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Auschwitz-Gedenken "Wir bearbeiten das Thema das ganze Jahr über"

23.01.2005 ·  "Man kann Reflexion nicht staatlich verordnen", meint Thomas Brüggemann, Lehrer des Helmholtz-Gymnasiums, und trifft damit die Meinung seines Geschichte-Leistungskurses der 12. Klasse. Der frühere Bundespräsident Roman Herzog hatte 1996 den 27.

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"Man kann Reflexion nicht staatlich verordnen", meint Thomas Brüggemann, Lehrer des Helmholtz-Gymnasiums, und trifft damit die Meinung seines Geschichte-Leistungskurses der 12. Klasse. Der frühere Bundespräsident Roman Herzog hatte 1996 den 27. Januar zum nationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erklärt. An diesem Tag wurde 1945 das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Der Name Auschwitz steht heute stellvertretend für sämtliche Tatorte nationalsozialistischer Verbrechen. Doch nur wenige Schulen in Frankfurt nehmen den 27. Januar zum Anlaß, sich mit dem nationalsozialistischen Terror und seinen Opfern auseinanderzusetzen.

"Wir bearbeiten das Thema das ganze Jahr, beispielsweise mit Fahrten ins Konzentrationslager Buchenwald. Wir zelebrieren den Gedenktag nicht wie einen Muttertag", sagt Volker Dorsch, Schulleiter des Helmholtz-Gymnasiums. Auch seine Schüler wollen statt Gedenkfeier und Schweigeminute lieber über Hintergründe reden und versuchen die Zusammenhänge zu begreifen. Tea Herovic aus der 13.Klasse kann sich die Gedenktage gar nicht alle merken. "Das bringt mir nichts, von solchen Veranstaltungen bleibe ich lieber fern." Sie wünscht sich, wie viele Jugendliche an der Schule auch, einen anderen Umgang mit dem Thema.

Die Schüler kritisieren vor allem, daß im Unterricht meist nur die Spanne zwischen 1933 und 1945 beleuchtet werde, zu kurz komme dagegen, wie es zum Nationalsozialismus kam und welche Nachwirkungen er hatte. "Wir haben diese Zeit oft durchgenommen, aber zu oberflächlich", meint Sandra Nega aus der 13. Klasse.

Während sich ältere Schüler sehr engagiert zeigen und die Darstellung des "Dritten Reichs" in den Medien bemängeln, weil diese zu sehr auf "Schockeffekte" zielten, scheinen die jüngeren nicht so viel mit der Thematik anfangen zu können. Zwar hätten sie im Deutschunterricht schon etwas über diese Zeit gelesen, doch die historischen Fakten kennen die Gymnasialklassen fünf bis zehn offensichtlich nur bruchstückhaft - wenn überhaupt. Der Nationalsozialismus wird erst von der 10. Klasse an zum Lernstoff.

Auch in der Schwanthaler Schule ist das so. Zwar sieht der Lehrplan der Hauptschule das Thema für das zweite Halbjahr der neunten Klasse vor, doch im Alltag sei dies "nicht zu schaffen", wie Schulleiter Reinhold Dahlendörfer sagt. Die meisten Jugendlichen verlassen die Schule nach neun Jahren zwar mit einem Abschluß, über den Nationalsozialismus haben sie jedoch kaum etwas gelernt, und den Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz kennen sie schon gar nicht. "Wie war der Begriff noch mal? Nationalwas?", antwortet ein Junge auf die Frage, was er über diese Zeit wisse. Und ein anderer meint: "Wir sind doch Hauptschüler, wir wissen so etwas nicht."

Dahlendörfer weiß um dieses Problem, doch der Lehrplan lasse ihm wenig Spielraum. Zudem könne er wichtige geschichtliche Ereignisse wie die Französische Revolution, den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik nicht übergehen und in der Zeit vorgreifen, weil die Mädchen und Jungen die Zusammenhänge dann nicht mehr verstünden.

Gottfried Kößler vom Fritz Bauer Institut in Frankfurt, das die Geschichte und Wirkung des Holocausts erforscht und auch Lehrerweiterbildungen anbietet, kennt die "teilweise dramatische" Situation an den Hauptschulen. Er weiß, daß dort, verschärft durch geringe historische Kenntnisse, Vorurteile schnell entstehen. Zudem gebe es die Gefahr, daß bei Kindern mit Migrationshintergrund die Hemmschwelle für antisemitische Äußerungen niedriger sei. Die Jugendlichen benützten Schimpfwörter, ohne sich bewußt zu sein, daß sie damit auf die Judenvernichtung anspielten. Doch gebe es Antisemitismus auch im "gebildeten Mittelstand", was lange verdrängt worden sei.

Kößler sieht Lehrer großen Herausforderungen gegenüber, die eine "Migrationsgesellschaft" und ein offener zutage tretender Antisemitismus mit sich brächten. Dies und die Tatsache, daß sich der Gedenktag an den Schulen nicht etabliert habe, veranlaßte das Frankfurter Schuldezernatt, in diesem Jahr keine zentralen Veranstaltungen mehr für die Schulen zu organisieren, sondern in Zusammenarbeit mit dem Fritz Bauer Institut Fortbildungen für Lehrer anzubieten. "Da der Tag kein pädagogisches Gewicht besitzt, wollen wir so an die Lehrer appellieren den Gedenktag wahrzunehmen", sagt Kößler.

Auch Magdalene Simon, pensionierte Lehrerin der Brüder-Grimm-Schule, ist der Meinung, daß neue Formen der Vermittlung nötig seien, um Schülern die Geschichte des Nationalsozialismus näherzubringen. Sie geht deshalb nachmittags mit ihrer Geschichts-AG auf Spurensuche nach jüdischem Leben in Frankfurt und an ihrer Schule. Die Schüler der 9. und 10. Klasse nehmen freiwillig an der AG teil, sie interessieren sich sehr für das Thema. "Meine Großeltern haben diese Zeit erlebt, da möchte ich wissen, was passiert ist", sagt die Realschülerin Lisa-Simone Reith.

Simon ist überzeugt, daß Kinder schon früh an das Thema herangeführt werden sollten, natürlich altersgerecht. Über Einzelschicksale von Menschen würden auch jüngere Schüler einen Zugang zur Geschichte finden, darauf aufbauend müßten historische Zusammenhänge erklärt werden. Kößler hält sogar schon bei Grundschulkindern eine Auseinandersetzung für möglich: Dies könne anhand von Kinderliteratur geschehen, ohne daß die Acht- oder Neunjährigen erschreckten. Bernd Obermann, Geschichtslehrer am Goethe-Gymnasium, glaubt indes, daß die Kleinen "noch nicht so weit sind, um das zu verkraften". Er behandelt das Thema frühestens in der neunten Klasse.

Schulen müßten die Möglichkeit haben, auch andere Themen aufzugreifen, meint Realschullehrerin Simon. Sie finde Gedenktage sehr wichtig, um Anstöße zu geben und zum Nachdenken anzuregen, auch könne der Dialog mit anderen Kulturen gefördert werden. Es sei aber nicht nötig, jedes Jahr eine Gedenkfeier zu veranstalten: Verständnis und Toleranz im täglichen Miteinander seien viel bedeutsamer.

ELLEN POSCHEN

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