03.12.2008 · Andreas Skorupa ist Autist. Seine Mutter hat immer versucht, ihn zu fördern. Sie ist stolz auf ihn, auf seine Beobachtungsgabe, die sich in seinen Bildern zeigt.
Von Philip EppelsheimAndreas Skorupa schaute seine Mutter nicht an, er schaute durch sie hindurch. Er spielte auch nicht mit Stofftieren, sondern lieber mit Löffeln. Mit seiner Mutter schmusen wollte er nicht. Es war ihm unbehaglich. „Mir war nach der Geburt nicht klar, was mit ihm ist“, sagt seine Mutter Rita Skorupa.
Vor 41 Jahren bekam sie ihren einzigen Sohn Andreas. Es war eine schwere Saugglockengeburt. Andreas war blau angelaufen, er schrie nicht. Die Saugglocke hatte sein Sprachzentrum verletzt. In der frühen Kindheit, sagt Rita Skorupa, sei sie nicht an ihren Sohn herangekommen. „Wir haben gehofft, dass die Verletzungen heilen.“ Aber Andreas Skorupa entwickelte sich nicht wie die anderen Kinder. Er verhielt sich anders. Während sie anfingen zu sprechen, zeigte er nur auf Gegenstände, machte nur kurze Laute. Es war, als lebte er in seiner eigenen Welt. Im Alter von vier Jahren diagnostizierten Ärzte Autismus.
Neue Schreinerei soll mit Hilfe der Spenden gebaut werden
„Es war schwierig, sich damit zu arrangieren“, erinnert sich Rita Skorupa. „Es bleibt ja, ist nichts Vorübergehendes.“ Sie versuchte, ihrem Sohn ein ganz „normales“ Leben zu bieten. Er kam in einen Montessori-Kindergarten. Damit er mit anderen Kindern Kontakt bekam, schickte Rita Skorupa ihren Sohn auch in die Geigenschule ihres Schwagers. „Ich habe immer versucht, ihn in die Gesellschaft zu integrieren. Und es gab auch Erfolge.“
Sie und ihr Mann versuchten es mit jeder nur möglichen Therapie. „Freizeit hatte Andreas eigentlich nie“, sagt seine Mutter. Sie ging mit ihm auch in ein kinderneurologisches Zentrum. Dort sagte man, ihr Sohn werde sprechen können, aber nur auf Umwegen. Immer wieder suchte sie nach Therapiemöglichkeiten, hatte Angst, sie könnte etwas unversucht lassen. „Damals war Autismus schließlich etwas Neues. Damit konnte niemand etwas anfangen.“
Andreas Skorupa kam auf eine Sonderschule in Bad Vilbel. „Aber er stand immer am Rand. So ist das, wenn jemand nicht so gut sprechen kann.“ Als er in der Schule ein Praktikum machen sollte, kam Rita Skorupa auf die Werkstatt Praunheim. „Es hat ihm sehr gut gefallen. Er war dort freier und nicht so verkrampft wie in der Schule, wo die nicht-behinderten Kinder sich auf seine Kosten profiliert haben.“ Andreas Skorupa wollte unbedingt zu der Werkstatt, und seine Mutter sagte sich, die Hauptsache sei, dass ihr Sohn glücklich ist.
Seit 24 Jahren arbeitet Andreas Skorupa nun schon in der Werkstatt Praunheim. Er sitzt an den Bohrmaschinen in der Schreinerei und fertigt Kinderspielzeug. Bald wird er in ein neues Gebäude umziehen müssen. Die Werkstatt Praunheim ist nach heutigen Maßstäben nicht behindertengerecht. Ein Neubau muss errichtet werden. Die neue Schreinerei soll mit Hilfe der Spenden der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ gebaut werden.
Andreas Skorupa stellt seine „Menschenbilder“ aus
In den ersten Jahren bei der Praunheimer Werkstatt wohnte Andreas Skorupa noch bei seinen Eltern in Harheim. Sie hatten eine Wohnung für ihn, in der er mit drei anderen geistig Behinderten lebte. Nach viereinhalb Jahren zog er aus, in eine betreute Wohngruppe. „Das war schwierig“, sagt Rita Skorupa. „Für mich mehr als für ihn. Loslassen ist gerade für Eltern behinderter Kinder nicht einfach. Im Elternhaus sind die Kinder schließlich immer beschützt.“ Seit einem Jahr wohnt Andreas Skorupa in der Wohnanlage Praunheimer Mühle. „Ein eigenes Zimmer. Das ist schön“, sagt er. Abends schaut er Fernsehen. Tagesschau, politische Talkshows, Lassie. Oder er liegt auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum und ruht sich von der Arbeit aus.
Viele Freunde hat Andreas Skorupa nicht in der Schreinerei. Die anderen geistig Behinderten haben Angst vor ihm oder können ihn nicht verstehen, wenn er mal wieder lauter wird, unvermittelt – zumindest für Außenstehende – mit der Faust auf den Tisch haut. Er kann schlecht damit umgehen, wenn etwas Unerwartetes passiert, irgendetwas die Regelmäßigkeit des Tages zerstört. Dabei macht ihm die Arbeit Spaß. „Morgens um halb sieben bimmelt der Wecker. Aufstehen, rasieren, Zähneputzen, waschen“, sagt Andreas Skorupa. Dann geht er in die Schreinerei und lässt sich Kleingeld von Gruppenleiter Carsten Falk geben: für ein Rosinenbrötchen beim Bäcker. Das morgendliche Ritual.
„In der Werkstatt habe ich auch angefangen zu malen“, sagt Andreas Skorupa. „Tiere male ich gerade, Katzen. Malen macht mehr Spaß als Arbeit.“ Andreas Skorupa malt nicht nur in der Werkstatt. Auch auf der Mühle und im Atelier der Lebenshilfe. Wenn er malt, ist er nur auf seine Kunst fixiert, bekommt nichts mehr um sich herum mit.
Am Dienstag war Andreas Skorupa mit seiner Mutter bei der Ausstellungseröffnung „Kalenderbilder – Die Originale des pw-Kunstkalenders 2009“. Er stellt dort seine „Menschenbilder“ aus. „In den Bildern erkennt man, welche Beobachtungsgabe er hat. Er sieht viel mehr als wir“, sagt Rita Skorupa. Sie ist stolz auf ihren Sohn. Wenn er bei ihr ist, vergisst sie, dass er Autist ist. „Er hat in der Praunheimer Werkstatt viel gelernt.“ Andreas sei höflich, besorgt und herzlich. „Ich nehme ihn so wie er ist.“ Täglich telefonieren sie, jede Woche treffen sie sich. Rita Skorupa sagt, sie sei froh, dass ihr Sohn in der Praunheimer Werkstatt ein zweites Zuhause habe. „Dann hat er noch jemanden, wenn wir mal nicht mehr sind.“
Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“
Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung“ bitten um Spenden, die der Hilfe für Kinder in schwierigen Familienverhältnissen und dem Neubau einer Behindertenwerkstatt zugutekommen (siehe: Die Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“: Wo Ihr Geld sicher ist).
Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:
Nummer 11 57 11 bei der Frankfurter Volksbank (BLZ 501 900 00)
Nummer 97 80 00 bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01)
Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten.
Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Allen Spendern wird, sofern die vollständige Adresse angegeben ist, eine Spendenquittung zugeschickt.
Philip Eppelsheim Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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