13.08.2006 · Es kommt selten vor, daß Kirsten Klippert Pflanzenmaterial bei ihren Führungen herumreichen kann. Diesmal tut sie es mit Lust. Zumal sich so viele Gartenfreunde für Unkraut zu interessieren scheinen. Doch was sind Unkräuter?
Von Claudia SchülkeEs kommt selten vor, daß Kirsten Klippert Pflanzenmaterial bei ihren Führungen herumreichen kann. Diesmal tut sie es mit Lust. Zumal sich so viele Gartenfreunde für Unkraut zu interessieren scheinen. Den Spargelstecher in der Rechten, schwenkt die Gärtnermeisterin triumphierend eine Brennessel in der Linken. Aber keiner der Teilnehmer möchte nähere Bekanntschaft machen mit der Ameisensäure in den Brennhaaren.
Schließlich lebt man ja nicht mehr im Mittelalter, als sich Rheumatiker noch mit Brennesseln geißelten. Wie weh muß es den Frauen bis ins 18. Jahrhundert getan haben, die Bastfasern dieser Pflanze zu Garn zu verarbeiten, um jene Nesselhemden herzustellen, mit denen sich verzauberte Prinzen erlösen ließen, wie bei Hans Christian Andersen nachzulesen ist.
Die Vorteile der Brennessel
Urtica dioica L. ist kein Unkraut, sondern eine traditionelle Heilpflanze, die wegen ihrer entwässernden, entzündungshemmenden Wirkung noch heute gegen Harnwegsinfekte, Nierenentzündungen und Nierengries eingesetzt wird. Schmetterlinge wie das Tagpfauenauge und der Kleine Fuchs schätzen sie als Eiablage und Futterpflanze für ihre Raupen. Dem Gärtner zeigt sie, daß er den Boden nicht mehr mit Stickstoff zu düngen braucht. Außerdem liefert sie ihm als Brennesseljauche die nötige Kieselsäure, um die Zellwände seiner Kulturpflanzen zu kräftigen und Krankheiten fernzuhalten.
Warum weiß er sie dann nicht zu schätzen? Was stempelt sie zum Unkraut ab wie die Zaunwinde mit ihren überall durchkriechenden, nachwachsenden Wurzelstöcken und ihrer zartrosa Trichterblüte? „Unkraut ist eine Pflanze, die dort wächst, wo der Mensch sie nicht sehen will“, sagt Kirsten Klippert, der gar nichts zugunsten der Winde einfällt. Auch Gänseblümchen und Butterblumen sind ungebetene Gäste im Rasen. In der Systematischen Abteilung des Botanischen Gartens dagegen wird der Löwenzahn unter den Aroma-Pflanzen kultiviert. Der Vogelknöterich, der hinten auf dem Betriebsplatz plattgetreten dahinvegetiert, schießt hier neben dem verwandten Buchweizen ins Kraut.
Dem Fröhlichen ist jedes Unkraut eine Blume
Nicht nur die Kleingärtner, auch die Botaniker definieren, was zwischen erwünschten Kräutern ein Unkraut zu sein hat: eine bezaubernde Aster amellus etwa, die in der künstlich angelegten „Steppenheide“, dem Arbeitsrevier der Gärtnermeisterin, die Küchenschelle blau überwuchert. Kirsten Klippert weiß, was es heißt, die Wilde Möhre in Schach zu halten, damit die Enziane Licht bekommen, und ihre Kollegen achten darauf, daß der Giersch im Eichen-Hainbuchenwald bleibt und sich nicht auch im Buchenwald ausbreitet, wo er gar nicht hingehört. Aber warum zieht es ihn dorthin? Und warum fühlt sich der Portulak auf den Gehwegen wohl, dem einzigen Areal, das im Botanischen Garten mit Herbiziden bearbeitet wird? Warum macht der Gehörnte Sauerklee den Gärtnern das Leben im Alpinum so schwer?
„Unkräuter können etwas sehr Schönes sein“, meint eine Besucherin. Es soll sogar Menschen geben, die Haikus über Winden schreiben. Und ein finnisches Sprichwort weiß: „Dem Fröhlichen ist jedes Unkraut eine Blume, dem Betrübten jede Blume ein Unkraut.“