14.01.2005 · Die Frankfurter Hochhausfamilie bekommt Zuwachs - einen Außenseiter im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Der kühne Entwurf sieht einen leicht verdrehten, 184 Meter hohen Doppelturm vor.
Von Matthias AlexanderDie Frankfurter Hochhausfamilie bekommt Zuwachs - einen Außenseiter im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag entschieden, den neuen Hauptsitz auf dem Areal der Großmarkthalle im Ostend nach den Plänen des Büros Coop Himmelb(l)au zu errichten.
Die Wiener Architekten, die vor knapp einem Jahr als Sieger aus dem Wettbewerb hervorgegangen waren, setzten sich auch in der Überarbeitungsphase gegen die zweit- und drittplazierten Büros ASP Schweger und 54f durch (siehe Seite 11). Der kühne Entwurf von Coop Himmelb(l)au sieht einen leicht verdrehten, 184 Meter hohen Doppelturm mit einem verbindenden Glasatrium vor. Ein solches Hochhaus gibt es in Frankfurt und anderswo noch nicht. Insofern ist es ein ästhetischer „Outsider“ in der Skyline, deren Türme die Grundformen Quadrat, Dreieck und Kreis variieren. Und es ist buchstäblich ein Außenseiter, weil es in einem bisher hochhausfreien Stadtteil entsteht.
Für Frankfurt ein Glücksfall
Für Frankfurt ist die Entscheidung des EZB-Rats ein Glücksfall. Schon weil endlich wieder ein Hochhaus gebaut wird. Vor allem aber, weil Fernsehsender aus der ganzen Welt das spektakuläre Gebäude immer dann ins Bild rücken werden, wenn sie über Entscheidungen der Zentralbank berichten. Bei den Fernsehzuschauern wird der Turm zum Symbol nicht nur der EZB, sondern auch von Frankfurt werden. Nur wenige Städte haben ein solches Wahrzeichen, das international auf Anhieb erkannt wird. Von 2009 an, wenn der Neubau spätestens fertiggestellt sein soll, wird jeder Stadtführer sein Foto auf dem Umschlag haben. Die Stadt hat dann die neue Touristenattraktion, die sie dringend braucht.
Entsprechend erfreut fielen die Kommentare der Kommunalpolitiker aus. CDU und SPD lobten, die EZB habe den besten Entwurf ausgewählt. Er werde zum Markenzeichen der Stadt werden. Auch Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) hieß die Entscheidung gut. Ihm sei ein großer Stein vom Herzen gefallen, sagte er. Der Stadtrat spielte damit auf die Irritationen zwischen Magistrat und EZB im Herbst an, als es zwischenzeitlich keineswegs sicher schien, daß der von der Stadt favorisierte Wettbewerbssieger Coop Himmelb(l)au tatsächlich zum Zuge kommen werde.
Gerüchte
Es gingen Gerüchte um, der zweitplazierte Entwurf des Büros ASP Schweger sei, nicht zuletzt aus Kostengründen, der Favorit der EZB. Und auch dem dritten Preisträger, dem Büro 54f aus Darmstadt, wurden Chancen eingeräumt. Angeblich war der Entwurf aus Wien zu teuer. Die Stadt intervenierte und wies darauf hin, daß der Schweger-Entwurf - ein monumentales Ensemble von rechtwinkligen Hochhäusern, die durch eine tischplattenförmige „Skybridge“ miteinander verbunden werden sollten - auf ihre Ablehnung stoßen werde. Der Entwurf von 54f, ein Ensemble von vier gläsernen Hochhäusern, galt als möglicher Kompromiß.
Bei genauerer Kalkulation haben sich die Kosten für die drei Entwürfe offenbar einander angenähert. Die Rede ist von rund 600 Millionen Euro. Hinzu kommt eine von der EZB geheimgehaltene Summe für Sicherheitsvorkehrungen. Die EZB hat angekündigt, nun mit der Stadt die städtebaulichen Details abzuklären. Der Planungsdezernent wird vor allem darauf zu achten haben, daß sich die EZB aus Sicherheitsgründen nicht zu sehr vom Ostend abschottet, jedenfalls nicht sichtbar.
Machtgeste
Der Hochhaus-Entwurf von Coop Himmelb(l)au sagt viel aus über das Selbstverständnis der noch jungen Institution EZB. Sein Bezugspunkt ist die Skyline. Die verglaste Halle zwischen den beiden geschlossenen Turmelementen gewährt von Osten her einen Durchblick auf die Heimat der Geschäftsbanken. Beide Linien - die Achse des Turms und die Skyline - schneiden sich im rechten Winkel. Das ist als Machtgeste zu verstehen. Daß die beiden Turmhälften leicht ineinander verdreht sind, gibt ihnen trotz der gewaltigen Baumasse etwas Tänzerisches, Fragiles. Dagegen, daß der Turm in der Überarbeitungsphase mit Zustimmung der Stadt von 150 auf mehr als 180 Meter aufgestockt werden durfte, ist nichts einzuwenden. 30 Meter mehr machen in diesen Sphären nicht viel aus. Und der Turm erhält dadurch erst das rechte Maß im Verhältnis von Höhe und Breite.
Der Doppelturm wird durch den sogenannten Groundscraper gleichsam geerdet. Dieses „liegende Hochhaus“ ahmt die Großmarkthalle in ihrer gewaltigen Kubatur nach. In der Überarbeitung wurde der Groundscraper nach Osten verschoben und um ein Geschoß reduziert. Dadurch ist wenigstens ein Teil der Großmarkthalle vom Main her sichtbar; deren etwas langweilige Verdopplung wird kaschiert. Die Befürchtung, Investoren würden nun nach Baurecht für weitere Hochhäuser im Osten rufen, sind voreilig. Der als Solitär angelegte Entwurf von Coop Himmelb(l)au duldet keine anderen Türme neben sich.
Das Modell für den neuen EZB-Hauptsitz wird im Rahmen der Ausstellung zur Geschichte der Großmarkthalle gezeigt werden, die das Historische Museum vom 19.Januar bis zum 20.März zeigt.
Matthias Alexander Jahrgang 1968, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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