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Veröffentlicht: 14.06.2017, 10:03 Uhr

Blutiger Streit unter Rockern Schüsse als Folge eines Revierstreits

Im Rockerprozess wird der Hintergrund des Mordversuchs an Himmelfahrt klarer. Offenbar fürchteten Mitglieder des verbotenen Hells-Angels-Charter „Westend“ um ihren Einfluss im Milieu.

von , Frankfurt
© dpa Auf offener Straße: Polizisten sichern Spuren nach dem Angriff auf den Hells Angel.

Wie bei einem Puzzle setzt sich Teil für Teil das Schreckensbild zusammen, das den Schusswechsel am Himmelfahrtstag vergangenen Jahres in der Innenstadt als Abrechnung im Rocker-Milieu zeigt. Allerdings sind auch am zweiten Tag der Verhandlung vor dem Landgericht viele Fragen zum Hintergrund des Mordversuchs offengeblieben. An ihr ehernes Gesetz, nicht mit Polizei oder Justiz zu sprechen, halten sich „Motorradfreunde“ selbst dann, wenn ihre in Frankfurt einst wohlgeordnete Welt aus den Fugen gerät. 5. Mai 2016, gegen 16.50 Uhr: Laut Anklage springen Athanasios A. und einer seiner Begleiter von ihren Sitzen im Café Helium am Friedrich-Stoltze-Platz auf und eröffnen das Feuer auf den Fahrer eines Geländewagens, der am Fahrbahnrand steht. Der 41 Jahre alte Munis H. wird in dem Wagen schwer verletzt, auch sein Cousin wird getroffen, seine Lebensgefährtin kommt mit einem Schock davon. Auf dem Platz bricht Panik aus.

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Beide Schützen flüchten, A. wird einige Tage später in Rumänien festgenommen und ausgeliefert, sein mutmaßlicher Komplize bleibt verschwunden. Der Gewaltausbruch auf dem zentralen Platz, an dem sich an diesem sonnigen Nachmittag viele Menschen aufhielten, war offenbar die Folge einer gescheiterten Friedensverhandlung einige Wochen zuvor in einem Hotel am Flughafen. Mit der Versöhnung zwischen den Frankfurter Rockern der alten Schule und ihren schon seit längerem aufbegehrenden früheren Handlangern um den türkisch-stämmigen Aygün Mucuk war es da schon nicht mehr weit her. Auf dem Weltgipfel der Hells Angels im Sommer 2015 in Griechenland waren die Rivalen, die schon im Katana Club 2014 mit Waffengewalt aufeinandergeprallt waren, gezwungen worden, sich zu einigen. Mucuk und seine Mannen, meist muslimischer Herkunft, durften ein eigenes Charter in Mittelhessen gründen. Der Konflikt schwelte jedoch weiter.

Handfeste Unterredung im Hotel

Wie ein Kriminalbeamter des Dezernats Organisierte Kriminalität gestern vor Gericht sagte, ist von den Kameras im Foyer des Hotels aufgezeichnet worden, wie sich im April 2016 eine Gruppe um den früheren Frankfurter Hells-Angels-Präsidenten Walter B. mit Mucuk und dessen Gefolgsleuten trifft. B.s Charter „Westend“ ist seit Ende 2012 verboten, Einfluss und Macht dieser Gruppe im Milieu sind jedoch nach wie vor sehr groß. Bei dem Gespräch im Flughafen-Hotel könnte es darum gegangen sein, ob die Mittelhessen eine ihr nahestehende Gruppe namens Turkey Nomads davon abhalten müssten, in den angestammten Frankfurter Revieren von „Westend“ zu wildern.

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Wie auf den Aufzeichnungen zu sehen ist, dauerte die Unterredung im Hotel nur wenige Minuten, dann flogen offenbar die Fäuste. Jedenfalls verließ der ehemalige Vizepräsident von „Westend“ das Hotel mit blutender Nase. Schläger soll Munis H. gewesen sein. Er sei früher selbst Mitglied in dem Charter gewesen, heißt es, habe sich dann aber der Konkurrenz zugewandt. Nach dem Schlag gegen seinen früheren Boss soll er für „out“, so etwas wie „vogelfrei“, erklärt worden sein. Der mutmaßliche Schütze vom Stoltze-Platz, Athanasios A., wird dem Charter „Westend“ zugerechnet. Mucuk, ihr gefährlichster Widersacher, wurde Anfang Oktober 2016 erschossen; bisher gibt es keine erfolgversprechende Spur.

Blutüberströmt im Café zusammengebrochen

Rund um den Prozess gilt nach wie vor eine hohe Sicherheitsstufe, Polizeibeamte in Schutzwesten stehen an jeder Ecke des Gerichtsquartiers. Im Verhandlungssaal ist die Stimmung eher entspannt. Der Angeklagte, ein 56 Jahre alter Grieche mit langer Mähne, schweigt und blickt meist fröhlich drein. Er sucht oft den Blickkontakt mit einem halben Dutzend Männern im Zuhörerraum, die zum alten Kern der Frankfurter Rocker zählen.

Die Atmosphäre passt so gar nicht zu dem Schrecken, der am Himmelfahrtstag in Frankfurts Zentrum herrschte, als die Schüsse fielen. Eine Mitarbeiterin des Cafés Bar Celona schilderte gestern vor der Schwurgerichtskammer, wie die Gäste – unter ihnen auch viele Kinder – versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Dabei seien sie zum Teil übereinander gestürzt, Tische und Stühle wurden umgeworfen, sie selbst habe das Tablett fallengelassen. Der Fahrer des Wagens habe sich bis zu ihrem Café geschleppt und sei dort blutüberströmt zusammengebrochen. Ob er tatsächlich noch sagte „Das waren die von Westend“, daran kann sie sich nicht mehr so genau erinnern. Der Prozess wird am nächsten Dienstag fortgesetzt.

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