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Bundesjugendspiele : Leistung ohne Demütigung

Zonenweitsprung: Vor dem Sprung schätzen die Schüler, in welcher Zone sie landen. Wer richtig schätzt liegt, bekommt einen Zusatzpunkt. Bild: Hedwig, Victor

Wer als Schüler unsportlich war, erinnert sich mit Grauen an die Bundesjugendspiele. Ein anderes Format mit neuen Disziplinen soll das Einzelkämpfertum beenden und den Teamgeist befördern.

          Der Star ist die Mannschaft, war das Motto, mit dem die deutschen Fußballer 1996 Europameister wurden. Bei den Bundesjugendspielen lautet die Devise meist anders. „Da heißt es: jeder gegen jeden“, sagt Alba Pfannmüller. Die Sportlehrerin vom Heinrich-von-Gagern-Gymnasium bezieht sich auf die gängige Ausrichtung der Bundesjugendspiele als Wettkampf, der meistens in den Leichtathletik-Disziplinen Sprint, Mittelstreckenlauf, Weitsprung und Werfen ausgetragen wird.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Der Wettkampf richtet sich an den Einzelnen“, sagt Pfannmüller. „Jeder will der Sieger sein.“ Auf der Sportanlage im Ostpark, wo das Gagern-Gymnasium in diesen Tagen die Bundesjugendspiele abhält, geht es jedoch um das Team, sprich: die Klasse. Die Schüler treten zusammen an und versuchen, gemeinsam möglichst gute Ergebnisse zu erzielen. Dafür mussten die Sportlehrer kein neues Format erfinden. Sie konnten auf eines zugreifen, das bei den bundesweiten Spielen ohnehin zur Auswahl steht, aber selten angewendet wird. Es heißt nicht Wettkampf, sondern Wettbewerb.

          „Wir wissen doch, dass wir schlecht sind“

          Zu den Disziplinen des Wettbewerbs gehört der Wendesprint. Auf dem Sportplatz im Ostpark haben die Lehrkräfte einen Parcours aus umgestülpten Bananenkartons aufgebaut. Ein Junge im roten Trikot springt im Sprint über die Kisten, wendet und läuft im Slalom zurück. „Niklas, Niklas, Niklas“, rufen die anderen Kinder aus der 6c. Niklas läuft ins Ziel und klatscht Alicia ab, die nun ihrerseits losrennt und angefeuert wird. Als alle Kinder durch sind, bleibt die Stoppuhr bei 4:55Minuten stehen. Die Besten haben den Parcours in acht Sekunden geschafft, die Schlechtesten in elf. Was zählt, ist aber die Gesamtzeit.

          Vor zwei Jahren gab es eine bundesweite Diskussion darüber, ob Bundesjugendspiele noch zeitgemäß sind und Kindern womöglich sogar schaden können. Pfannmüller will den klassischen Wettkampf nicht verdammen, sieht aber Vorteile im Wettbewerb. „Der Ansatz ist spielerischer, die ganze Klasse ist im Blick“, sagt sie. Ihre Kollegin Susanne Battenberg pflichtet ihr bei. Die unsportlichen Schüler hätten den bisherigen Modus oft als demütigend erlebt. „Die haben gesagt: Wir wissen doch, dass wir schlecht sind – warum müssen wir das noch einmal beweisen?“

          Zwar sei es das Ziel des Sportunterrichts, die Leistungen jedes Schülers zu steigern, sagt Battenberg. Doch für eine in der Stadt gelegene Schule wie das Gagern-Gymnasium, das keinen eigenen Sportplatz habe, sei es nicht möglich, die Leichtathletik-Disziplinen regelmäßig zu üben. Deshalb hätten bei den Bundesjugendspielen immer diejenigen vorne gelegen, die ohnehin gut im Rennen, Springen und Werfen seien. Die anderen hätten keine Chance gehabt und seien entsprechend schlecht zu motivieren gewesen. Deshalb habe sich die Fachschaft Sport mit Zustimmung der Schülervertretung entschieden, in diesem Jahr das teamorientierte Format auszuprobieren.

          Bleibt bestehen: je nach Leistung unterschiedliche Urkunden

          Zu den Laufdisziplinen gehören außer dem Wendesprint eine Pendelstaffel und ein 15-Minuten-Lauf. Im Werfen wird ein Medizinball gestoßen – es zählt aber nicht die genaue Weite, sondern in welcher von mehreren mit rot-weißem Band markierten Zonen der Ball landet. Ähnlich funktioniert der Zonenweitsprung: Die Kinder schätzen vorher, in welcher Zone sie landen werden und bekommen, wenn sie richtig geschätzt haben, einen Zusatzpunkt. Außerdem müssen sie einmal mit rechts und einmal mit links abspringen. So kann ein schwächerer Schüler mit dem starken Fuß stärker sein als ein stärkerer Schüler mit dem schwachen Fuß.

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          Für die Lehrer und die Oberstufenschüler, die beim Wettbewerb helfen, bedeuten die neuen Disziplinen mehr Arbeit. Während Laufbahn und Sprunggrube auf Sportplätzen vorhanden sind, ist nun zusätzliches Material vonnöten, wie Pfannmüller sagt. Auch die Auswertung ist etwas komplizierter, allerdings steht dafür eine Software zur Verfügung. Ganz in der Gemeinschaft gehen die Einzelergebnisse nicht auf: Am Ende bekommen die Schüler wie im klassischen Wettkampf je nach Leistung unterschiedliche Urkunden.

          Trotzdem fördere das neue Format den Zusammenhalt, sagt Georg Probst, der als Klassenlehrer den Zonenweitsprung beaufsichtigt. „Auch die Schwächeren tragen zum Gesamtergebnis bei.“ Weil die sportlich besonders Ambitionierten das wüssten, feuerten sie ihre Mitschüler an. So lernten die Schüler, dass im Sport nicht nur die Spitze zähle, sondern Leistung auf jedem Niveau.

          Quelle: F.A.Z.

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