27.03.2010 · Wer ist der Abtrünnige, der mit seinem Austritt die schwarz-grüne Koalition an den Rand des Scheiterns brachte? Ein Narziss, behaupten seine Kritiker. Ein Sprachrohr der Basis, sagt er selbst.
Von Rainer Schulze, FrankfurtEs war ein großer Auftritt. Am Ende der Haushaltsdebatte, es geht gegen 22 Uhr, tritt Patrick Schenk am Donnerstagabend ans Rednerpult der Stadtverordnetenversammlung. Der CDU-Stadtverordnete betont, was eigentlich selbstverständlich ist: dass er den Haushalt der schwarz-grünen Koalition mittrage. Er benennt den Kämmerer ausdrücklich als jenen Dezernenten, der aus dem Magistrat herausrage. Und dann lässt er die Bombe platzen: „Ich erkläre meinen Austritt aus der CDU-Fraktion und danke jenen Kollegen, mit denen ich gut zusammenarbeiten durfte.“ Schenk tritt ab und hinterlässt einen konsternierten Saal. Die schwarz-grüne Mehrheit ist dahin.
Die Bombe hatte einen Zeitzünder. Wirtschaftsdezernent Markus Frank erhält am Nachmittag, noch vor der Sitzung, eine Kurzmitteilung. „Tick, tick, tick“ der Inhalt. Später dann, als Schenk soeben das Wort ergreift, brummt wieder das Handy des Dezernenten: „Boing“. Der Absender soll Wolff Holtz gewesen sein: jener Stadtverordnete, der schon vor vier Wochen der Fraktion den Rücken kehrte und damit die Mehrheit auf nur eine Stimme schrumpfen ließ. In der Aufgeregtheit vor den Türen des Plenarsaals erzählt er, schon vor einigen Tagen von Schenk „gewisse Andeutungen“ erhalten zu haben.
„Völlig rätselhaft“ bleiben Schenks Motive für viele
Am Tag danach herrscht Rätselraten. „Kindisch“ sei Schenks Klage, er sei in der Fraktion nicht erwünscht, urteilen Kollegen. „Völlig rätselhaft“ bleiben für viele seine Motive. Schenk verteidigt seinen Austritt aus Partei und Fraktion. Das Erscheinungsbild der CDU in Berlin beurteilt er als „desaströs“, in der Frankfurter Verkehrs- und Integrationspolitik kann er die Haltung der Koalition, in der die Grünen den Ton angäben, nicht teilen. Ein eigenes Profil sei nicht mehr zu erkennen. Er sieht sich als Vertreter einer breiten Basis, von der sich die politisch Handelnden zu weit entfernt hätten. Die CDU-Fraktion habe seine Bedenken nicht ernst genommen. „Ich habe 15 Jahre lang alles gegeben. Aber wenn ich mich mit den Grundsätzen nicht länger identifizieren kann, geht es nicht mehr.“
Schenk stammt aus einem politisch aktiven Milieu und ist dem konservativen Flügel der Fraktion zuzuordnen. Sein Vater Fritz Schenk, der als Ko-Moderator von Gerhard Löwenthal mit der Fernsehsendung „ZDF-Magazin“ bekannt wurde, wechselte mehrfach die Parteifarben. Zunächst Mitglied der SPD, verließ er diese mit Beginn seiner journalistischen Laufbahn, trat aber erst 1999 in die CDU ein. Im Wahlkampf engagierte er sich für Petra Roth, was die ihm nicht vergessen hat.
In der Fraktion galt er als Hinterbänkler
Sein 1968 geborener Sohn Patrick schlug nach dem Jura- und Geschichtsstudium in Frankfurt und Freiburg eine Laufbahn als Anwalt ein. Nach zwei Jahren wechselte er 2001 zur Fraport, wo er seither nicht als Rechtsanwalt, sondern im Qualitätsmanagement tätig und für die Terminalbetriebsflächen zuständig ist.
Schenk versteht sich als Idealisten. Noch im Studium hat er mit Gleichgesinnten den Lesekreis „Vindicisten – Club der Neuen Werte“ gegründet, der sich mit philosphischen und gesellschaftlichen Themen beschäftigt. Seine politische Laufbahn begann 1996 bei der CDU, für die der Kalbacher ein Jahr später in den Ortsbeirat 7 und 2001 in die Stadtverordnetenversammlung einzog. Erika Steinbach, die er als „konservative Säule“ sehr schätze, habe ihn in die Politik geholt. Aufmerksamkeit erregte Schenk, als er 2003 für den umstrittenen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann Partei ergriff und dessen von vielen als antisemitisch eingestufte Äußerungen verteidigte. In der Fraktion galt er als Hinterbänkler, der sich selten zu Wort meldete.
Einige beschreiben Schenk als „sympathischen Zeitgenossen“
Die fünf Minuten am Rednerpult waren nach Ansicht einiger Fraktionskollegen nun der große Auftritt, der Schenk bisher verwehrt blieb. Er fühle sich zu Höherem berufen, urteilen manche im Nachhinein. Sie sehen dies durch Schenks misslungene Kampfkandidatur gegen den späteren Bundestagsabgeordneten Matthias Zimmer bestätigt.
Dass Schenk sich ausgegrenzt fühlte, können seine Parteikollegen nicht verstehen. „Es gibt so viele Möglichkeiten, sich in der Politik einzubringen“, sagt Markus Frank. Einige beschreiben den Abtrünnigen als „sympathischen Zeitgenossen“, werfen ihm nun aber vor, dass er sein Unbehagen nicht früher geäußert habe. Er sei unter seinen Möglichkeiten geblieben, urteilen andere. In der konservativen Fraktionsgruppe habe er zudem als aussichtsreicher Kandidat für einen guten Listenplatz zur Kommunalwahl gegolten. Schenk behauptet hingegen, man habe ihm indirekt zu verstehen gegeben, dass er nicht mehr dabei sei.
Knalleffekt bewusst gewählt
„Er hätte noch etwas werden können, wenn er Gas gegeben hätte“, sagt einer. Schenk hat aber ebenso wie der zweite Abtrünnige Holtz innerhalb der Fraktion die Möglichkeiten zur Mitgestaltung vermisst. „Ich habe mein Engagement immer wieder angeboten, aber die Partei hat das abgelehnt.“ Man müsse den jüngeren Leuten etwas zutrauen, sagt er. Von dem ungestümen Holtz unterscheidet sich der sachliche Schenk nicht nur im Charakter. Dessen Austritt hat aber offenbar den Impuls gegeben: „Der Energydrink hat gefruchtet“, sagte er am Donnerstagabend in Anspielung auf das Getränk, das Holtz zu seinem Ausstand in der Fraktion ausgegeben hatte.
Dass es der ganz große Auftritt am Rednerpult sein musste, halten ihm viele vor. Schenk sagt, er habe den Knalleffekt bewusst gewählt: „Ich wollte auch wachrütteln.“