http://www.faz.net/-gzg-85api

Übergriffe gegen Senioren : Verschwiegene Hinweise und Kumpanei

  • -Aktualisiert am

Oft wehrlos: Pflegebedürftige alte Menschen wie dieser Mann in einem Seniorenheim in Hessen Bild: dpa

In vielen Seniorenheimen würden Misshandlungen vertuscht und Vorfälle verschwiegen. Um alte Menschen besser zu schützen, fordert ein Kriminologe einen Pflegebeauftragten für Hessen.

          Immer wieder schrecken Fälle von schwerem Missbrauch oder gar Mord in deutschen Altenheimen und Krankenhäusern die Öffentlichkeit auf. Zuletzt wurde der Krankenpfleger Niels H. in Oldenburg zu lebenslanger Haft verurteilt. Er soll in einem Klinikum im niedersächsischen Delmenhorst mindestens 30 Intensiv-Patienten mit einer Überdosis an Medikamenten getötet haben.

          „Die Mordserie hätte womöglich früher gestoppt werden können, wenn es in Niedersachsen einen unabhängigen Landes-Pflegebeauftragten gegeben hätte“, sagte Arthur Kreuzer, emeritierter Kriminologie-Professor der Justus-Liebig-Universität Gießen, bei einem Vortrag auf dem Seniorentag.

          Mancherorts gibt es Beauftragten schon

          Kreuzer wies darauf hin, dass Kollegen des Täters viele Hinweise auf die Verbrechen gehabt hätten. Was gefehlt habe, sei eine Anlaufstelle, an die sie sich vertrauensvoll hätten wenden können. Eine solche Stelle kann aus Sicht von Kreuzer ein Landes-Pflegebeauftragter sein. Den gebe es bisher aber nur in vier Bundesländern und auf Bundesebene. Niedersachsen zähle nicht dazu - und Hessen auch nicht. Kreuzer forderte deshalb die Einrichtung einer Ombudsstelle für die Pflege auch hierzulande.

          Pflegeeinrichtungen dürften zwar nicht unter Generalverdacht gestellt werden, dennoch seien solche Fälle nur die Spitze des Eisbergs, sagte Kreuzer. Pfleger hätten meistens unbeobachtet Kontakt mit Hilfsbedürftigen. Die seien oft arg- und wehrlos und leicht zu beeinflussen.

          Der Kriminologe widersprach der Ansicht, nach der sich Angehörige und Pflegepersonal ohne Schwierigkeiten an Behörden wie die Heimaufsicht wenden könnten, wenn sie auf Misshandlung und Vernachlässigung aufmerksam würden. Es gebe „erhebliche Hemmschwellen“, diese zu melden. Viele Menschen misstrauten Behörden grundsätzlich. Weil die Missbrauchsfälle nur schwer nachzuweisen seien, würden Hinweisgeber zudem Gefahr laufen, etwa wegen einer Verleumdungsklage selbst Schaden zu erleiden.

          Hinzu komme eine „subkulturelle Kumpanei von Bediensteten und Einrichtungen“. Weil die Leitung um den Ruf und die Existenz ihrer Einrichtung fürchte, wenn Verdachtsmomente nach außen drängen, würde diesen häufig gar nicht erst nachgegangen.

          Kreuzer sagte, ein Pflegebeauftragter solle an das Parlament und nicht an die Regierung gebunden sein. Das garantiere dessen parteipolitische Unabhängigkeit. Zudem müsse er über ein Zeugnisverweigerungsrecht verfügen, damit sich Menschen auch wirklich vertrauensvoll an ihn wenden könnten.

          Weitere Themen

          Talentsuche auf dem Campus

          Fachkräftemangel : Talentsuche auf dem Campus

          In vielen Branchen fehlen kompetente Nachwuchskräfte. Hochschulen müssten dem Fachkräftemangel verstärkt entgegenwirken, sagen Kritiker. Dabei passiert an den Universitäten schon einiges.

          Zschäpe zu lebenslanger Haft verurteilt Video-Seite öffnen

          Wegen zehnfachen Mordes : Zschäpe zu lebenslanger Haft verurteilt

          Im NSU-Prozess ist die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wegen zehnfachen Mordes und weiterer Verbrechen zur lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Der Prozess dauerte mehr als fünf Jahre und hat auch über Deutschland hinaus große Beachtung gefunden.

          Reaktionen auf das Urteil Video-Seite öffnen

          Nach Verkündung : Reaktionen auf das Urteil

          Beate Zschäpe wurde im NSU-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Versprechen der Bundesregierung, die Verbrechen bedingungslos aufzuklären, sei nicht eingelöst worden. Das kritisierte Obfrau im Untersuchungsausschuss des Bundestages Petra Pau.

          Topmeldungen

          Weißhelme suchen nach einer Explosion in der syrischen Stadt Idlib Anfang April nach Überlebenden

          Syrien-Krieg : Israel bringt Hunderte Weißhelme in Sicherheit

          Israel hat bei der Rettung von 800 Mitgliedern einer syrischen Zivilorganisation und deren Familien aus einem Kampfgebiet im Süden Syriens geholfen. Neben Großbritannien und Kanada will auch Deutschland einen Teil der „Weißhelme“ aufnehmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.