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Veröffentlicht: 04.08.2017, 16:04 Uhr

Bücherschränke in Frankfurt Von Bestsellern und Schrankhütern

Er ist das erfolgreichste Möbelstück des öffentlichen Raums: der Bücherschrank. Doch was wollen seine Nutzer? Ein empirischer Versuch.

von , Frankfurt
© Maria Klenner Kurze Arme, keine Bücher: ein kleiner Nutzer am Merianplatz in Frankfurt.

Rom hat Brunnen, Frankfurt Bücherschränke. Die Ewige Stadt lässt an Plätzen und Straßenecken kostenlos Wasser aus Hähnen und Löwenköpfen strömen, die Stadt des ewigen Selbstumbaus stellt kleine Säulen aus Metall und Glas auf, in denen Passanten einen schwunghaften Tauschhandel mit Büchern betreiben. In Rom streitet man derzeit bei sommerlicher Hitze darüber, ob die Brunnen abgestellt werden müssen, des Wassersparens wegen. Frankfurt, die Stadt der Kritischen Theorie, in der es gerade viel regnet, setzt das nachhaltige Loswerden gelesener Bücher und das glückliche Auffinden noch unbekannter Titel derweil ungestört fort.

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Das passt zur Stadt, in der es einmal besonders vernehmlich hieß, das Private sei politisch. Die ideologischen Konflikte von einst sind lange beigelegt, aber dafür, dass das, was privat im Bücherregal steht, nach dem Aussondern in gute Hände kommt, setzen die Politiker im Römer und in den Ortsbeiräten öffentliche Gelder ein. Der Bücherschrank auf dem Merianplatz im Nordend ist der älteste. Seit acht Jahren gibt es die Stele in eleganter Rost-Optik mit Glastüren nach zwei Seiten. Sie war der erste von inzwischen mehr als fünfzig Bücherschränken, die heute in ganz Frankfurt als eine Art Babyklappe für Geisteserzeugnisse dienen.

Regen, aber dennoch herrscht Betrieb

Und was liest die Stadt? Eine kleine, empirisch über jeden Zweifel erhabene Versuchsreihe gibt Antwort. Ein paar Tage lang kommen in den Schrank auf dem Merianplatz Bücher aus eigener Haltung. Am ersten Tag sind es morgens um Viertel vor zehn sieben sorgfältig zusammengestellte Romane und Sachbücher. Als Erstes öffnet eine junge Mutter mit Kinderwagen den Schrank, nach ihr eine Frau mittleren Alters, dann ein dicker Rentner, nach ihm ein dünner auf dem Fahrrad. Eine Frau auf Krücken grüßt den Dicken, um kurz vor zehn schauen zwei rundliche Frauen mit schulterlangen grauen Haaren vorbei. Eine von ihnen nimmt als Erstes Eugène Dabits Roman „Hôtel du Nord“ mit.

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Eine überraschende Wahl: Dabits Buch ist 1929 in Frankreich erschienen, exzellent, aber in Deutschland kaum bekannt, etwas für Feinschmecker. Eine der Damen, ein Rentner oder die Mutter haben bis zu diesem Zeitpunkt auch schon die etwas trocken geratenen Bildbände „Vulkanismus“ und „Sterne und Weltall“ mitgenommen. Dann eine zweite Mutter, mit kleinem Sohn und Baby. Der Sohn greift zu den Kinderbüchern im untersten Schrankfach, die Mutter weiter oben zu Helen Macdonalds vor drei Jahren sehr erfolgreicher Naturschilderung „H is for Hawk“. Dieser Schrank hat, auch auf Englisch, einen Stoffwechsel, so schnell wie der eines Kolibris: Es ist sieben nach zehn, und vier von sieben Titeln haben in 22 Minuten den Besitzer gewechselt.

Was aus den anderen geworden ist, wird am folgenden Tag kontrolliert. Mittagspause, Regen, trotzdem herrscht Betrieb. Die Reste von gestern, Stephen Kings Horrorthriller „Revival“, J. K. Rowlings dritter Robert-Galbraith-Krimi, „Career of Evil“, und das „Granta Book of African Short Stories“, sind nun auch verschwunden. An diesem Schrank kommen Leser mit sehr unterschiedlichen Vorlieben vorbei. Höchste Zeit, in diesem Sinne nachzufüttern. Hinein also mit Christian Krachts „Die Toten“, dem historischen Roman „Hiobs Brüder“ von Rebecca Gablé und „Wolf Hall“ von Hilary Mantel. Nach fünf Minuten hat entweder der ältere Herr mit dem dunklen Mercedes den Kracht an sich genommen oder der Grauhaarige mit Vollbart und Schiebermütze.

Kaum etwas kommt zurück

Zurück bleiben die Schlachtrösser und Arbeitspferde des Unterhaltungsromans, alte und neue Bestseller. Simmel, Konsalik, Grisham, Dan Brown, Danella, Pilcher und Link. „Der Schwarm“, „Darm mit Charme“ und Gillian Flynns „Gone Girl“. Anne Golon ist zwar vor drei Wochen gestorben, die Bände ihrer unverwüstlichen „Angélique“ aber werden auch in hiesigen Bücherschränken noch immer weitergereicht. Sachbücher hingegen sind selten, die plötzlich aufgetauchte „Einführung in die Betriebswirtschaftslehre“ und die 24 Bände von „Meyers Großes Taschenlexikon“ bilden Ausnahmen. Alles aber wird während der Dauer der kleinen Feldstudie von irgendjemandem in den Schrank hineingestellt und von jemand anderem wieder mitgenommen.

Und kaum etwas kommt zurück. Dabei erklärt die Bedienungsanleitung an der Schmalseite ausdrücklich, dass man entnommene Bücher zurückbringen darf. Die meisten aber nutzen den Schrank nicht als Leihbücherei, sondern als Antiquariat, in dem Gebrauchtes in gute Hände kommt, und als kostenlose Buchhandlung, in der man für Bücher endlich einmal nichts bezahlen muss. Ewiger Wertstoffkreislauf und dauernd kostenlose Inhaltsnutzung – im öffentlich geförderten deutschen Bücherschrank kommen zwei gesellschaftliche Obsessionen zusammen. Kein Wunder, dass die erfolgreichen Stelen an immer mehr Plätzen auftauchen.

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Am dritten Tag, einem Freitag abends nach elf, ist noch immer jemand am Merianplatz zugange und steckt Einschlaflektüre ein. Der Schrank hat inzwischen auch Gablé und „Wolf Hall“ verdaut, also werden als Ersatz Gary Shteyngarts Roman „Kleiner Versager“ und das Kinderbuch „Kicker im Kleid“ von David Walliams zurückgelassen. Irgendwas wird sich ja wohl länger als einen Tag halten.

Aber nichts da, dieser Schrank verträgt alles, einen Tag später sind auch sie verschwunden und alle Fächer bis zum Bersten mit Neuem gefüllt. Es ist Samstag und ganz offensichtlich Haupteinstelltag. Also ein letzter Versuch mit zwei eher ausgefallenen Romanen, „Überm Rauschen“ von Norbert Scheuer und „Machandel“ von Regina Scheer. Der letzte Besuch erfolgt am Montag. Und richtig: alles weg.

Klar, dass bei so viel bürgerlicher Lust an Neuem die nächsten Ortsbeiräte die Aufstellung weiterer Schränke planen, obwohl der Hersteller den Preis zuletzt von knapp 6000 auf fast 7000 Euro angehoben hat. Bleibt ein Problem. An all den Tagen kaum zu sehen: Jugendliche und junge Männer. Brauchen sie statt Brunnen und Büchern Smartphones und Wasserhäuschen? Egal. Der Bücherstrom reißt nicht ab.

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Von Matthias Alexander

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