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Bahnhofsviertel : Pendler, Ausländer und ein Briefkastenwald

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So ambivalent wie das Bahnhofsviertel: Der Yok Yok City Kiosk. Bild: dpa

Das Bahnhofsviertel ist berüchtigt für sein Drogen- und Rotlichtmilieu, doch dort ist wesentlich mehr zu entdecken

          Er hat oft versucht, wegzugehen. Doch irgendwie ist er immer wieder im Bahnhofsviertel gestrandet. Oskar Mahler ist Bildhauer, Fremdenführer und Künstler im kleinsten Frankfurter Viertel. Er betreibt das Hammer-Museum in der Münchener Straße und kennt sich in seiner Nachbarschaft aus wie sonst nur wenige. Mahler ist 65 Jahre alt. Er hat in Würzburg, in San Francisco, Belfast und London gelebt. Und doch ist er immer wieder nach Frankfurt zurückgekommen. Stundenhotels und Druckräume sind nicht das Einzige, was das Viertel bietet. Es hat eine besondere Architektur und ist dem Paris des Stadtplaners Georges-Eugène Haussmann nachempfunden. Viele Ethnien und Religionen leben zusammen auf einem halben Quadratkilometer. Es sei das einzige echt „Metropolige“ in Frankfurt, meint Mahler.  Er lädt regelmäßig zu Führungen ein, zum Beispiel auch zusammen mit dem Deutschen Architekturmuseum. Denn das Bahnhofsviertel passt zur Ausstellung „Making Heimat“, die noch bis Sonntag in dem Museum zu sehen ist.

          In der Ausstellung geht es viel um die „Arrival City“ Offenbach, in die viele Ausländer ziehen, wenn sie neu in Deutschland sind. Das Quartier rund um den Frankfurter Bahnhof ist aber selbst eine kleine „Arrival City“. Doppelt so viele Menschen wie am Flughafen Frankfurt kämen täglich am Hauptbahnhof an, erzählt Mahler den zehn Teilnehmern, die an diesem Tag zur Führung gekommen sind. Mehrere hunderttausend Pendler nutzen den Bahnhof, doch auch wer von weiter her kommt, betritt die Stadt meist dort. „Deshalb ist das Bahnhofsviertel Ort der Ankunft, auch für Migranten“, sagt Anna Scheuermann, die Kuratorin der Ausstellung „Making Heimat“. Das Bahnhofsviertel ist Vielfalt. Wer dort umherstreift, hört alle möglichen Sprachen – auch viel gebrochenes Deutsch –, riecht den Duft scharfer Speisen und sieht Mangos aus Pakistan neben Melonen aus Russland in der Auslage der Läden. Mahler sagt, dass sich die Hälfte der 4000 Bewohner des Quartiers alle vier Jahre austauscht.

          Kunstausstellungen im Lageraum

          Die andere Hälfte bleibt. Diese Quote ist nicht so hoch wie die des Offenbacher Nordends, wo angeblich alle drei Jahre die gesamte Bevölkerung wechselt. Das Bahnhofsviertel ist trotzdem im Wandel. Eigentlich begann alles 1888 mit der Entscheidung, den Bahnhof außerhalb der Kernstadt aufzubauen. Vor dem Bau des Bahnhofs lebten etwa 70.000 Menschen in Frankfurt; inzwischen hat sich diese Zahl verzehnfacht. Das neue Viertel nach französischem Vorbild wurde höher und dichter gebaut, als es zuvor üblich gewesen war. 11.000 Menschen lebten einmal dort. Im Erdgeschoss siedelten sich teure Läden an – denn jeder musste durch die Kaiserstraße laufen, wenn er vom Bahnhof in die Innenstadt wollte. Mit der unterirdischen S-Bahn verschwanden die Geschäfte zunächst. Doch so entstand Raum für günstigere Läden und Kioske, wie sie heute die Straßen prägen, wie Mahler erzählt. Einer davon ist das „Yok Yok“, mittlerweile eine feste Institution.

          Der türkische Inhaber Nazim Alemdar verkauft dort Bier und Kleinigkeiten, aber stellt in einen Lagerraum im hinteren Teil des Ladens auch Kunst aus. Die prächtigen Altbauten gefallen auch heute vielen. Seit einigen Jahren ziehen wieder mehr Deutsche ins Viertel, die sich auch höhere Mieten leisten können. Kuratorin Scheuermann sagt, es sei kein Getto und nicht wie die französischen Banlieues: Keine Bevölkerungsgruppe stelle einen Anteil von mehr als 40 Prozent. Schon im 19.Jahrhundert war das Quartier immer stark durchmischt. In der Beletage lebten damals Wohlhabende, in den Häusern in zweiter oder dritter Reihe mit kleineren Fenstern und dunklen Innenhöfen gab es aber auch günstigen Wohnraum. Oskar Mahler kennt diese Häuser, es gibt sie noch heute. Er führt durch die versteckten Innenhöfe, zeigt kleine Läden und die Wand eines viergeschossigen Hauses, an der bestimmt 30 Briefkästen hängen. Die Namen darauf sind mit Edding geschrieben, durchgestrichen, überklebt, abgekratzt. In das Haus ziehen ständig neue Menschen, andere verlassen es. Denn eine „Arrival City“ ist nicht nur ein Ort der Ankunft, sondern auch ein Ort, den die Menschen wieder verlassen, wie Scheuermann sagt. Daher passt der Bahnhof zum Viertel oder umgekehrt – Reisen enden und beginnen dort.

           

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