08.09.2006 · Wer ein neues Zuhause sucht, kann derzeit im Architekturmuseum seinen Blick schärfen: Eine Ausstellung zeigt aktuelle Entwürfe von Frankfurter Architekten.
Von Matthias AlexanderWer sich auf Wohnungssuche macht und nicht mit der erstbesten Unterkunft zufrieden ist, dem stellt sich bald eine Frage: Wie ist es möglich, daß so viele schlecht geschnittene Wohnungen gebaut werden? Immerhin denken Baumeister und Architekten seit Jahrtausenden über praktikable Grundrisse nach. Da sollten sich ein paar Standardlösungen entwickelt haben, selbst wenn man in Rechnung stellt, daß unterschiedlich geschnittene Grundstücke Variationen notwendig machen und daß sich die Ansprüche der Bewohner mit den Lebensentwürfen permanent verändern.
In Frankfurt saßen in den zwanziger Jahren Pioniere des Wohnungsbaus, die etwa mit der Römerstadt international beachtete und nachgeahmte Siedlungen schufen. Die Vorreiterrolle hat Frankfurt längst eingebüßt, in den Fachzeitschriften tauchen hiesige Projekte nur sehr selten auf. Wenn nicht alles täuscht, ist der Abstand zur Spitze in den vergangenen zehn Jahren geschrumpft.
Dominanz der kubischen Formen
Eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum bietet jetzt die Gelegenheit, sich über den Stand des Wohnungsbaus in der Stadt zu informieren. Auf Initiative der Bauaufsicht, die von Amts wegen einen guten Überblick über das gesamte Baugeschehen im Stadtgebiet hat, sichteten drei Experten Frankfurter Projekte von Frankfurter Büros aus den vergangenen sieben Jahren. 38 befanden sie wert, öffentlich ausgestellt zu werden.
Auffällig ist die Dominanz von kubischen Formen. Fast scheint es, als sei das Erbe des Bauhauses mächtiger denn je. Das gilt gerade auch für die selten gewordene Bauform des freistehenden Einfamilienhauses, oft auch als Anbau an vorhandene Gebäude. Projekte von Ferdinand Heide in Fechenheim, von Herbert Zielinski in Praunheim oder Turkali Architekten in Niederrad stehen beispielhaft für diese Entwicklung. Seltener findet sich der Kubus in Reihenhaussiedlungen, die von anonymer und anspruchsloser Bauträgerarchitektur dominiert werden. Eine prominente Ausnahme bilden Karl Dudlers Häuserreihen im Mertonviertel. Man kann sich lebhaft vorstellen, daß die Vertriebsabteilung des Bauherrn mit einer gehörigen Portion Skepsis in die Vermarktung gegangen ist. Das Bedürfnis nach Gemütlichkeit wurde von Dudler jedenfalls nicht befriedigt. Dafür brilliert der aus der Schweiz stammende Architekt mit einer überaus intelligenten Grundrißgestaltung.
Seine „konservative“ Herangehensweise, klar abgegrenzte Räume zu schaffen, stellt derzeit eher die Ausnahme dar, wie den anregenden Ausführungen von Beate Huf in der Broschüre zur Ausstellung zu entnehmen ist. Es dominieren offene Raumkonzepte, in denen Wohnzimmer, Eßzimmer und Küche ineinander übergehen. Was auf den ersten Blick großzügig und schick wirke, dürfte sich im Alltag oft als konfliktträchtig erweisen, wenn mehr als eine Person dauerhaft in der Wohnung zu Hause sei, mutmaßt Huf. Sie stellt gleichzeitig fest, daß die Grundrisse kaum auf „ausdifferenzierte Lebensstile“ reagieren. Wo „Kinderzimmer“ dransteht, könnte auch ein Musik-, Werk-, Arbeits-, Gästezimmer oder ein Wirtschaftsraum drin sein.
Flexibilität hat ihren Preis
Um diesen Funktionen gerecht zu werden, müßten dann in vielen Fällen Größe, Belichtung und Zuschnitt geändert werden. Das Projekt Soho im Deutschherrnviertel ist in dieser Hinsicht vorbildlich. Die Wohnungen sind so ausgelegt, daß sie verschiedenen Lebensstilen und auch -phasen angepaßt werden können. Mit der Geburt von Kindern lassen sich zusätzliche Wände einziehen, nach ihrem Auszug kann das Wohnzimmer dann wieder um die Fläche des Kinderzimmers erweitert werden. Daß die Flexibilität ihren Preis hat, versteht sich von selbst.
Wer sich auf dem Wohnungsmarkt umgesehen hat, kann auch Hufs Beobachtung bestätigen, daß es allzuoft an Raum für Hauswirtschaft und Lagerung fehlt. Das gilt gerade im Geschoßwohnungsbau. In diesem Sinn bietet die Ausstellung auch Gelegenheit, den Blick für den guten Grundriß zu schulen. Ein wenig mehr pädagogische Anleitung für die Laien unter den Besuchern hätte dabei nicht geschadet. Das Lesen von Plänen fällt vielen schwer, einige praktische Hinweise, auf was bei einer Besichtigung zu achten ist, wären hilfreich gewesen. Der langfristige Nutzen solcher Fortbildung liegt auf der Hand: Wer sich für mehr Qualität im Wohnungsbau einsetzt, muß nicht bei den Architekten und Investoren ansetzen. Entscheidend ist das Qualitätsbewußtsein der Mieter und Käufer von Wohnungen.
Viel ist in Frankfurt getan worden, gerade im gehobenen oder noblen Geschoßwohnungsbau. Ein Desiderat bleibt, wie auch Michael Kummer, Leiter der Bauaufsicht, nicht müde wird zu betonen: In Frankfurt fehlt der Typus des modernen Stadthauses, also des gehobenen Reihenhauses für jeweils eine Partei in etablierter innenstadtnaher Lage. Die Neubebauung des Henninger-Areals in Sachsenhausen und des Campus Bockenheim wäre eine günstige Gelegenheit, diese Marktlücke zu schließen. Es ist zu hoffen, daß die Stadt die planungsrechtlichen Voraussetzungen dafür schafft. Vieles deutet leider darauf hin, daß die Ausnutzung - wie am Westhafen geschehen - auch in diesen Fällen so in die Höhe getrieben wird, daß nur Geschoßwohnungsbau möglich sein wird. Im langfristigen Interesse der Stadt ist das nicht. Denn das Stadthaus hat einen Vorteil, auf den gerade Frankfurt bedacht sein muß: die bindende Wirkung auf die Bewohner.
Matthias Alexander Jahrgang 1968, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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