24.08.2009 · Der Tiger ist aus dem Sommerschlaf erwacht und zeigt wieder scharfe Krallen und Zähne. Sein erstes Brüllen am Wochenende hat ihm den gewohnten Respekt verschafft bei allen Freunden der Artistenkunst. Niemand muss enttäuscht nach Hause gehen.
Von Hans RiebsamenDer Tiger ist aus dem Sommerschlaf erwacht und zeigt wieder scharfe Krallen und Zähne. Sein erstes Brüllen am Wochenende hat ihm den gewohnten Respekt verschafft bei allen Freunden der Artistenkunst. Das neue Programm des Tigerpalasts ist scharf wie der Conferencier Marcus Jeroch, frech wie der Taschendieb Borra, schnell wie der Jongleur Claudius Specht, sexy wie die Seil-Artistin Elene Shumskaya, glänzend wie die Hula-Hoop-Lady Alesya Gulevich und wagemutig wie die Grynchenko Brothers mit ihrer spektakulären Hebeartistik.
Kopf auf Kopf heißt deren Hit. Der eine Bruder balanciert auf dem Glatzkopf des anderen, kein Gummiring verteilt die Last und verhindert ein Abrutschen. Das macht den beiden Russen keiner nach, es fehlt ihnen eigentlich nur noch ein ordentliches Kostüm.
„Der Welt bester Taschendieb“
Von Borra wird man noch hören in Frankfurt. Bei ihm gilt: wie der Vater so der Sohn. Der Junge hat vom Alten zu Recht den Titel „Der Welt bester Taschendieb“ übernommen. Besucher sollten nicht nur auf ihre Brieftaschen achten.
Die Blackwits dagegen sind bekannt. Seit den sechziger Jahren machen sie schwarzes Theater, jahrzehntelang notgedrungen in Paris, weil sie 68 aus Prag flüchten mussten. Singende Schlangen, ratternde Maikäfer, hysterische Hühner – die Nummer von Ivan und Nadja ist so hinreißend surreal, dass man sich nicht satt sehen kann. Die Prager Künstler geizen mittlerweile mit ihren Auftritten. Aber wenn der Tiger brüllt, sind sie zur Stelle.
Varieté-Besuch als Belohnung
Nach dem Jubiläumsjahr, in dem alle Stars aufgetreten sind, die in den vergangenen 20 Jahren den Tigerpalast zum führenden Varieté Deutschlands und vermutlich auch Europas gemacht haben, konnte das neue Programm nur eine Enttäuschung sein – hätte man denken können. Doch Margareta Dillinger, die Varieté-Direktorin, hat auch dieses Mal wie schon seit 20 Jahren mit einer Mischung aus Bewährtem und Neuem eine Nummernfolge zusammengestellt, die einen Abend lang die Spannung hält und keinen enttäuscht nach Hause gehen läßt. Die Neuen sind besagte Grychenko Brothers, die erotische Elena Shumskaya und Alesya Gulevich, eine Artistin aus altem russischen Artistenadel, die das Drehen von glitzernden Reifen zur Kunst macht. „Gut gebrüllt, Tiger!“, darf man nach der Premiere sagen.
Jetzt bleibt dem Tigerpalast zu hoffen, dass auch die Banken, Agenturen und Kanzleien endlich wieder gut brüllen und sich dafür mit einem Varieté-Besuch belohnen. Jenen, die keinen überflüssigen Euro mehr in der Tasche haben, können ohnehin sorglos die Show aufsuchen. Taschendieb Borra bestiehlt nur die Reichen.