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Artenvielfalt in der Stadt : Blühende Wiesen statt Monokulturen

Sommerwiese: Stresemannallee in Sachsenhausen Bild: Hedwig, Victor

Nicht allen gefällt der vermeintliche Wildwuchs auf den Mittelstreifen in Frankfurt. Aber dort gedeihen nun statt Sträuchern zahlreiche andere Pflanzenarten.

          Malve, Schafgarbe, Johanniskraut, Klapperkopf und Riesenstorchschnabel geben sich ein Stelldichein auf einem Abschnitt des Grünstreifens, der die vielbefahrene Stresemannallee in Sachsenhausen durchzieht. Die Fläche ist eine Wiese. Regelmäßig gemäht wird nur der Rasen zwischen den Straßenbahngleisen. Die Wiese selbst wird ein- bis zweimal im Jahr gestutzt, damit Wildkräuter und Wiesenblumen wachsen, blühen und sich aussäen können. Begleitet wird der Prozess von Bienen, Hummeln und anderen Insekten.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der grüne Mittelstreifen der Stresemannallee ist nur eine von zahlreichen Wiesen, die es mittlerweile in der Stadt gibt. Allein in den vergangenen vier Jahren sind 40 Hektar Flächen, die das Grünflächenamt zu betreuen hat, in Wiesen umgewandelt worden. Flächen, die zuvor nur aus Rasen bestanden oder mit Bodendeckern und Sträuchern wie Berberitzen bepflanzt waren. Diese waren in den vergangenen Jahrzehnten bei den Stadtgärtnern beliebt, weil sie wenig Pflege benötigen und das ganze Jahr grün sind. Heute gelten solche Bepflanzungen als Monokulturen von ökologisch fragwürdigem Wert.

          Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen) wünscht sich Wiesen, um die Artenvielfalt zu fördern und den Insekten Raum zum Leben zu geben. Und erst durch das Vorhandensein von Insekten kämen auch Vögel, deren Rückgang allgemein beklagt werde. Wiesen bildeten „kühle Inseln“ und seien damit ein Beitrag, um das Leben in der Stadt trotz Klimawandels erträglich zu machen. Heilig ist stolz darauf, dass es möglich ist, in der Großstadt solche Naturinseln zu schaffen, „wenn wir es zulassen“.

          80 neue Projekte geplant

          Auf Drängen Heiligs hat das Grünflächenamt ein eigenes Wiesenkonzept erarbeitet und setzt es nun systematisch um. Seitdem sind in jedem Jahr zehn Hektar Fläche zu Wiesen geworden. Ob es künftig in diesem Tempo weitergeht, ist offen. Doch insgesamt seien stadtweit weitere 80 neue Projekte geplant, teilte Amtsleiter Stephan Heldmann mit. Als Nächstes sollen an der U6 in Praunheim neue Wiesen entstehen, wenn der Ortsbeirat zustimmt.

          Erste Wiesen sind schon vor der Erarbeitung des Konzepts entstanden. Die Anfänge für die Wiese an der Stresemannallee stammen aus dem Jahr 2002, als der BUND begann, mit kleinen Schaufeln Platz zu schaffen, um erste Samenmischungen einzusäen, berichtet John Dippell vom Ortsverband Frankfurt-Süd des BUND. Im Huth- und Lohrpark gibt es seit den neunziger Jahren größere Wiesenpartien, und der Niddapark, der zur Bundesgartenschau 1989 hergerichtet wurde, bildet mit seinen 74 Hektar Frankfurts größte zusammenhängende Wiesenfläche. Auch an der Schwanheimer Uferstraße und der Homburger Landstraße zwischen Frankfurter Berg und Bonames ist das „Straßenbegleitgrün“ schon länger in Wiesen verwandelt worden.

          So attraktiv das Wiesenkonzept aus ökologischer Sicht auch sein mag, die Bürger haben nicht immer Verständnis dafür, dass aus einem akkurat und gepflegt aussehenden Rasen plötzlich etwas wird, das wild, ungepflegt und zum Teil auch struppig wirkt. Heilig ahnt, dass so mancher Bürger denkt, das Grünflächenamt habe nun endgültig kein Geld mehr, die Mittelstreifen zu pflegen.

          Aufgabe: In die Köpfe bekommen

          „Das ist eine Wiese, und das ist gewollt so“, möchte Heilig diesen Kritikern entgegenrufen. Doch sie weiß, dass es noch lange dauern wird, bis dieses neue Bild der Mittelstreifen akzeptiert wird. „Es wird ein Projekt bleiben, das in die Köpfe zu bekommen“, sagt sie und pflückt begeistert Wiesenblumen und Gräser, um zu zeigen, was auf einer solchen auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Wiese so alles blüht und gedeiht.

          Die Vorstellung, die Stadt spare durch das Wiesenkonzept Geld, ist nicht richtig. Wie bei einer normalen Rasenfläche beauftragt das Grünflächenamt Firmen, die alle acht bis 14 Tage den Müll aus der Wiese entfernen. Es wird zwar viel seltener gemäht, doch bei der Wiesenmahd muss anschließend das Abgeschnittene zusammengeharkt werden. Die Kosten sind damit praktisch gleich, ob nun eine Wiese oder eine Rasenfläche betreut werden muss.

          Und eine Wiese entsteht auch nicht einfach so. Zunächst muss der Boden behandelt werden, damit er nicht zu viele Nährstoffe enthält. Anschließend sät das Amt Wiesensamen ein, um in den folgenden Jahren zu beobachten, was wiederkehrt, was plötzlich hinzukommt. An der Schwanheimer Uferstraße hat sich die Zahl der Pflanzenarten inzwischen mehr als verdoppelt.

          Quelle: F.A.Z.

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