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Fliegerbombe entschärft : Kartoffelsuppe in der Geisterstadt

Entschärfte Bombe am Gallus Bild: Michael Braunschädel

Die Fliegerbombe am Frankfurter Gallus ist erfolgreich entschärft worden. Viele Bewohner werden die Nacht dennoch nicht so schnell vergessen. Streifzug durch ein Viertel im Ausnahmezustand

          Viertel nach sieben brennt in der Hattersheimer Straße noch Licht. In einem Wohnhaus mit mehreren Parteien im dritten Stock. Und es brennt auch später noch, als die Polizei längst mit dem Streifenwagen vorgefahren ist und alle Anwohner anhält, die versuchen, doch noch irgendwie in die Sicherheitszone zu gelangen.

          Manfred  Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Und das sind einige an diesem Abend. Viele haben offenbar nicht mitbekommen, dass am Mittwoch nur einen Steinwurf von ihrer Wohnung entfernt eine Fliegerbombe gefunden worden ist. Ein Mann, der gerade aus dem Büro kommt, sagt, er habe nur durch Zufall davon erfahren. Durch einen Kollegen. Dabei hat der Mann Glück. Er wohnt an der Idsteiner Straße im Frankfurter Stadtteil Gallus, im oberen Bereich, gerade so eben außerhalb der Zone. An der Hattersheimer Straße stehen weitere Anwohner. Sie sind verwirrt. Wissen nicht, ob sie jetzt ihre Wohnung verlassen müssen oder nicht. Später stellt sich heraus, dass die eine Straßenseite bleiben darf, die andere nicht. Ein Mann sagt: „Wer soll denn da noch durchsteigen?“

          Tatsächlich haben Polizei und Feuerwehr die Bevölkerung fast ausschließlich über das Internet informiert, vor allem über Twitter. Kein Kanal, den ältere Menschen nutzen. Flugzettel wurden nicht verteilt, was viele Anwohner kritisieren. Einigen blieb nichts anderes übrig, als sich schnell noch in die Sammelunterkunft im Forum der Messe fahren zu lassen. Dort sitzen am Abend 600 Frauen und Männer beieinander bei Würstchen und Kartoffelsuppe.

          Patrick Lange hat auch erst am Morgen von der Bombe erfahren. Und zwar durch die SMS einer Bekannten, die ihn fragte, ob er bei ihr übernachten wolle. Kurz war der Zweiunddreißigjährige überrascht, dann, als er die Zeitung aufgeschlagen und von der Bombe gelesen hatte, wurde ihm klar, dass sie ihm tatsächlich bloß Obdach bieten will. Er nahm das Angebot an. Kurz vor sieben macht er sich an diesem Donnerstagabend auf dem Weg zu ihr. „Zusammen mit anderen Freunden gucken wir den Vorentscheid zum Eurovision Song Contest. Das wird bestimmt nett.“

          Doch nicht nur Anwohner sind betroffen. Sondern auch Kneipen, die am Abend erst gar nicht öffnen, und Unternehmen, deren Mitarbeiter früher Feierabend haben. Auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ liegt im Evakuierungsgebiet. Der Blindgänger liegt nur etwa 300 Meter vom Redaktionsgebäude entfernt. Um 18 Uhr muss das Blatt fertig sein. Für ein Zeitungshaus, sonst bis weit in den Abend hinein hell erleuchtet und belebt, ist das mitten am Tag.

          Wer nicht zu Verwandten, Freunden oder in eine Kneipe möchte, kann bei der Messe einkehren. Sie hat eine Halle freigeräumt. Die Frauen und Männer sitzen hier am Abend an langen Tischen, dösen, lösen Kreuzworträtsel oder surfen. Vier Inder spielen Monopoly. Die Notfallseelsorge ist da; die Damen und Herren sind gut im Zuhören, so dass ihnen mancher sein Leben erzählt. Die Johanniter geben Suppe aus. So viele Bewohner eines Stadtviertels sieht man sonst nicht zusammen. Ein Blick in den Saal: International ist das Gallus, eine bunte Völkergemeinschaft. Aber nicht so gesellig, wie man vielleicht meinen könnte. Viele Menschen sitzen alleine.

          Mehrere Hotels mussten geräumt werden. Die Gäste wurden umgebucht, manche haben abgesagt, nachdem sie von der Bombenentschärfung erfahren hatten. Nur wenige haben das Zimmer behalten und warten jetzt irgendwo darauf, dass sie es noch beziehen können. Das Gallus, das sonst so quirlige Viertel, ist an diesem Abend zu einer Geisterstadt geworden. Um halb elf fahren zwar die Straßenbahnen, aber sie halten nicht mehr im Gallus an. Gegen zehn Uhr fährt noch einmal ein Lautsprecherwagen durch die abgesperrten Straßen.

          Bevor die Entschärfung um 23 Uhr beginnt, geht die Polizei mit mehreren hundert Beamten das Viertel ab. Sie ziehen von Haus zu Haus, um zu schauen, ob sich nicht doch noch irgendjemand in seiner Wohnung aufhält. Renitente Bürger gibt es diesmal aber offenbar nicht. Als es einem Mann mit seinem Auto  gelingt, auf der Frankenallee ins Sperrgebiet zu fahren, als die Entschärfung schon begonnen hat, reagiert die Polizei prompt. „Bleiben Sie stehen. Bleiben Sie sofort stehen und fahren Sie zurück!“, schreit ein Beamter über Lautsprecher. Der Mann folgt.

          Und dann, umhalb zwölf, gibt es einen Knall. Sofort melden sich Anwohner über Twitter, fragen, ob das die Bombe war. Sie war es. Der Zünder ist draußen. Kurz darauf wird die Absperrung geöffnet. Der Blindgänger ist entschärft.

          An der Fundstelle steht Rudi Reitz, der Entschärfer. In eine dicke Jacke gepackt, Wollmütze auf dem Kopf. Froh, dass alles gut gegangen ist. „Das war nicht schwer diesmal“, sagt er.
          200 Bomben dieses Typs hat er schon entschärft. „Aber trotzdem ist jede Bombe anders.“ Jetzt brauche er erst mal einen heißen Tee.

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