großes Abenteuer. Ferien mit Gleichaltrigen auf dem Land, mit Theaterspielen und Tischtennis und Vorlesen. Was kann es für Kinder, die oft genug noch nie im Leben aus dem Gallus oder dem Riederwald herausgekommen sind, Schöneres geben? Dass sie an einem Deutschunterricht teilnehmen, merken die „Deutschsommer“-Kinder gar nicht so richtig.
Lernen und Vergnügen werden eins. Fast unmerklich ist in der blauen Gruppe das Grammatik-Lernen in Theaterspielen übergegangen. Steffi, die Theaterpädagogin, hat die Kinder im Kreis versammelt, einer macht ein lustiges Geräusch und eine komische Bewegung, der Nachbar macht sie ihm nach und gibt sie in der Gruppe weiter. Kurz vor dem Mittagessen improvisieren Abel und seine Kameraden schon kleine Szenen, am Ende des „Deutschsommers“ soll ein Theaterstück zum Thema „Zeitung“ entstanden sein, das die Kinder vor den Eltern aufführen.
Mühsame Tippelschritte
„Deutschsommer“ ist mehr als Deutschlernen, nämlich auch Persönlichkeitsbildung. Oder die Entwicklung sozialer Kompetenz. Denn, so sagen die Planer des Camps, Schulerfolg hängt nicht nur von einem möglichst großen Schulwissen ab, sondern auch von sozialen Fähigkeiten und einem recht entwickelten Selbstbewusstsein. Im Theaterspiel können sich Abel und die anderen selbst finden und Selbstvertrauen bilden. Sich selbst überlassen bleibt dabei keines der „Deutschsommer“-Kinder, ein Team von Sozialarbeitern achtet darauf, dass auch am Nachmittag und am Abend kein Chaos ausbricht und keine Langeweile einkehrt.
Präposition und gemeinsames Mittagessen, Artikel und Hüpfspiele, Pronomen und Basteln, Satzbau und Singen. Beim Deutschsommer kommen hartes Lernen und vergnügliches Spiel zusammen. Diese Mischung macht wohl den Erfolg aus, ein Erfolg, den die Polytechnische Stiftung aus den Sprachstandtests herausliest, die vor und nach dem „Deutschsommer“ die Klassenlehrer an den Grundschulen vornehmen. Bei der Kategorie Präpositionen sind 30 Prozent der Kinder von der schwachen in die gute Leistungsgruppe aufgestiegen, beim Wortschatz 31 Prozent, beim Satzbau 37 Prozent. Insgesamt haben die Kinder zu einem besseren Sprachbewusstsein gefunden, sie haben erkannt, dass sie ihre Sprachkenntnisse nach Regeln verbessern können.
Eine Bildungsrevolution für Deutschland hat Schirrmacher in seiner Börne-Preis-Rede verlangt. Mit einer Revolution kann Oberreifenberg freilich nicht aufwarten. Deutschlernen findet nun mal nicht in revolutionären Sprüngen statt, sondern in mühsamen Tippelschritten. Warum heißt es einmal „in der Schule“ und ein anderes Mal „in die Schule“? So lauten hier die revolutionären Fragen. Deutschlehrerin Kerstin Kurat ist froh, wenn Abel und Kawin und Aische nach drei Wochen „Deutschsommer“ das Perfekt und das Präteritum und die wichtigsten Präpositionen samt ihrer Fälle einigermaßen beherrschen. Und Abel? Ihm ist am wichtigsten, dass er morgen wieder möglichst lange an der Tischtennisplatte stehen kann. Oder heißt es vielleicht „bei der Tischtennisplatte“?