Home
http://www.faz.net/-gzh-t45k
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Architektur Standorte für neue Türme

 ·  In den nächsten Wochen wird der Stadtplaner Jochem Jourdan seinen neuen Hochhausrahmenplan vorstellen. Ob Frankfurt ein solches Werk tatsächlich braucht, ist umstritten. Der Plan von 1999 hat sich nicht bewährt.

Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

Die Geheimniskrämerei im Planungsdezernat ist ungewöhnlich groß, wenn die Rede auf den neuen Hochhausrahmenplan kommt. Vor zwei Jahren erging an den Architekten und Stadtplaner Jochem Jourdan der Auftrag, sich Gedanken über eine Aktualisierung des Plans von 1999 zu machen, in dem Standorte für Hochhäuser ausgewiesen wurden. Unter Hochhäusern werden „fernwirksame Türme“ verstanden, also solche mit mindestens 80 Meter Höhe. Im Büro von Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) heißt es, Jourdan sei gebeten worden, seinen Entwurf bald abzuliefern. So könnte im Herbst eine neue Hochhausdebatte entbrennen - und auch für den Oberbürgermeisterwahlkampf wäre ein Thema gefunden.

Die Meinungen, ob Frankfurt einen weiteren Hochhausplan benötigt, sind geteilt. Die Erfahrung seit den fünfziger Jahren lehrt, daß solche Planwerke nur einen sehr begrenzten Einfluß auf das tatsächliche Baugeschehen haben. Der 1999 von den Stadtverordneten beschlossene Plan ist ein besonders krasses Beispiel für das Auseinanderfallen von Vision und Wirklichkeit. An den 17 Standorten, die damals neu ausgewiesen wurden, ist noch kein einziges Projekt in Angriff genommen worden.

Dafür wurden Hochhäuser an Standorten genehmigt, die nicht im Rahmenplan ausgewiesen sind. Der Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB) neben der Großmarkthalle ist das prominenteste Beispiel; dieses Areal wurde pikanterweise von Jourdan selbst ins Spiel gebracht. Auch die beiden Türme, die beim Projekt „Frankfurt Hoch Vier“ auf dem früheren Telekom-Areal zwischen Zeil und Großer Eschenheimer entstehen, waren im Plan von 1999 nicht aufgeführt.

Herausforderung für die Planer

Viele Fachleute halten es daher für besser, ganz auf Hochhauspläne zu verzichten. Statt dessen sollten Quartiere ausgewiesen werden, in denen ein Turmbau grundsätzlich denkbar sei, und solche, in denen er kategorisch ausgeschlossen werde. Der heutige Leiter des Planungsamts, Dieter von Lüpke, hat sich vor einigen Jahren in diesem Sinne geäußert. Trete ein Grundstückseigentümer mit dem Wunsch an die Stadt heran, ein Hochhaus in einem jener Bezirke zu bauen, in denen das erlaubt sei, könnte das dann im Einzelfall entschieden werden. Nur bei konkreten Bauvorhaben ist auch der Aufwand von vertieften klimatologischen und verkehrstechnischen Gutachten vertretbar, die für den Rahmenplan nicht erstellt werden.

Stadtrat Schwarz hat sich gleichwohl für eine Neuauflage entschieden, die dem Magistrat die Gelegenheit gibt, Planungswillen zu demonstrieren. Anhand von Äußerungen von Schwarz und von Hinweisen aus der Immobilienbranche läßt sich schon jetzt in Grundzügen darstellen, wie der Vorschlag Jourdans aussehen wird: Ein grundlegender Richtungswechsel ist nicht zu erwarten. Wie seit mittlerweile zwanzig Jahren wird der Schwerpunkt darauf liegen, die Pulkbildung zu forcieren. Daß die Streuung von Hochhäusern über das Stadtgebiet zu verhindern sei, ist unumstritten.

Die Aufgabe des Architekten ist zunächst, jene Türme nachträglich aufzunehmen, die mittlerweile genehmigt sind oder zumindest als politisch abgesichert gelten können. Außer EZB und „Frankfurt Hoch Vier“ handelt es sich um den 150-Meter-Turm auf dem Telenorma-Areal an der Mainzer Landstraße und um die drei Türme mit einer Höhe zwischen 90 und 120 Metern, die anstelle des AfE-Turms der Universität an der Senckenberganlage entstehen sollen. Der Opernturm, der auf dem früheren Zürich-Areal an der Alten Oper stehen wird, müßte strenggenommen nicht aufgeführt werden, da schon der Vorgängerbau ein Hochhaus war. Da mit annähernd 170 Metern eine neue Dimension erreicht wird, wäre eine Erwähnung gleichwohl sinnvoll. Der Umgang mit alten Türmen ist ohnehin eine Herausforderung für die Planer. Immer öfter werden etablierte Standorte von Investoren genutzt, um dort neue und deutlich höhere Hochhäuser zu errichten oder um im Zuge einer Sanierung wenigstens einige Geschosse aufzusatteln. Es ist aber offenbar nicht Aufgabe von Jourdan, auch für solche Fälle Vorgaben zu formulieren.

Neugestaltung des Degussa-Areals

Einige Standorte werden wegfallen, nämlich jene, die nach der Untertunnelung des Hauptbahnhofs auf dessen Vorfeld entstehen sollten - das Projekt „Frankfurt 21“ ist längst aufgegeben worden. Wenn es um neue Standorte geht, hat sich Jourdan mit den Wünschen etlicher Investoren auseinanderzusetzen. So erwägt die Deutsche Bahn, an der Emser Brücke eine Erweiterung ihres Hauptsitzes zu bauen. Schwarz hat sich allerdings skeptisch geäußert und auf die beiden Hochhäuser hingewiesen, die auf dem früheren Areal des Hauptgüterbahnhofs errichtet werden dürfen. Die Bahn wird erwidern, daß ihr das Areal nicht mehr gehört, da ihr früheres Tochterunternehmen EIM längst als Vivico eigene Wege geht.

Eine andere ehemalige Bahntochter, die aus der DBImm hervorgegangene Aurelis, will weiter westlich im Europaviertel ein veritables Hochhaus errichten. Auch die Messe hat Planungen für ein Areal an der sogenannten Omega-Brücke gegenüber vom IBC in der Schublade. Die Deutsche Post macht sich Hoffnungen, am nördlichen Ausgang des Hafentunnels ein zweites Hochhaus zu errichten. Dieses könnte etwas höher werden als der schon vorhandene 92-Meter-Turm. Ebenfalls im Westen, auf dem Grundstück der Matthäusgemeinde, könnte ein kleiner Turm entstehen: Die evangelische Kirche will das Grundstück veräußern. Eine Neubebauung ist jedoch erst dann zu erwarten, wenn auch der geplante Turm auf dem benachbarten Areal des alten Polizeipräsidiums angegangen wird - und das wird aller Voraussicht nach noch lange dauern.

Innerhalb des Anlagenrings ist vor allem ein Standort von Interesse: Das Degussa-Areal soll nach dem Willen des neuen Eigentümers, der DIC, neu gestaltet werden. Es liegt auf der Hand, daß der Investor auf einen möglichst hohen Turm dringen wird. Schwarz dagegen sagt, auf diesem Areal sei allenfalls ein Hochhaus von der Größe des benachbarten Turms der Schweizer National denkbar. Beide zusammen könnten dann gemeinsam eine Art Tor zur Innenstadt bilden.

Planungen für die Marieninsel

Jourdan wird für diesen Turm wahrscheinlich eine Wohnnutzung vorsehen. Denn auf Wunsch des Planungsamts soll er in der Innenstadt Standorte für Wohntürme für gehobene Ansprüche ausfindig machen. Die Stadt will so das Zentrum beleben und einer wohlhabenden Klientel Alternativen zur Villa im Taunus aufzeigen. Auch die Allianz soll dem Vernehmen nach gedrängt werden, für ihr Areal an der Taunusanlage einen Wohnturm zu akzeptieren. Viele Kenner der Immobilienbranche äußern sich jedoch skeptisch. Die Kaufpreise und Mieten, die für solche Wohnungen wegen der hohen Kosten für Bau und Betrieb gefordert werden, sind in Frankfurt nicht leicht durchzusetzen.

Noch sehr vage sind die Planungen für die sogenannte Marieninsel an der Einmündung der Mainzer Landstraße in die Taunusanlage. Unter Führung der Deka sind die Grundstückseigentümer vor einigen Jahren bei der Stadt mit dem Wunsch vorstellig geworden, dort einen 250-Meter-Turm zu errichten. Als Hochhausstandort scheint das Areal in der Tat gut geeignet, mit Blick auf die Nachbarn wie etwa den Doppelturm der Deutschen Bank werden 150 Meter aber wohl die Obergrenze sein.

Auch der Parkplatz südlich des Hauptbahnhofs gilt wegen der günstigen Verkehrsanbindung als idealer Hochhausstandort. Er ist jedoch „verbrannt“, seit eine Anwohnerin den dort geplanten „Campanile“ verhindert hat. Ob Jourdan den Mut aufbringt, das Grundstück abermals ins Gespräch zu bringen, ist eine interessante Frage. In einem Interessenkonflikt steckt der Architekt wegen des Henninger-Turms: Jourdan plädiert als Planer der Eigentümerfamilie für den Umbau des Silos zu einem Hotel. Daneben soll noch ein zweiter, etwa 85 Meter hoher Turm entstehen. Beide müßten im Entwurf für den Rahmenplan aufgeführt werden, lassen sich jedoch mit der Leitlinie, sich auf die bestehenden Pulks zu konzentrieren, nicht vereinbaren.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1968, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Jüngste Beiträge

Der Krach als Chart

Von Helmut Schwan

Gründlichkeit vor Schnelligkeit - das Prinzip hat sich bewährt. Ein großer Wurf wird mit der Norah-Studie aber nur gelingen, falls die Resultate zu gesicherten Grenzwerten und einem neuen Schutzkonzept führen werden. Mehr