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Deutschlands erste vegane Kita : Soja-Bolognese und Dinkelspaghetti

  • -Aktualisiert am

Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Getreide: Reicht das für eine ausgewogene Ernährung aus? Bild: dpa

In Frankfurt eröffnet die erste vegane Kita Deutschlands. Ärzte sind skeptisch, ob Kinder durch solch eine Ernährungsweise über ausreichend Nährstoffe bekommen. Die Betreiber widersprechen.

          Auf diesen Tag hat Lucien Coy lange gewartet. Seit 2013, wenn man es genau nimmt. Nervös sei er nicht, sagt Coy. Eher erleichtert, dass es jetzt endlich losgeht. Heute wird die Idee, die er mit anderen Eltern hatte und die Furore in ganz Deutschland gemacht hat, Realität: Die erste vegane Kita des Landes eröffnet. Vier Kinder werden früh am Morgen auf der Matte in der Schloßstraße 24 in Bockenheim stehen, bereit für ihre erste Woche. Grüppchen für Grüppchen sollen in den darauffolgenden Wochen die restlichen dazukommen, bis alle 40 eingewöhnt sind. „Man kann sie schließlich nicht alle auf einen Schlag aufeinander und auf das Team loslassen, noch kennen sie sich ja untereinander gar nicht“, sagt Coy. Alles mit der Ruhe, heißt es, die Drei- und Vierjährigen sollen genug Zeit kriegen, um langsam ins Kita-Leben zu kommen.

          Am Donnerstag war das Stadtschulamt noch zur Besichtigung da, um zu überprüfen, ob auch alle Fluchtwege frei sind. Denn noch ist vor und hinter dem Haus Baustelle. Der Sandkasten fehlt noch, die Spielgeräte fehlen, ein Teil vor dem Haus muss noch gepflastert werden. Bis auch außen alles fertig ist, wird es noch drei bis vier Wochen dauern. Innen ist alles bereit für die Kinder. Auch die Küche haben Coy und die anderen Eltern des Vereins „Veggie-Kids“ schon einmal ausprobiert. Das ist wichtig, denn ihr Ernährungskonzept ist es schließlich, das sie von all den anderen Kitas abgrenzt und für das sie so in die Schlagzeilen geraten sind. Kinder vegan zu ernähren, also komplett ohne tierische Produkte, ist unter Ernährungswissenschaftlern und Medizinern umstritten. Ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) etwa kommt zu dem Schluss: „Bei einer rein pflanzlichen Ernährung ist eine ausreichende Versorgung mit einigen Nährstoffen nicht oder nur schwer möglich.“

          Proteine, Aminosäuren, langkettige n-3-Fettsäuren, einige Vitamine und Mineralstoffe seien nur schwer im adäquaten Maß aufnehmbar, wenn sowohl Milchprodukte als auch Eier, Fisch und Fleisch wegfallen. Vitamin B12, das unter anderem für das Zellwachstum und das Nervensystem wichtig ist, müsse dauerhaft supplementiert werden. Gerade für Kinder und Heranwachsende empfehlen viele Ärzte und Ökotrophologen eine komplett vegane Ernährung deshalb nicht. Manche halten sie sogar für gefährlich.

          Gut geplante vegane Ernährung schadet nicht

          Lucien Coy und die anderen Initiatoren der Kita kennen diese Argumente und nehmen sie auch ernst, wie sie sagen. Sie sind aber der Meinung: Eine gut geplante vegane Ernährung schadet niemandem, auch Kindern nicht. Geschichten von mangelernährten Kindern mit langfristigen neurologischen Schäden, die so mancher Kinderarzt aus dem Krankenhausalltag kennt, sind ihnen auch bekannt. Coy glaubt: „Das sind immer Fälle, in denen Leute völlig irrwitzige Dinge getan haben und einfach alle möglichen Nahrungsmittel weggelassen haben.“

          Fast am Ziel: Mitbegründer Lucien Coy in einem der Innenräume der Einrichtung. Der Spielplatz draußen ist noch nicht fertig.

          In der Kita soll das ganz anders laufen. Gemeinsam mit dem Stadtschulamt haben die Eltern deshalb über lange Zeit das Ernährungskonzept entwickelt. Normalerweise spielt die Art der Verpflegung beim Genehmigungsprozess der Stadt Frankfurt, den alle privaten Initiativen wie die von „Veggie-Kids“ durchlaufen müssen, keine Rolle. „Aber weil wir so speziell sind, haben wir uns dafür entschieden“, sagt Coy. „Darüber sind wir auch sehr froh, die Mitarbeiter vom Stadtschulamt waren sehr hilfreich, und die Zusammenarbeit war toll.“ Alle drei Monate, so ist es im Moment vorgesehen, soll es weiterhin Gespräche geben. Die Stadt ist ohnehin weiter mit dabei, schließlich übernimmt sie die Betriebskosten, auch die Räume hat sie finanziert.

          Herausgekommen ist nach Jahren der Abstimmung ein Essensplan für Frühstück, Mittagessen und Nachmittagsimbiss, der einem Baukastensystem entspricht. So sollen alle essentiellen Nährstoffgruppen abgedeckt sein. Dieser Plan wird regelmäßig von Ernährungswissenschaftlern und Medizinern überprüft, die ehrenamtlich die Kita unterstützen. In der Küche arbeiten eine Hauswirtschaftskraft und ein Koch, der schon Erfahrung mit veganer Küche hat und von Kollegen beraten wird. Eine Arbeitsgemeinschaft des Vereins sammelt Studien und anderes Material zum Thema, das den Eltern der Kinder zur Verfügung gestellt wird. Vitamin B12 wird in der Kita allerdings nicht supplementiert, das ist nicht erlaubt. Dies müssen die Familien selbst übernehmen, sofern sie denn komplett vegan leben. Auf mehr als die Hälfte derer, die ihre Kinder in der Schloßstraße angemeldet haben, trifft das gar nicht zu. Sie hätten vor allem aus einem Grund Interesse an genau dieser Kita, sagt Coy: weil dort frisch gekocht wird.

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