09.06.2005 · Drei Millionen Juden wurde 1942 bis 1944 in Zügen der deutschen Bahn deportiert. Die Initiative „11.000 Kinder“ will dazu eine Austellung auf deutschen Bahnhöfen organisieren, doch die Bahn stellt sich quer.
„Die Reichsbahn war nur ein Mittel zum Zweck.“ Mit diesen Worten hatte 1976 ein ehemaliger Beamter der Deutschen Reichsbahn die Mitwirkung der damals staatlichen Einrichtung am Holocaust eingeordnet. Doch der Zweck war grausam: Mehr als drei Millionen Juden wurden von 1942 bis 1944 in den Zügen der Reichsbahn in die Vernichtungslager deportiert.
Die in der ganzen Bundesrepublik tätige Initiative mit dem Namen „11000 Kinder“ will nun besonders an Kinder erinnern, die zur Zeit der deutschen Besetzung aus Frankreich in die Lager gebracht wurden. Sie plant, in deutschen Großbahnhöfen entlang der historischen Deportationsstrecke Fotos der Kinder auszustellen und über die Deportationen zu informieren. An diesem Freitag um 16 Uhr will die Initiative im Frankfurter Hauptbahnhof die Namen der Deportierten, die über Frankfurt nach Auschwitz kamen, verlesen und Handzettel mit Fotos der Kinder verteilen.
„Bahnhöfe sind keine Ausstellungsorte“
Die Ausstellung, die vor drei Jahren in französischen Bahnhöfen gezeigt wurde, geht auf die Initiative der französischen Organisation „Fils et Filles des Juifs Deportes de France“ und ihrer Repräsentantin in Deutschland, der Journalistin Beate Klarsfeld, zurück. Die Deutsche Bahn lehnt es bisher allerdings ab, die Ausstellung in ihren Bahnhöfen zu zeigen.
Bahnhöfe seien in erster Linie Verkehrsstationen und keine Ausstellungsorte, sagt Konzernsprecher Werner Klingberg. Gemeinsam mit dem Bundesgrenzschutz sei man zu dem Entschluß gekommen, daß ein zusätzlicher Publikumsverkehr auf den Bahnhöfen weder kundenfreundlich sei, noch die Sicherheit der Fahrgäste gewährleisten könne. Statt dessen habe man angeboten, die Ausstellung in den Räumen des Firmenmuseums in Nürnberg unterzubringen. Hierauf habe die Initiative nicht mit einer persönlichen Antwort, sondern mit medienwirksamen Protestaktionen reagiert. Diese Reaktion habe das Unternehmen von einer Zusammenarbeit abgeschreckt.
„Traurige Gesichter passen nicht zur Bahn“
Micha Brumlik, Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, vermutet hingegen, es handele sich um die Wahrung eines Images. Sein Institut widmet sich der Holocaust-Forschung. „In das Bild der seit ihrer Privatisierung besonders dienstleistungsorientierten Bahn passen eben keine unerfreulichen und traurigen Gesichter.“ Das gelte auch für die Gestaltung der Bahnhöfe. Bahnfahren solle Spaß machen. Das Motiv kann Brumlik verstehen - akzeptieren kann er es nicht. „Es geht um das staatsbürgerliche Bewußtsein eines jeden, die Hypothek der Geschichte mitzutragen.“
Dabei stehe die Deutsche Bahn genauso in der Verantwortung wie jeder einzelne Bundesbürger. Es sei bedauerlich, daß sich die Bahn dieser Verantwortung entziehen wolle. Zudem werde die Rolle der Deutschen Reichsbahn im Vernichtungsprozeß oft unterschätzt. Obwohl sie kein beachtenswerter Bestandteil der politischen Ordnung sei, habe sie ein unerläßliches Element der Vernichtungsmaschinerie gebildet, in dem auch politisch völlig unbeteiligte Reichsbahnbeamte eine wichtige Funktion gehabt hätten.
Mit fünf Jahren nach Theresienstadt deportiert
Auch die 67 Jahre alte Edith Erbrich kann die ihrer Meinung nach starre Haltung der Bahn nicht verstehen. Im Alter von fünf Jahren war sie mit Vater und Schwester in einem der letzten Transporte von Frankfurt nach Theresienstadt deportiert worden. „Es war eine Atmosphäre wie auf einer Beerdigung“, erinnert sie sich an die Stimmung in der Frankfurter Großmarkthalle am 14. Februar 1945. An diesem Tag wurde sie mit etwa 1000 weiteren Menschen aus Wiesbaden, Mainz und den umliegenden Landkreisen deportiert.
„Wir redeten nur leise miteinander, viele weinten. Es hatte sich herumgesprochen, was mit uns geschieht.“ Drei Tage lang verbrachte sie mit Vater, Schwester und 30 bis 40 weiteren Deportierten auf dem blanken Holzboden des Viehwaggons. „Zusammengekauert haben wir dort gesessen, gegessen und unsere Notdurft verrichtet, bis wir in Theresienstadt ankamen.“ Hier wurde sie sofort von ihrer Familie getrennt. In der Nacht vom 7. auf den 8. Mai wurde sie befreit und konnte Ende Juni mit Schwester und Vater zur katholischen Mutter nach Frankfurt zurückkehren.
Die Erlebnisse prägen sie bis heute
Dreißigmal schon hat sie in Schulen und auf Veranstaltungen in diesem Jahr ihre Geschichte erzählt. Auf der geplanten Veranstaltung der Initiative „11000 Kinder“ wird sie ihre Erlebnisse noch ein weiteres Mal erzählen. Es ist ihr manchmal anzusehen, wie sehr ihr die damaligen Erlebnisse noch immer nachgehen, wenn sie von ihnen berichtet. „Aber ich mache das für die, die es nicht mehr tun können.“
Ein gelungenes Projekt der Aufarbeitung der Vergangenheit zeigt der Bahnhof Hanau: Nach sieben Jahre langen Verhandlungen hat die Bahn zugestimmt, hier dauerhaft Bilder und eine Gedenktafel über die Deportationen am 30. Mai 1942 aufzustellen.