Home
http://www.faz.net/-gzh-14w5x
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Augenklinik in Haiti Ein Funken Hoffnung nach der Katastrophe

21.01.2010 ·  Die Christoffel-Blindenmission hat 2007 mit Unterstützung der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ eine Augenklinik in Port-au-Prince errichtet. Sie hat das Erdbeben überstanden. Mitarbeiter der Blindenmission verschaffen sich einen Überblick über die Hilfsprojekte.

Von Stefan Toepfer
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Wenn Martin Ruppenthal durch die Straßen von Port-au-Prince geht, wird er in jedem Augenblick mit unermesslichem Leid konfrontiert. „Es ist einfach katastrophal“, sagt er. Gestern hat er sich aus der haitianischen Hauptstadt telefonisch gemeldet. Martin Ruppenthal ist Regionalbeauftragter der Christoffel-Blindenmission für Lateinamerika und die Karibik und mit Valerie Scherrer, der Nothilfekoordinatorin der in Bensheim ansässigen Hilfsorganisation, nach Haiti gereist. Beide wollen sich einen Überblick über die Projekte verschaffen, die die Blindenmission dort unterhält.

An drei Standorten ist die Organisation mit ihren haitianischen Partnern vor allem tätig - und von einem gibt es dem Schrecken zum Trotz eine hoffnungsvolle Nachricht. Die Augenklinik, die 2007 dank der Spenden von Lesern dieser Zeitung errichtet werden konnte, ist bei dem Beben nicht zerstört worden. Davon konnte sich Ruppenthal am Montag überzeugen. „Das Haus ist sehr stabil gebaut worden.“ Es hat zwei Operationssäle und mehrere Behandlungsräume. Beklagen muss die Blindenmission allerdings den Tod von zwei Mitarbeitern der Augenklinik, die in ihren Wohnhäusern ums Leben kamen. Die anderen 13 haben das Beben überlebt.

Es mangelt an Ärzten und Pflegepersonal

Zum Teil stark beschädigt ist das mehr als 30 Jahre alte Grace Children's Hospital, zu dem die Augenklinik gehört und das in direkter Nachbarschaft zu ihr liegt (siehe Karte). Dort werden auch Erdbebenopfer behandelt, wie Ruppenthal weiter berichtet. „Um auch die Augenklinik dafür nutzen zu können, fehlt einfach das Personal.“ Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern werden überall gebraucht.

Wieder neu aufbauen muss die Blindenmission ihre Schule für geistig behinderte Kinder, wie Ruppenthal sagt. „Sie ist ziemlich kaputt.“ Außerdem seien in der vergangenen Nacht Einrichtungsgegenstände gestohlen worden. Wie es am Universitätshospital aussieht, in dem die Blindenmission auch eine Augenstation unterstützt, weiß er noch nicht genau. Ein Besuch dort steht noch aus. Unterdessen hat der Augenarzt Yuri Zelenski der Blindenmission berichten können, dass die Augenstation stehengeblieben sei „und einer der wenigen funktionierenden medizinischen Dienste war, die gleich nach dem Desaster rund um die Uhr Augen-Notfälle versorgen konnten“.

Zelenski war früher im Auftrag der Blindenmission am Universitätshospital tätig und ist nun aus eigenem Antrieb nach Haiti gereist, um für eine Woche in der Augenstation mitzuarbeiten. „Mein Kollege Jean Claude Cadet, das Gesundheitspersonal der Uni-Augenklinik und ich haben eine der entsetzlichsten Katastrophen überlebt, die die Menschheit je gesehen hat.“

Vielfach Gliedmaßen amputiert

Ruppenthal sagt, die Blindenmission wolle vor allem in der Phase nach der ersten akuten Hilfe für die Opfer tätig werden, und nennt ein Beispiel: „Es gibt viele Menschen, denen Gliedmaßen amputiert werden mussten. Sie brauchen Physiotherapie.“ Daher brauche die Blindenmission in diesem Jahr und darüber hinaus zusätzliche Hilfe. So bald wie möglich wolle er konkrete Vorschläge machen. Wichtig sei auch eine psychologische Betreuung der Menschen, die alle ein Trauma erlitten hätten. Das bekommt Ruppenthal nicht nur bei seinen Fahrten durch die zerstörte Stadt zu spüren, sondern auch in der haitianischen Familie, bei der er wohnt. „Hier hat jeder Mensch Angehörige verloren. Es sieht hier aus wie nach einem Krieg, und es gibt noch viele Verschüttete.“

Ruppenthal will bis morgen in Port-au-Prince bleiben. Dann kehrt er nach Quito in Ecuador zurück, wo er sein Büro hat. In Lateinamerika und in der Karibik unterhält die Blindenmission rund 150 Projekte. Scherrer wird noch eine Woche länger in Haiti bleiben und dann von Jörg Weber unterstützt. Der Physiotherapeut und Rehabilitationsexperte ist für die Blindenmission seit 2006 in Jamaika tätig. Ihre Arbeit in Haiti will die Hilfsorganisation in allen Einrichtungen fortsetzen.

Spenden für die Blindenmission

Als Soforthilfe hat die Blindenmission 50. 000 Euro zur Verfügung gestellt. Die Organisation bittet um Spenden unter dem Kennwort „Haiti“ auf das Konto 2020 bei der Bank für Sozialwirtschaft (Bankleitzahl 370 205 00).

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr