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Bestattungskultur in Frankfurt Ein paar Gramm Asche für die Sterne

23.11.2009 ·  Frankfurts Bestatter verkaufen Regenbogensärge an Homosexuelle, lassen Totenasche zu Diamanten verarbeiten oder in den Schweizer Bergen verstreuen. Wer zahlt, bekommt fast alle Wünsche erfüllt.

Von Rafael Barth
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Vor drei Jahren hat sich Ingeborg Schott bei einem Bestatter umgeschaut. Braune Särge standen da aneinandergereiht, anonym und trostlos, Fichte-Astloch. Schott war enttäuscht. „Ich wollte niemanden in so ’ner Holzkiste gehen lassen.“ Mit Holz war die sensible Frau vertraut, in der Freizeit verzierte sie Stühle und Kommoden. Doch könnte sie auch Särgen ein neues Aussehen geben? Sie zweifelte. Suchte eine Sargfirma. Experimentierte. Heute ist Schott selbständig. Aus verschiedenen Papieren schneidet sie Rosen oder Orchideen aus und beklebt Kiefernsärge damit. Für Literaturfreunde gibt es das Papier mit Büchern, für Musikliebhaber das mit Noten. Schott streicht mehrere Schichten Lack auf. Nach drei Tagen Handarbeit glänzt die Oberfläche eines Sarges und fühlt sich warm an.

Ingeborg Schott spricht ruhig. „Ich denke bei jedem Sarg daran: Wer wird darin liegen, was geb’ ich dem mit?“ Nach längerer Raumsuche hat sich die 48 Jahre alte Frau in einem Hinterhof im Gutleutviertel ihre Werkstatt eingerichtet. Keine Vorhänge, keine Gardinen. Jeder kann kommen und schauen und eigene Ideen mitbringen. Ein Sarg solle die Persönlichkeit des Verstorbenen widerspiegeln, sagt Schott und berichtet, dass vor allem Bestatterinnen zu ihren Kunden zählten. Acht Modelle verkauft sie inner- und außerhalb der Stadtgrenzen, bis in den Rheingau und nach Gießen. Die Särge, die sie gestaltet, sollen „ästhetisch sein, nicht abgefahren“, sagt Schott. Und berührt damit größere Fragen.

Eichensarg gehört nicht mehr zum guten Ton

Wie soll, wie darf man einen Menschen auf die letzte Reise schicken: Darüber denken jene Unternehmer nach, deren Firmen die „Pietät“ schon im Namen tragen. Unter Frankfurter Bestattern heißt es, dass viele Menschen vor allem aufs Geld schauten. Mehr als früher jedenfalls. „Früher hat es zum guten Ton gehört, einen Eichensarg zu nehmen“, sagt Heike Rath, Geschäftsführerin des Bestattungshauses Schwind. Bis 2003 habe man Leichname in achtzig, neunzig Prozent der Fälle beerdigt. Dann fiel das Sterbegeld weg, die gesetzlichen Krankenkassen zahlten nichts mehr, wenn ein Versicherter starb. Seitdem werden Tote viel häufiger verbrannt, die Nachfrage nach Urnen hat rapide zugenommen. Aschebeisetzungen kosten nur die Hälfte. Auch das Urnengrab ist günstiger — wenn überhaupt gewollt.

Heike Rath schwärmt davon, wie schön und stilvoll Seebestattungen seien. Mit einem Boot fahren Freunde und Angehörige des Verstorbenen aufs Meer. Der Kapitän trägt Schwarz und spricht ein paar Worte. Es läuft Musik, „Candle in the Wind“ vielleicht oder ein Stück von Mozart. Dann lässt der Kapitän die Urne zum Wasser hinab. Trauergäste streuen Blumen. Bestatterin Rath hat beobachtet, dass die Blumen an der Stelle bleiben, wo die Urne ins Wasser sinkt, und auf einmal vom Meer aufgesogen werden. Die Urne löst sich innerhalb einer Viertelstunde im Wasser auf und gibt die Asche frei.

„Das ist was für Seebären“, sagt Heike Rath und meint Menschen, die sich dem Mittelmeer, der Nord- oder Ostsee verbunden fühlen. Mit Preisen um 2500 Euro kosten See- und Feuerbestattungen ungefähr gleich viel. Pauschalangaben gibt es nicht: alles eine Frage der Wünsche. Bei der Meeresvariante müssen die Hinterbliebenen für den Transport zum Wasser und das Boot zahlen, dafür kein Grab kaufen und jahrelang pflegen. Für manche Menschen eine Erleichterung. Für andere nicht.

Asche auf einer Almwiese...

Marion Glotzbach von der Pietät Frye hat festgestellt, dass die meisten Angehörigen ein Grab wollen, wo sie hingehen können, einen Ort zum Trauern. Nur alle paar Monate lässt das Bornheimer Bestattungshaus die Asche von Toten auf Almwiesen beisetzen oder verstreuen. In Deutschland ist das nicht erlaubt. Deshalb werden die Urnen ins Schweizer Wallis geschickt. Per Post. Die Beisetzung kostet 430 Euro und ist damit sogar etwas günstiger als auf einem Frankfurter Friedhof. Sind keine Angehörigen dabei, verstreut ein Bestatter mit einem Mal die Asche mehrerer Toter an gleicher Stelle — und verlangt hundert Euro weniger.

Die liberalen Schweizer haben nicht nur eine Vorliebe für die Natur, sondern auch für alles Hochwertige. Das Unternehmen Algordanza aus Chur löst Kohlenstoffanteile aus der Asche von Toten und presst daraus Diamanten. Michael Kahlert von der Pietät im Prüfling hat diese Form der Bestattung schon dreimal verkauft. Die kleinsten Diamanten haben 0,4 Karat und kosten 4641 Euro, die größten mehr als 13.000 Euro. Kahlert holt ein Algordanza-Prospekt: Die Diamanten seien für die mobile Gesellschaft ein „Ort der Erinnerung“, heißt es da, und könnten eine „trauerpsychologische Unterstützung in der Verlustphase entfalten“. Kahlert hat nie gezweifelt, ob es würdevoll ist, die Asche von Toten zusammenzupressen: „Wenn die Nachfrage kommt, ist man wesentlich offener.“ Zwei Kunden hätten sogar schon Vorsorge für eine Weltraumbestattung getroffen. Dabei wird der Großteil der sterblichen Überreste konventionell begraben, die Rakete befördert nur ein paar Gramm Asche zu den Sternen — für 10 500 Euro. Mindestens.

...oder aus einem Ballon heraus verstreut

Wesentlich bodenständiger wirken die Urnen des Bestattungshauses Schwind, die bei Heike Rath im Büro stehen. Eine ist rund und verziert mit roten und schwarzen Fünfecken wie ein Fußball, gedacht für Fans der Frankfurter Eintracht. Im Frühjahr sorgte die Urne für Streit zwischen der Unternehmerin und dem Verein, der Geschäftemacherei witterte. Inzwischen haben sich viele Leute danach erkundigt. Die Idee ist einfach: Ein Mensch geht von der Erde und nimmt den Fetisch mit ins Grab. Der Vereinsschal darf gern dabei sein. Für Oldtimerfans gibt es Urnen aus Wurzelholz. „Wenn ich merke, da ist Resonanz, kann man alles machen“, sagt Rath. Die Asche aus einem Heißluftballon über das Elsass streuen oder mit einer Rakete zum Mond befördern: Die Internetseite des Hauses nennt manch exotische Möglichkeit für ein großes Finale. „Das macht in Wirklichkeit kein Mensch“, beschwichtigt Rath.

Gefragter sei hingegen eine Form des Erinnerns, die in Frankfurt angeblich nur Schwind anbietet. Ein Bestatter drückt den Finger des Toten in Wachs, in die Mulde gießt ein Schmuckmacher später Gold, Silber oder Platin. 200 Euro oder mehr kostet so ein Fingerabdruck, der Hinterbliebene in der Brieftasche begleitet oder als Anhänger. „Etwas Persönlicheres gibt’s nicht“, sagt Heike Rath.

Eine Spießigkeit wie um 1900

Marion Glotzbach von der Pietät Frye hat beobachtet, dass bei Bestattungen „die Entsorgungsmentalität etwas rückläufig ist“. Sie erzählt von Angehörigen, die Verstorbene bis zu drei Tage zu Hause behalten und Trauerfeiern mit persönlichen Geschichten und Gitarrenmusik zelebrieren. Manche Leute, die alternative Bestattungsformen bevorzugten und etwa unter Bäumen im Odenwald ihre letzte Ruhe fänden, wollten aufbegehren gegen Bürokratie und überholte Rituale.

Björn Schulz formuliert es so: „Wenn ein Trauerfall eintritt, fällt man in eine Spießigkeit wie um 1900 zurück.“ Seine Firma Gaybestattungen richtet sich vor allem an Homosexuelle, an Menschen, die sich im Leben wie im Tod schriller darstellen oder einen „etwas wärmeren“ Abschied wollen. „Die kann ich auch bedienen. Jeder andere Bestatter würde weglaufen“, behauptet der Zweiunddreißigjährige.

„Regenbogenhemden hab’ ich noch nicht“

Schulz trägt einen schwarzen Anzug mit schwarzer Krawatte, die kurzen Haare sind gegelt. Wenn gewünscht, lässt er Särge mit Plüsch auskleiden, von Männern mit Waschbrettbauch zu Grabe tragen und die Leichenfeier in einer Discothek beginnen. Einmal wurde ein Mann im Lederharnisch beigesetzt. Ein anderer trug eine dunkelbraune Cordhose, ein rosa Hemd und den Schal so gebunden, wie er es immer mochte. Eine weiße Calla lag auf dem Sarg, der bunt gestreift war wie ein Regenbogen.

Doch solche auffälligen Beerdigungen sind die Ausnahme, die meisten laufen ganz normal ab. Gaybestattungen hat Schulz erfunden, weil sich bei manchen Aufträgen erst im Nachhinein herausstellte, dass der Tote und der Trauernde ein Paar waren. Bei ihm bräuchten sich Homosexuelle nicht zu verstecken, sondern könnten sich von schwulen Bestattern betreuen lassen. Für Lesben steht auf Abruf eine Frau bereit.

Björn Schulz hat seine Firma Anfang 2007 in Hannover gegründet und bietet den Service seit jenem Jahr auch in Frankfurt an. Man trifft ihn im Trauerzentrum in Rödelheim, für das er auch ohne Gay-Bezug arbeitet. Von seiner Firma allein kann er noch nicht leben, 22 Bestattungen waren es im ersten Halbjahr. Bis das Geschäft richtig laufe, würden sieben oder acht Jahre vergehen, rechnet er. In einem Raum im ersten Stock des Trauerzentrums liegen in einem Regal weiße Totenhemden. Es sieht aus wie im Kaufhaus. „Regenbogenhemden hab’ ich noch nicht“, sagt Schulz und überlegt kurz. „Man muss es nicht übertreiben.“

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