13.07.2004 · Widerstand gegen Hitler, das nationalsozialistische Regime und dessen Kriegs- und Vernichtungspolitik: Für viele in Deutschland steht dafür der Name Claus Graf Schenk von Stauffenberg, der das Attentat auf den "Führer" gewagt und dafür mit seinem Leben bezahlt hat.
Widerstand gegen Hitler, das nationalsozialistische Regime und dessen Kriegs- und Vernichtungspolitik: Für viele in Deutschland steht dafür der Name Claus Graf Schenk von Stauffenberg, der das Attentat auf den "Führer" gewagt und dafür mit seinem Leben bezahlt hat. Gewiß ist die Verschwörung vom 20. Juli 1944, die sich am Dienstag zum sechzigsten Mal jährt, der wohl erfolgversprechendste Versuch von Oppositionellen im "Dritten Reich" gewesen, dem Morden im Krieg und in den Lagern wie auch der Unterdrückung im Lande Einhalt zu gebieten. Doch der deutsche Widerstand ist breiter gewesen, hat viele Facetten, wie die Ausstellung "Ihr Gewissen war ihr Antrieb" in der Frankfurter Paulskirche belegt. Die neue Schau, erarbeitet von Johann Zilien vom Hessischen Hauptstaatsarchiv, berichtet vom 20. Juli 1944 vor allem unter hessischem Aspekt.
In den Geschichtsbüchern tauchen unter dem Kapitel Widerstand die Namen Stauffenberg, Helmuth Graf von Moltke oder Henning von Tresckow auf. So weit hat es Franz Kremer nicht gebracht, obwohl auch er Widerständler war. Ein jugendlicher Rebell aus Frankfurt, der im "Harlem-Club" die verbotene Swing-Musik hörte. Noch heute wundert sich Franz Kremer, daß die Gestapo ihn und seine Freunde damals so wichtig genommen, auf den Kreis einen Spitzel angesetzt hat. 16 Jahre alt war Kremer, als die Gestapo ihn abholte und im Hauptquartier an der Lindenstraße monatelang verhörte und quälte. Seine Strafe: Er wurde zum Militär eingezogen und auf ein Himmelsfahrtskommando geschickt, das zum Glück "nur" mit einer schweren Verletzung endete. Was ihn und seine Freunde wie etwa die Mangelsdorff-Brüder damals bewegt hat? Sie konnten nicht akzeptieren, daß ihre jüdischen Freunde auf einmal nicht mehr in der Straßenbahn fahren durften. Und sie wollten sich ihre Musik, den Jazz, nicht verbieten lassen. "Der glücklichste Tag meines Lebens war der Tag der Befreiung von dieser Nazibande", sagte Kremer bei der Ausstellungseröffnung.
Widerständler im Militär, in der bürgerlich-zivilen Gesellschaft, in den Kirchen, in der Arbeiterbewegung: sie waren Teil der Verschwörung vom 20. Juli 1944. Ein hessischer Sozialdemokrat, Carlo Mierendorff, war eine der Schlüsselfiguren beim Knüpfen des Verschwörernetzes. In Darmstadt aufgewachsen, mit 22 Jahren in die SPD eingetreten, machte er Karriere als Pressesprecher des hessisch-darmstädtischen Innenministers Wilhelm Leuschner und wurde schließlich in den Reichstag gewählt. Gleich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er für fünf Jahre in "Schutzhaft" gesteckt, ohne daß sein Oppositionsgeist brach. Nach seiner Freilassung wurde Mierendorff ein entscheidendes Bindeglied zwischen den militärischen und bürgerlichen Verschwörern des 20. Juli und der Sozialdemokratie. Der Mann aus Darmstadt war als Minister oder Staatssekretär in einem Nachkriegskabinett ins Auge gefaßt worden, doch starb Mierendorff ein halbes Jahr vor dem Attentat in der Wolfsschanze bei einem Luftangriff in Leipzig.
Ludwig Beck, der spätere Generalstabschef des Heeres, hatte ursprünglich die "Machtergreifung" Hitlers gutgeheißen. Doch nachdem dieser der Generalität seine "Lebensraumpolitik" vorgetragen hatte, ging der hochangesehene Offizier aus Biebrich in die Opposition. Beck erkannte früh, daß Expansionspolitik Krieg bedeutete und eine Konfrontation mit Frankreich und England nach sich ziehen würde. Nachdem er 1939 die Generalität nicht zur kollektiven Gehorsamsverweigerung hatte überreden können, trat er zurück - und wurde der Mittelpunkt der militärisch-bürgerlichen Opposition. Er, der für den "Tyrannenmord" als letzte Chance plädiert hatte, wurde nach dem gescheiterten Umsturzversuch von den Schergen des Tyrannen ermordet.
Wie Beck war auch Hermann Kaiser zuerst Anhänger Hitlers. Der Pädagoge aus Wiesbaden trat 1933 in die NSDAP ein, weil er die Chance für einen nationalen Wiederaufstieg Deutschlands gekommen sah. Aus dem nationalkonservativen Gefolgsmann wurde bald ein erbitterter Gegner der Nationalsozialisten. Die Herrschaft der Braunen, die in seinen Augen jede Geistesfreiheit unterbanden und jede Gerechtigkeit verletzten, sah er als "Sünde wider Gott" an. Als Soldat landete er auf dem unbedeutenden Posten eines Kriegstagebuchführers im Oberkommando der Wehrmacht, wo er freilich in Kontakt mit den Verschwörern des 20. Juli kam. Kaiser, der in einer Nachkriegsregierung Staatssekretär im Kultusministerium werden sollte, stellte die Verbindung zwischen dem früheren Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler und Stauffenberg her. Er bezahlte seinen Widerstand mit dem Leben.
Franz Kremer, Carlo Mierendorff, Ludwig Beck, Hermann Kaiser - vier von zahlreichen Widerständlern aus Hessen, an die in der Ausstellung in der Paulskirche erinnert wird. Es gibt einiges zu lesen in dieser Schau, die nach den Worten von Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU) möglichst als Wanderausstellung durch das Bundesland touren soll. Die Texte sind fachkundig geschrieben und bieten auf knappem Platz die nötigen Grundinformationen. Ansprechend gerade für jüngere Menschen ist sie deshalb, weil sie den Widerstand personalisiert. Wenn man ein Gesicht sieht und den Lebensweg der betreffenden Person verfolgen kann, identifiziert man sich einer alten pädagogischen Erfahrung zufolge besser mit einem Thema, als wenn man eine theoretische Abhandlung darüber liest.
Der 20. Juli 1944, überhaupt der Widerstand in Deutschland hat Früchte getragen - nach dem Zusammenbruch des Regimes. Daß es in der Bundesrepublik nicht zu Weimarer Verhältnissen kam, hängt auch damit zusammen, daß Widerständler aus allen Lagern wie am 20. Juli 1944 nicht gegeneinander, sondern gemeinsam am Aufbau eines demokratischen Staats mitwirkten. HANS RIEBSAMEN
Die Ausstellung "Ihr Gewissen war ihr Antrieb" ist bis zum 5. August täglich von 10 bis 17 Uhr in der Paulskirche zu sehen. Der Eintritt ist frei.