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Berlin-Umzug Frankfurt und die Suhrkamp-Kultur

03.02.2009 ·  Auch weitab von der Buchmessenstadt ist der Suhrkamp-Verlag immer mit Frankfurt am Main in Verbindung gebracht worden. Noch immer lässt sich Suhrkamp schwerlich ohne das liberale, experimentierfreudige Frankfurt denken. Der märkische Sand Berlins dürfte die Suhrkamp-Kultur austrocknen.

Von Michael Hierholzer
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Es gab Zeiten, da konnte man an den Veröffentlichungen in der „edition suhrkamp“ ablesen, woher der philosophische Wind wehte. Wie kleine wendige Segelboote, die sich jedes günstige Lüftchen zunutze machen, kurvten die „es“-Bände schon in neuen gedanklichen Gefilden, während die schweren Tanker noch unbeirrt ihren Kurs auf den theoretischen Hauptrouten hielten. Freilich wurden auch diese im Wesentlichen in jenem Verlag dokumentiert, der wie kein Zweiter zum Synonym für das intellektuelle Leben der alten Bundesrepublik wurde. Man war bescheiden und übte sich in „Verfassungspatriotismus“. Dies allerdings auf höchstem Niveau: Wenn Jürgen Habermas ein neues schwergewichtiges Werk verfasst hatte, waren rasch Zehntausende Exemplare verkauft. Spätestens seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts braute sich im Verlagsgebäude im Frankfurter Westend der kulturelle Zeitgeist zusammen, der sich nicht nur in Geistesblitzen, sondern in exzessiven Denkgewittern entlud. Und natürlich auch in literarischen Protuberanzen.

Selbst der Hermann-Hesse-Boom, der auch hierzulande für reißenden Absatz seiner Werke sorgte, nachdem im Umfeld der Hippie-Bewegung Amerika diesen Schriftsteller für sich entdeckt hatte, hat mit der seismographischen Qualität zu tun, die man dem Suhrkamp-Verlag immer zugebilligt hat - ein breiter Nebenstrom des kritischen Bewusstseins wälzte sich, an harter Politik nicht interessiert, den inneren Welten entgegen, und man entdeckte die Pubertät als subversives Lebensalter, das mühelos auch über den 50. Geburtstag hinausreichen kann, wie Harry Haller alias „Steppenwolf“ belegt. So war Suhrkamp sogar da auf der Höhe der Zeit, wo es um die Wiederentdeckung längst etablierter Autoren für die Selbstvergewisserung der aktuellen Gegenwart ging.

Zerfallsprodukte der Frankfurter Schule

Suhrkamp ist auch der Verlag des im Zug der zunehmenden Gesellschaftskritik auch im Westen viel gespielten Bertolt Brecht, dessen „Leben des Galilei“ 1963 mit einem violetten Büchlein die „edition suhrkamp“ eröffnete. Adornos gegen Heidegger gerichtete Polemik „Der Jargon der Eigentlichkeit“ lieferte 1964 noch ein Indiz dafür, dass die Kritische Theorie in einer Verteidigungsposition stand, ein paar Jahre später allerdings beherrschte sie weithin das Feld, um sich in den achtziger Jahren in allerlei Rückzugsgefechten zu verheddern. Mit Peter Sloterdijks Bestseller „Kritik der zynischen Vernunft“ schlich sich 1983 gar ein Heideggerianer ins Verlagsprogramm: Die Postmoderne hatte um sich gegriffen, und auch die Auseinandersetzung mit der Kritik am Rationalismus selbst der kritischen Vernunft schlug sich bei Suhrkamp nieder.

Die Zerfallsprodukte der Frankfurter Schule hatten bei Suhrkamp ebenso eine Chance wie die schon zur Musealisierung neigenden großen Gesamtdarstellungen. Das interessierte Publikum schaute immer sehr genau hin und registrierte jede Nuance: So erinnert Band 1000 aus der in Farben des Lichtspektrums changierenden Reihe noch an die Denkverbote der siebziger Jahre, indem er einen von Karl Jaspers verwendeten Titel in Anführungszeichen setzt, diesen aber gleichwohl nutzt, obwohl er aus einer Sphäre stammt, die unter dem Generalverdacht stand, die Verhältnisse zementieren zu wollen.

Jürgen Habermas gab 1979 die „Stichworte zur ,Geistigen Situation der Zeit'“ heraus, und der Grund für die namhaften Dichter und Denker, die hierfür einen Beitrag schrieben, war das Jubiläum nicht eines Verlags, nicht eines Gelehrten, sondern einer Reihe, die Siegfried Unseld ins Leben gerufen hatte, um vor allem literarischen und theoretischen Erstveröffentlichungen ein Forum zu bieten. Die Bände fehlten auf keinem Bücherregal in den Wohnungen der aufgeklärten Kreise, des auf die humanistischen Traditionen setzenden Bürgertums, der nach Orientierung jenseits ihres Fachgebiets suchenden Akademiker. Zumeist fein säuberlich getrennt davon die „Bibliothek Suhrkamp“ und die „Suhrkamp Taschenbücher“. Von kaum einem anderen Verlag lassen sich die einzelnen Reihen so anmutig gruppieren wie von diesem.

Frankfurt nicht der Nabel der realpolitischen Welt

Auch weitab von der Buchmessenstadt brachte man ihn immer mit Frankfurt am Main in Verbindung. In dieser Stadt, so meinte man in der deutschen Provinz, wehe ein freier Geist, säßen die Philosophen unter jeder Platane, gingen die Dichter spazieren, um die Wirklichkeit tief einzuatmen. Noch immer lässt sich Suhrkamp schwerlich ohne das liberale, experimentierfreudige, rasch reagierende Frankfurt denken. Die Universität, das Institut für Sozialforschung, das Sigmund-Freud-Institut waren und sind wichtige Bezugsorte für den Verlag. Suhrkamp ist und bleibt der verlegerische Verwalter der Frankfurter Schule und der vielen, die zu ihrem Umkreis gehören. Dass Frankfurt nicht der Nabel der realpolitischen Welt ist, bedeutet für Suhrkamp eher einen Vorteil: Mit der Kraft des Faktischen war es in der Frankfurter Theorie immer nicht so gut bestellt wie mit der Realität der Utopien. Dass neuerlich das visionäre Potential der Religionen in den Blickpunkt gerückt ist, kann daher keineswegs völlig überraschen.

Suhrkamp lebt noch immer von diesem Geist, diesem Flair, dieser Atmosphäre, wie sie untrennbar mit Frankfurt verbunden sind. Die Konstellation ist einzigartig. Wer Suhrkamp sagt, meint Frankfurt mit. Und wenn es darum geht, das Spezifische an der Frankfurter Kultur zu benennen, spielen die Produkte aus dem Haus an der Lindenstraße eine entscheidende Rolle. Gewiss hat die Suhrkamp-Kultur nicht mehr die Bedeutung wie einst. Der märkische Sand aber dürfte sie ganz und gar austrocknen.

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