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Der Fall des Kurt Thomas: Ein Musiker zwischen Anpassung und Selbstbehauptung

Man nehme einen aktuellen Anlaß: in diesem Fall die geplante Anbringung einer Gedenkplakette an der Frankfurter Dreikönigskirche zum 100.Geburtstag des Musikers Kurt Thomas. Dazu einige belastende Zitate aus der Zeit des Nationalsozialismus wie: "Ungebrochener Kulturwille der SS".

Man nehme einen aktuellen Anlaß: in diesem Fall die geplante Anbringung einer Gedenkplakette an der Frankfurter Dreikönigskirche zum 100.Geburtstag des Musikers Kurt Thomas. Dazu einige belastende Zitate aus der Zeit des Nationalsozialismus wie: "Ungebrochener Kulturwille der SS". Gewürzt wird das Ganze mit dem Hinweis darauf, daß das von Thomas geleitete Musische Gymnasium in der Villa des später im Konzentrationslager Theresienstadt zu Tode gebrachten jüdischen Industriellen und Cassella-Gründers Arthur von Weinberg untergebracht wurde - als ob der Schulleiter Thomas und nicht die Stadt Frankfurt das Gebäude beschafft hätte. Fertig ist somit der Skandal, dessen Kurzfassung lautet: Alter Nazi soll geehrt werden.

So explizit haben es Pfarrer Hans Christoph Stoodt und seine "Anti-Nazi-Koordination" indes nicht formuliert. Sie haben ihren Urteilsspruch eingeschränkt: Ein fanatischer Nationalsozialist sei Kurt Thomas sicherlich nicht gewesen, auch habe er unzweifelhaft eine herausragende Begabung besessen. Doch seine Karriere verdanke er eben auch seiner Unterstützung des nationalsozialistischen Staates, die über Mitläufertum schon aufgrund der herausgehobenen Position als Leiter einer NS-Eliteschule deutlich hinausgehe. Schlußfolgerung: "Wir halten eine öffentliche Ehrung für Kurt Thomas für völlig ausgeschlossen."

Woher Pfarrer Stoodt und die anderen Mitunterzeichner des Aufrufs gegen eine Ehrung des langjährigen Kantors an der evangelischen Dreikönigskirche ihr Wissen beziehen, daß Kurt Thomas im "Dritten Reich" ein williger Vollstrecker war? Sie berufen sich auf das mehr als 1000 Seiten umfassende Buch "Musisches Gymnasium Frankfurt am Main 1939-1945. Eine Schule im Spannungsfeld von pädagogischer Verantwortung, künstlerischer Freiheit und politischer Doktrin" des Historikers Werner Heldmann. Dies sei eine "differenzierte Darstellung" der Schulgeschichte und ihres Leiters Kurt Thomas und einer vorschnellen und einseitigen Beurteilung der politischen Haltung des Künstlers unverdächtig.

Das ist in der Tat richtig. Heldmann hat in einer ungeheuren Fleißarbeit alle Quellen penibel durchforscht, hat nüchtern Fakten aufgezählt, zurückhaltend Schlüsse gezogen, abgewogen geurteilt. Wohingegen Pfarrer Stoodt und seine Mitstreiter nur Zitate aus Heldmanns Werk herausgepickt haben, die gegen Thomas sprechen, dagegen alle jene Äußerungen unterschlagen, die zu seinen Gunsten anzuführen sind. Wobei die in den Augen der Kritiker empörendsten Sätze für einen Schulleiter in Hitler-Deutschland so empörend gar nicht sind. Wenn Thomas das Zugeständnis des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom September 1944, den überwiegenden Teil der Internats-Schüler der Jahrgänge 1925 bis 1927 vom Kriegsdienst freizustellen, in einem Schreiben an die Eltern mit dem Satz kommentiert: "Diese Entscheidung ist nicht nur als Garantie für unsere Weiterarbeit anzusehen, sondern als Zeichen des ungebrochenen Kulturwillens der SS", so mag man das als eine Anbiederung an Himmler werten, auf daß er die Schule weiter unterstütze. Doch daraus schließen zu wollen - und die mit Häppchen gefütterte Öffentlichkeit muß es so auffassen -, Thomas sei ein großer Freund der SS gewesen, habe vielleicht gar deren Morden unterstützt, wäre etwas sehr weit hergeholt. Im Gegenteil hat Thomas, so wird in Heldmanns Buch berichtet, freiwillige Meldungen einiger seiner Schüler zur Waffen-SS an sich genommen, aber nicht weitergereicht.

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