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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Claudia Dillmann im Porträt Ein Schock, ein Kampf und ein Sieg

 ·  Auf der Suche nach einem Studentenjob läuft Claudia Dillmann dem Gründungsdirektor des Frankfurter Filmmuseums Walter Schobert über den Weg. Ihr zweiter Förderer wird Hilmar Hoffmann. Längst ist sie selbst Direktorin am Schaumainkai.

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1993 wollte die damalige Kulturdezernentin Linda Reisch (SPD) das Kommunale Kino im Frankfurter Filmmuseum schließen. Filme könne man sich schließlich auch per Video „reinziehen“. Da gingen die damalige Vize-Direktorin des Filmmuseums Claudia Dillmann, Direktor Walter Schobert und Hilmar Hoffmann (SPD), der als Kulturdezernent 1971 das Kommunale Kino ins Leben gerufen hatte, auf die Barrikaden. Gemeinsam mit Regisseuren wie Ingmar Bergman, Bernardo Bertolucci, Wim Wenders, Volker Schlöndorff und Alexander Kluge kämpften sie gegen die Schließung.

„Das war ein Schock, der bis heute nachwirkt“, sagt Claudia Dillmann, die seit 2006 Direktorin des Deutschen Filmmuseums Frankfurt ist und zugleich die des Deutschen Filminstituts (DIF) im selben Haus. Gesprächstermin in ihrem Büro im vierten Stock der denkmalgeschützten Gründerzeitvilla an der Ecke Schaumainkai/Schweizer Straße. Die hohe Fensterfront, die sich über die Länge des Raums erstreckt, gibt den Blick frei auf den Main und die Skyline am gegenüberliegenden Ufer. Für seine Motive hat der Fotograf sie gerade durchs halbe Haus gehetzt, im steten Gefolge von Ines Bayer - „meine Assistentin kommt mit“.

„Stört es Sie, wenn ich rauche?“

Jetzt sitzt Dillmann an einem schlichten großen Konferenztisch. „Stört es Sie, wenn ich rauche?“ Sie wartet die Antwort erst ab, springt dann auf, dreht sich um nach der Packung auf ihrem Schreibtisch, setzt den surrenden Fensterregler in Betrieb, steckt sich eine Zigarette an und schiebt ihren Stuhl weit zurück. Angesprochen auf die Ereignisse im Jahr 1993 spricht sie von einer „Bedrohung“, die sie „tief geprägt“ habe. Sie redet geradeheraus, mit entschlossenem Blick.

Vielleicht ist Claudia Dillmann, die Hilmar Hoffmann 2006 in seinem Buch über „Frankfurts starke Frauen“ als „kämpferische Natur“ bezeichnet hat, mit dem Erlebnis von 1993 noch kämpferischer geworden, als sie es zuvor schon war. Jahre später wird es ihr jedenfalls gelingen, Forderungen sowohl der CDU als auch der Grünen nach einer Schließung des gesamten Filmmuseums gleich im Keim zu ersticken. Für den „gesellschaftlichen Stellenwert der Filmkultur“ sei auch „der Umbau ein wichtiger Schritt“ gewesen, sagt sie heute. Damit meint die 58 Jahre alte Direktorin die 2006 erfolgte Fusion von DIF und Filmmuseum. „Rückenstärkung auf vielen Ebenen, auch vom Kulturstaatsminister“ erhalte das Filmmuseum, seitdem es nicht mehr allein auf Gelder der Stadt Frankfurt angewiesen sei. Nun werden das Museum und das Filminstitut von Bund und Land, den Städten Frankfurt und Wiesbaden, Spitzenorganisation der Filmwirtschaft, der Murnau-Stiftung und von ARD und ZDF getragen.

Eine unglaubliche Bescheidenheit

So war auch der Weg zur Überarbeitung der Dauerausstellung des Filmmuseums geebnet. Nicht mehr die Produktion, sondern der Film selbst und seine Erzählmittel stehen nun im Zentrum der Betrachtung. „Film über Film erklären“, bringt Dillmann das Konzept auf den Punkt, bei dem digitales Projizieren es erlaubt, großformatig gezeigte Filmausschnitte in die Schau zu integrieren. Nach der kuratorischen und auch architektonischer Neugestaltung zählt das Haus, das bis zum August 2011 fast zwei Jahre lang geschlossen war, weit mehr Besucher als die 140000 des Jahres 2009; fast 100000 zusätzliche Gäste waren es seither. „Das ist großartig. Wir hatten uns 200000 Besucher erhofft, nun sind es 31000 mehr“, bilanziert Dillmann. Die Freude sieht man ihr an. Sie überspielt sie nicht, bleibt aber sachlich, zurückhaltend. Erst auf Nachfrage bestätigt sie die guten Zahlen.

„Diese Bescheidenheit ist unglaublich.“ Das ist das Erste, was Nikolaus Hensel, Anwalt und ehrenamtliches DIF-Vorstandsmitglied, Mitte Oktober kurz vor der Verleihung des Hessischen Film- und Kinopreises in der Alten Oper über Claudia Dillmann zu erzählen weiß. Überhaupt, mit wie viel Engagement bei „der geringen Bezahlung“ das gesamte Team anpacke, das sei schon enorm. „Sie hat zig Angebote ausgeschlagen, alle wollten sie abwerben. Aber darüber redet sie nicht.“ Dafür reden Nikolaus Hensel und auch Hilmar Hoffmann umso mehr. Hoffmanns Eloge in seinem Buch über „Frankfurts starke Frauen“ aus dem Jahr 2006 schließt damit, dass „Berlin kürzlich versucht hat, Claudia Dillmann zur Leiterin der dortigen Kinemathek zu machen, als Nachfolgerin des nicht minder bedeutenden Hans Helmut Prinzler“. Daran knüpft er rhetorisch die Frage: „Wer hätte sich in Frankfurt nicht über ihre Absage gefreut?“

Sie lamentiert nicht über Filmproduktionsschwemme

Claudia Dillmann ist viel unterwegs in Straßburg, Brüssel und Luxemburg, als Vorstandsmitglied der Association des Cinémathèques Européennes, eines Verbunds europäischer Filmarchive, in dem sie sich einsetzt für den Erhalt des europäischen Filmerbes durch eine Digitalisierung. Engagiert ist sie in der Debatte über die Zukunft des Films. Mehr als 50 Prozent aller deutschen Kinos sind inzwischen mit digitalen Projektoren ausgerüstet, können nur noch digitalisierte Filme zeigen, Was passiert also mit all den bis zur Jahrtausendwende auf chemisches Filmmaterial gebannten Werken? „Das Geld wird über DVDs und Fernsehausstrahlungen verdient werden, doch das Kino als sozialer Ort wird bleiben“, sagt Dillmann. Von ihr hört man kein Lamentieren über eine Filmproduktionsschwemme, die gar nicht mehr von den Kinos aufgefangen werden könne, kein Klagen über einen „stählernen digitalen Look“, kein penetrantes Jammern, dass der Film in Deutschland kein kulturelles Allgemeingut sei wie im Filmland Frankreich.

In ihrem radiophonen warmen Singsang münzt sie die Lage ins Optimistische, ins Konstruktive, ins Pragmatische für sich und ihre Arbeit, untermauert das mit Fakten. So verleihe das DIF jährlich 600 Filme an Programmkinos, das zeige doch „das Interesse eines Publikums, das Filmerbe im Kino erleben zu wollen“. Und die Anmutung digitaler Bilder sei nicht mehr so hart, „da haben die Tüftler gute Arbeit geleistet“. Im zunehmenden Wettbewerb von Programmkinos, Multiplexen, Video on Demand und DVD-Heimkinos würden „die Kommunalen Kinos wichtiger denn je“. Zur Filmbildung gehöre die einordnende Diskussion, gerade für Kinder und Jugendliche. Scharf schießt sie jedoch gegen die öffentlich-rechtlichen Sender, „die ihren kulturellen Bildungsauftrag nicht erfüllen“, die keine Schwarzweißfilme vor Mitternacht zeigten.

„Ich bin gerne auf You Tube unterwegs“

Die Angst der Rechteinhaber vor Filmpiraterie konfrontiert auch das Filmmuseum mit gestiegenen Vorführlizenzen und Transportkosten. „Da müssen wir im Museum überlegen, ob wir ein 35-Millimeter-Original zeigen oder eine Digitalkopie und uns auch mal von philosophischen Grundhaltungen verabschieden.“ Sie wünsche sich das legale Einstellen möglichst vieler Filme ins Internet: „Ich bin gerne auf You Tube unterwegs.“

Und weiter dreht sich die Film-Zukunfts-Debatte. Die Filmförderungsanstalt in Berlin unterstützt erstmals dieses Jahr die Digitalisierung mit einer Million Euro. Damit sollen jährlich etwa 66 Filme gefördert werden. Doch umfasst allein die deutsche Produktion jedes Jahr etwa 200 Arbeiten. „Derzeit werden nur A-Klasse-Filme digitalisiert, alle übrigen sind vom Verschwinden bedroht.“ Das Observatoire européen de l’audiovisuel in Straßburg hat errechnet, dass zwei Milliarden Euro aufgebracht werden müssten für die Digitalisierung des europäischen Filmerbes.

Dillmann spricht nicht über Dillmann

Im Jahr der Fusion von DIF und Filmmuseum war Claudia Dillmann schon 22 Jahre am Schaumainkai tätig. Sie war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Glück, Zufall, Schicksal? Aussagen „Dillmann über Dillmann“ sind nicht zu erhalten. Keine Selbsteinschätzung, aber auch keine Ausflüchte, keine zurechtgelegten Statements, eher mal ein ehrlicheres Schweigen. „Es hätte genauso gut passieren können, dass ich am Städel gelandet wäre.“ Und sie relativiert sogleich: „Wenn auch bestimmt nie in meiner jetzigen Position.“ Ihr Traum, die Eröffnung einer Galerie in Barcelona, ist begraben. „Dafür ist es zu spät“, lacht sie. Dennoch reiste Claudia Dillmann gerade auf den Spuren Picassos durch Frankreich und Spanien. Im Ruhestand will sie sich, jedenfalls zeitweilig „im Süden, wahrscheinlich in Spanien“ niederlassen.

Hilmar Hoffmann schreibt, Claudia Dillmann habe ihn überzeugt, ihr 1997 die Leitung des Deutschen Filminstituts anzuvertrauen, da sie im Bewerbungsgespräch „unerschrocken dem Vorsitzenden fröhlich widersprochen hat, wenn der sich mit seiner eigenen Filmkenntnis zu weit vorgewagt hatte“. Damals schlussfolgerte Hoffmann: „Wer in einer Situation, wo die eigene Zukunft auf dem Spiel steht, mit energischem Widerspruch riskiert, sich unbeliebt zu machen, schien mir auch geeignet, mit ähnlich offenem Visier an der Spitze dieses wichtigen Instituts entsprechend furchtlos dessen Interessen zu vertreten.“

Fröhlich widerspricht sie auch bei einem Gespräch über Hannelore Elsner, die den Ehrenpreis bei der Hessischen Film- und Kinopreis-Zeremonie erhalten hat. Ein Regisseur wird fälschlicherweise der Elsner zugeordnet. Das ist der Impuls für das Gedächtnis der Filmexpertin, das sogleich Zahlen, Daten, Fakten auswirft. Es geht um die Geschichte und die Zukunft des Films, immer.

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