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Der Fall des Kurt Thomas: : Ein Musiker zwischen Anpassung und Selbstbehauptung

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Thomas habe in seinen öffentlichen Aussagen von seinen Schülern Loyalität zu Staat, Führer und Wehrmacht verlangt, werfen ihm die Kritiker um Stoodt mehr als fünf Jahrzehnte später vor. Was hätte ein Schulleiter in jener Zeit wohl anderes sagen sollen? "Die politischen Wendungen sind Zugeständnisse an den politischen Zeitgeist und als solche in ihrem Aussagewert einzuordnen und auch zu relativieren", lautet das Urteil des Historikers Heldmann. Er führt in seinem Buch indes auch eine ganze Reihe von Äußerungen an, die eine gewisse Distanz und Skepsis Thomas' gegenüber dem Nationalsozialismus zum Ausdruck bringen. So hat eine Reihe von Schülern bezeugt, daß sie sich in seinem Beisein auch offen regimekritisch äußern konnten. Unbestritten ist jedenfalls, daß Thomas niemanden denunziert, ins Gefängnis oder gar ins Konzentrationslager gebracht hat.

Wie undifferenziert-pauschal die Vorwürfe Stoodts und der anderen Kritiker sind, zeigt ihr Argument, niemand, der nicht das Vertrauen der "faschistischen" Kulturbürokratie besessen habe, hätte die Leitungsposition einer solchen nationalsozialistischen Eliteschule übertragen bekommen. Freilich: Das Musische Gymnasium ist nach Heldmanns Forschungserkenntnissen gar keine nationalsozialistische Bildungsanstalt sui generis gewesen. Vielmehr habe es von Anfang an eine Ambivalenz zwischen pädagogischer Verantwortung, künstlerischer Freiheit und politischer Doktrin gegeben. Sprich: Es gab zum Beispiel dauernd Kämpfe zwischen Thomas und diversen Parteistellen, bei denen es um das Auftreten der Schüler bei kirchenmusikalischen Veranstaltungen oder die Beibehaltung jüdischer Textstellen in den Programmen mit geistlichen Werken ging.

Peter Cahn, nach dem Krieg ein Schüler von Thomas und lange Jahre Professor an der Musikhochschule, hat sich in einem Brief an Pfarrer Stoodt gegen den erwähnten Protest-Aufruf ausgesprochen. Er halte es für unangemessen und für ein Zeugnis mangelnder Kenntnis der damaligen Verhältnisse, aus einem so vielseitigen, über vierzigjährigen Wirken die fünf Jahre seiner Tätigkeit als Leiter des Musischen Gymnasiums herauszugreifen, um eine Ehrung zu verhindern. "Waren nicht 90 Prozent oder sogar mehr unserer lieben Deutschen Nazis, denen man ähnliche Sätze, nein viel, viel ärgere als die von Ihnen angeführten zutrauen konnte. Ganz schlimme Dinge finde ich aber eigentlich nicht darunter."

Geehrt werden soll mit der Gedenktafel an der Dreikönigskirche im übrigen nicht der Leiter des Musischen Gymnasiums, der Thomas fünf Jahre lang war, sondern der Kantor Thomas, der nach den Erinnerungen Cahns nach dem Krieg eine Kantorei aufgebaut hat, wie es sie in Frankfurt zuvor noch nicht gegeben habe. Thomas habe damals einen nicht geringen Teil der musikbegeisterten Jugend Frankfurts musikalisch geprägt und die "Frankfurter Kantorei" zu einem Chor von internationalem Ansehen gemacht. Cahn erinnert ferner daran, daß Thomas Komponist war, nicht NS-Komponist, sondern Kirchenkomponist, der unter anderem als Zwanzigjähriger eine damals hochgelobte Messe für Soli und zwei Chöre geschrieben hat.

Dies alles lassen die Kritiker um Pfarrer Stoodt freilich außer acht, konstruieren vielmehr mit willkürlich ausgewählten Belegstellen das Bild eines nationalsozialistischen Überzeugungstäters. Und dies alles unter Berufung auf einen Historiker, dessen penible Recherchen einen Kurt Thomas zeichnen, der gewiß kein Widerständler, aber genausowenig ein fanatischer Parteigänger war, sondern ein Mann seiner Zeit, hin- und hergerissen zwischen Anpassung und Behauptung seiner künstlerischen und pädagogischen Freiheit - der freilich, wenn man den Recherchen Heldmanns glaubt, eher zu den Besseren zählte. HANS RIEBSAMEN

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