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Arbeitsmarkt Kampf um Lehrstellen wird immer härter

01.03.2005 ·  "Jugendliche bekommen heute keine zweite Chance mehr, wenn sie Ausbildungsprogramme abbrechen. Für Bildungsunwillige wird kein Geld mehr ausgegeben", sagt Eva Peters von der Agentur für Arbeit in Frankfurt.

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"Jugendliche bekommen heute keine zweite Chance mehr, wenn sie Ausbildungsprogramme abbrechen. Für Bildungsunwillige wird kein Geld mehr ausgegeben", sagt Eva Peters von der Agentur für Arbeit in Frankfurt. Dort hat sie täglich mit jungen Erwachsenen zu tun, die eine Lehr- oder Arbeitsstelle suchen, doch viele ihrer Klienten sind auf dem Arbeitsmarkt schwer zu vermitteln.

Orhan zum Beispiel: Zuletzt hat der Sechsundzwanzigjährige als Saisonhilfe drei Monate lang in einer Autowerkstatt gearbeitet. Er war mit sich zufrieden, da er jeden Morgen aufs neue pünktlich und motiviert an seiner Rampe stand, um Winterreifen zu montieren. "Ich wollte etwas lernen, und mein Chef war zufrieden mit mir", erzählt er stolz. Doch nachdem alle Pneus für diesen Winter aufgezogen waren, gab es für Orhan nichts mehr zu tun. Nun hofft er darauf, eine weitere Chance von der Arbeitsagentur eingeräumt zu bekommen.

Orhans Lebenslauf ist typisch für viele Jugendliche, die aus sozial schwachen Familien stammen. Er wechselte häufig die Schule und brach immer wieder die Ausbildung ab. Von der Hauptschule wurde er auf eine Sonderschule versetzt, da er keine Hausaufgaben machte und den Unterricht störte. Immerhin: Er holte während des Berufsvorbereitungsjahres seinen Hauptschulabschluß nach, "ein erster Erfolg", wie Orhan selbst findet.

Das Arbeitsamt vermittelte ihm dann eine Lehrstelle als Fachkraft im Gastgewerbe. Diese Ausbildung wurde vom Arbeitsamt finanziert und von Sozialarbeitern betreut. Doch "mich hat gar nix gebockt, ich habe alles schleifen lassen", sagt Orhan. Zwei- bis dreimal im Monat habe er unentschuldigt gefehlt, weil ihm die Ausbildung keinen Spaß gemacht habe. Er wollte lieber in einer Werkstatt arbeiten. Zwei Wochen vor der Abschlußprüfung wurde ihm gekündigt. Sein Ausbilder war der Meinung, daß er ohnehin durchfallen würde. Seitdem jobbte Orhan in einer Eisdiele, im Lager oder bei Sicherheitsdiensten. "Arbeit zu finden ist kein Problem, aber sie durchzuziehen, schon."

Seit Dezember ist er arbeitslos und will jetzt eine Ausbildung machen, egal, welche. Orhan hofft, daß ihm die Arbeitsagentur eine Umschulung finanziert oder er doch noch seinen Abschluß im Gastgewerbe machen kann. Er sei ruhiger geworden und mache sich nun Gedanken über seine Zukunft. "Ich will endlich auf eigenen Füßen stehen."

Peters versucht den Jugendlichen immer wieder klarzumachen, daß sie nicht alle Zeit der Welt haben. "Wer sorglos mit der Berufswahl umgeht, katapultiert sich schnell ins Aus." Planloses "Rumjobben" verzeihe kaum ein Arbeitgeber, und so seien Jugendliche schnell lebenslang auf Gelegenheitsjobs abonniert. In den beiden letzten Schuljahren gehörten Freunde, Spaß und Party nicht an die erste Stelle der Prioritätenliste, sagt Peters. Sozialarbeiter Michael Klett von der Paul-Hindemith-Schule dagegen verteidigt die Jugendlichen. Denn für manche sei es zu früh, sich als Fünfzehnjährige für einen Beruf zu entscheiden. Einige seien zu unreif, um den Berufsalltag durchzustehen. Die Folge sei die hohe Quote von jungen Menschen, die ihre Ausbildung abbrechen würden.

"Ich war zu faul, hatte keine Lust aufzustehen, habe einfach nur ,rumgehangen'", bekennt Sercan, der seinen richtigen Namen nicht nennen will. Seine Eltern haben es aufgegeben, ihm Ratschläge zu geben - er mache ohnehin, was er wolle. So war es schon in seiner Schulzeit. Von der Hauptschule ist er geflogen, das Berufsvorbereitungsjahr hat er nicht beendet, und eine weitere Schulung der Arbeitsagentur brach er vor eineinhalb Jahren ab. Der Siebzehnjährige hat keine Pläne für die Zukunft. Eigentlich hat er auch keine Lust, wieder zur Schule zu gehen, um seinen Abschluß nachzumachen, doch dies sei besser, als gar nichts zu tun. "Die Chancen stehen 50 zu 50, ob ich das durchhalte", schätzt Sercan.

Auch Hanan El-Jassini ist ohne Hauptschulabschluß, ohne Ausbildung und ohne Arbeit. Früher schwänzte sie häufig die Schule, ging statt dessen lieber ins Kino, Klamotten einkaufen oder unternahm etwas mit Freunden, erzählt die Zwanzigjährige. Nach einem Schulpraktikum in einem Kosmetikstudio arbeitete sie dort nebenbei weiter. Der Job machte ihr Spaß. Ihre Chefin ermunterte sie dazu, die Schule abzubrechen, denn bei ihr könne sie auch ohne Abschluß arbeiten. Vier Jahre lang ging das gut, Hanan arbeitete elf Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche und bekam nur zwei Wochen Urlaub im Jahr. Sie hat die Hoffnung aufgegeben, eine anständiges Stellenangebot zu finden, ohne einen Abschluß zu haben. Deshalb will sie nun wieder zur Schule gehen. "Ich packe das", sagt sie selbstbewußt. Sie werde sich nicht ablenken lassen, denn ohne Abschluß bekomme man noch nicht einmal eine Aushilfsstelle. Inge Bayer-Taylor von der Ausbildungshilfe Fechenheim, die auch Hanan beim Schreiben der Bewerbungen unterstützt, hat durch ihre jahrelange Arbeit ein Gespür für die Jugendlichen entwickelt. "Hanan ist soweit, sie will den Abschluß und wird es schaffen."

Doch auch für Jugendliche mit Abgangszeugnis und ohne Lücken im Lebenslauf ist es schwer, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Und das, obwohl die Zahlen auf den ersten Blick recht gut aussehen: Mehr als 1000 freie Ausbildungsstellen in Frankfurt warten auf Interessenten. Bei der Agentur für Arbeit sind 2975 freie Ausbildungsstellen gemeldet, denen stehen 1903 Bewerber gegenüber, die die Agentur noch nicht vermittelt hat. Statistisch gesehen, hat jeder Jugendliche die Wahl zwischen eineinhalb Ausbildungsplätzen. Doch die Statistik hilft den Jugendlichen nicht weiter.

Die beiden Realschüler Ibtissam Handaoui und Hekuran Pelaj von der Paul-Hindemith-Schule im Gallusviertel wollen einen kaufmännischen Beruf erlernen. Aber nach 26 Absagen hat Ibtissam keine Hoffnung mehr. Niemand aus ihrer Klasse hat bisher einen Lehrvertrag unterzeichnet. Die Schülerin wollte schon von klein auf im Büro arbeiten und möchte sich deshalb für keine andere Ausbildung bewerben. "Ich weiß nicht, was mir das bringt, wenn ich mich als Arzthelferin bewerbe und mir das nicht gefällt." Nach einem Praktikum in der Apotheke sagte ihr zwar auch die Arbeit als pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte zu, doch der Apotheker riet ihr von diesem Beruf ab. Die Wahrscheinlichkeit, nach Ausbildungsende übernommen zu werden, sei sehr gering. Auch Hekuran macht sich keine Illusionen und überlegt schon, welche weiterführende Schule er besuchen möchte, wenn er keinen Ausbildungsplatz bekommt.

Bei den Sozialarbeitern Kai Lotz und Michael Klett lernen die Schüler der Paul-Hindemith-Schule, wie sie Bewerbungen richtig schreiben. "Ibtissam und Hekuran sind sehr engagiert", bescheinigt Lotz den Schülern. Trotzdem gingen die beiden bisher auf dem Lehrstellenmarkt leer aus. Klett erzählt, daß von 30 Schülern in einer Klasse zehn Jugendliche motiviert seien, zehn brauchten ihren Ansporn und ihre Hilfe bei der Berufswahl und zehn weitere seien am Bewerbungstraining überhaupt nicht interessiert, weil es "doch sowieso nichts bringe". Lotz und Klett haben die schwierige Aufgabe, die Schüler auch nach Absagen immer wieder zu ermutigen. Sie müßten ihnen klarmachen, daß es schwer ist, heute mit Realschulabschluß noch eine kaufmännische Lehrstelle zu bekommen. "Selbst für eine Ausbildung zum Facharbeiter für Lagerwirtschaft suchen die Firmen Schüler mit Fachabitur", stellt Klett kopfschüttelnd fest.

Auch die Realschülerin Karima mußte diese Erfahrung machen. Mehr als ein Jahr suchte sie nach ihrer Wunschausbildungsstelle als Bürokauffrau. Zwischen Papierstapeln mit Adressen saß sie am Computer und schrieb unzählige Bewerbungen. "Ich fühlte mich beschissen", gibt Karima zu. Sie war so verzweifelt, daß sie sich nicht mal mehr eine Pause gönnte, um sich mit Freunden zu treffen. Selbst ihre Eltern setzten sie unter Druck, sie solle doch endlich etwas tun. Sie war froh, daß ihr Andrea Schuster und Jürgen Schiebelhuth vom Jugendladen Rödelheim immer wieder Mut machten und sie motivierten. "Wenn die nicht dagewesen wären, hätte ich jetzt keine Lehrstelle", sagt Karima. Seit Herbst macht sie nun eine Ausbildung im Einzelhandel. Zum Schluß mußte sie sich eingestehen, daß sie in ihrem Traumberuf als Bürokauffrau keine Chance hatte. Diese Flexibilität wünscht sich Eva Peters von der Agentur für Arbeit. Es gebe immer wieder Jugendliche, die stur auf ihren Wunschberufen beharrten.

Schon heute gibt es ohnehin eine Gruppe, die durchs Raster fällt. Männliche Jugendliche, deren Eltern Einwanderer sind und die in der zweiten Generation in Deutschland leben, haben kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Diese jungen Erwachsenen benötigten zuviel Betreuung, da sie oft die deutsche Sprache nur ungenügend beherrschten. Sie erhielten von der Arbeitsagentur ein Schulungsangebot, doch viele fühlten sich dann zurückgesetzt oder zeigten kein Interesse. Aber nicht nur schlechte Leistungen und fehlende Motivationen seien der Grund, daß viele Jugendliche keinen Ausbildungsplatz fänden. "Der Verdrängungswettbewerb ist massiv", so Peters. Im Friseurhandwerk stelle man heute oft nur noch Realschüler oder Abiturienten als Lehrlinge ein.

So oder so: Orhan hofft, auch mit seinem Hauptschulabschluß eine Lehrstelle zu bekommen. "Hätte ich doch eine Ausbildung gemacht, dann könnte ich morgens sorgenfrei aufstehen."

ELLEN POSCHEN

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