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Schriftsteller Kracht : „Vierzig Jahre lang gedacht, ich hätte mir dieses Szenario ausgedacht“

  • Aktualisiert am

Der Schriftsteller Christian Kracht an der Frankfurter Goethe-Universität Bild: Frank Röth

Was bestimmt das Denken und Schreiben von Christian Kracht? Vor kurzem wurde aus einer düsteren Erinnerung Gewissheit – seit er weiß, dass sein Peiniger auch andere Jungen missbraucht hat.

          Mit einem Schock einsteigen und dann langsam steigern: Christian Kracht beginnt seine Frankfurter Poetikvorlesung mit dem Augenblick, in dem ihn ein anglikanischer Geistlicher im kanadischen Internat dazu zwang, sich nackt über die Lehne eines Sofas zu beugen. Dann schlug der Pastor den zwölf Jahre alten Knaben mehrfach mit dem Gürtel und befriedigte sich dazu selbst. „Vierzig Jahre lang habe ich gedacht, ich hätte mir dieses Szenario ausgedacht“, sagt Kracht in der Frankfurter Goethe-Universität. 1995 wurde er mit „Faserland“, seinem ersten Roman, auf einen Schlag bekannt, nun berichtet er von dem, was sein Denken und Schreiben bestimmt. Seit er vor kurzem erfuhr, dass sein Misshandler mindestens 30 Jungen vergewaltigt hat, glaubt er seinen Erinnerungen.

          Seine Figuren zeigen für ihn Spuren des Erlebten. Auch er selbst weise Eigenschaften auf, die Klaus Theweleit am faschistischen Mann entdeckt habe: hochfunktional, gesichert durch seelische und körperliche Panzer, erworben durch Disziplin. Ganz beiläufig erzeugt Kracht ein Bild dessen, was sein Schreiben formt. So wie die amerikanischen Fernsehserien, in die er vor dem Missbrauch floh: „Diese Vielfalt, dieser Glaube an die Populärkultur, diese Polyphonie, dieser Einfallsreichtum: Humor, Selbstreferentialität, Pathos, Theatralik.“

          Das Kindheitserlebnis erklärt, wie in seinem Werk Vergangenes und die Gegenwart auseinanderzufallen scheinen, aber untrennbar zusammengehören, so wie Nähe und Ferne. Ihn, den 1966 als Sohn eines Deutschen in der Schweiz Geborenen, präge die Sehnsucht, der „Sprache Eichmanns“ zu entkommen und „das Deutsche von außen zu schauen“. Mehr am 19. und 22. Mai von jeweils 18.15 Uhr an.

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