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Apfelwein Missionar unter Apfelblüten

20.04.2007 ·  Jedes Jahr geht Günter Possmann, Seniorchef des Frankfurter Apfelwein-Unternehmens, mit Kunden und Obstbauern auf Apfelblütenwanderung. Er will seine Gäste zur Pflege der Streuobstwiesen bekehren.

Von Hans Riebsamen
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Es soll Leute geben, die den Speierling für einen Apfelbaum halten. Welch ein Irrtum. „Das sieht doch“, würden alte Frankfurter Schobbeschlucker sagen, „en Blenne mir’m Stecke“ – nämlich dass der Speierling zur Familie der Ebereschen gehört, seine stark säurehaltigen Früchte dagegen in den Ebbelwei. Genauer gesagt: In den Markenapfelwein „Frau Rauscher“ des Frankfurter Traditionsunternehmens Possmann.

Das muss Günter Possmann, der Seniorchef, seinen Gästen auf der Apfelblütenwanderung durch die Streuobstwiesen der Gemarkung Mammolshain natürlich nicht erzählen. Die sind nämlich fast alle Ebbelwei-Kenner: Torsten Dornberger zum Beispiel, der in seinem Frankfurter Lokal „Zur schönen Müllerin“ am Baumweg in großem Stil Bembel und Gerippte füllt.

Speierling konserviert dank seiner Bitterstoffe

Oder Marianne Boß, den Zechern auf Volksfesten oder den Stadionbesuchern besser als „Fraa Rauscher“ bekannt, auch wenn ihr die Beul am Kopp fehlt. Oder Heiko Fischer, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Kronberg. Der weiß alles, aber auch wirklich alles über den Speierling. Ganz abgesehen davon, dass er schon eine ganze Armee dieser Bäume gepflanzt hat, wahrscheinlich mehr als jeder andere in Deutschland.

Jener Speierling-Baum, zu dem Fischer die fidelen Wandersmänner und -frauen um Possmann in das „Süße Gründchen“ am Südhang des Taunus bei Mammolshain geführt hat, könnte bei jedem Schönheitswettbewerb einen Preis gewinnen – ein Prachtexemplar mit ausladenden Ästen und hoher Krone. Dürfte so 90 Jahre alt sein, schätzt Fischer. Kein Wunder, dass Seniorchef Possmann bei seinem Anblick strahlt wie ein Roter Boskoop. Aber warum gehört der Speierling in den Apfelwein, wenn seine Früchte doch keine Äpfel sind? Damit das Stöffche nicht zu schnell trüb wird und umkippt, wie Possmann die wenigen Unwissenden aus der Wandertruppe aufklärt. Früher, als es noch keine Kühlanlagen gab, konnten die Apfelweinkelterer dank des Speierlings und seiner vielen Bitterstoffe den Apfelwein länger konservieren.

Heute geht’s dank moderner Kühltechnik auch ohne Speierling – aber nicht ohne Äpfel. Doch nicht aus jedem Apfel kann, wie es im Possmann-Werbespruch heißt, das Beste entstehen, was ein Apfel werden kann. Apfelwein nämlich. Nur bestimmte Sorten eignen sich fürs Keltern, Sorten mit seltsam klingenden Namen wie „Schafsnase“, „Bittenfelder“, „Rheinischer Bohnapfel“. Im Supermarkt kann man solche Äpfel nicht kaufen, dort werden nur hochgezüchtete Tafeläpfel angeboten. Die schmecken zwar süß, sagt Possmann, aber sie sind „zu schwach auf der Brust“, um eine Apfelwein-Karriere machen zu können. Pomologisch ausgedrückt: Ihnen fehlen wichtige Inhaltsstoffe. Als Pomologie wird die Apfelkunde bezeichnet, weshalb sich Männer wie Fischer oder Possmann Pomologen nennen, Jünger der römischen Göttin Pomona, die südlich der Alpen die Gartenfrüchte wachsen ließ.

Polyphenole im Apfelwein

Von Polyphenolen hat Pomona damals vermutlich noch nichts gewusst. Das sind jene Bitterstoffe, die Herz- und Kreislaufkrankheiten verhindern. Die Franzosen, so zitiert Possmann unter einem blühenden Apfelbaum eine Studie, würden deshalb im Durchschnitt älter als die Angehörigen der meisten anderen Völker, weil sie so viel Rotwein tränken. Und im Rotwein fänden sich eben besonders viele Polyphenole. Doch auch der Apfelwein könne mit diesem Wunderstoff aufwarten, vor allem, wenn er Saft vom rheinischen Bohnapfel enthalte. Vielleicht liegt es also am Ebbelwei, dass mancher Frankfurter Schobbepetzer so alt aussieht.

In den Streuobstwiesen bei Mammolshain und Kronberg sind sie noch zu finden, jene Apfelsorten, aus denen ein Qualitäts-Stöffchen gekeltert wird: der Gewürzluiken etwa, der Grüne Fürstenapfel oder Ditzels Rosen. Doch was ist überhaupt eine Streuobstwiese? Die Kurzformel lautet: unten Wiese, oben Baum. Unten haben die Bauern früher Streu fürs Vieh geerntet und oben Obst, Äpfel oder Birnen.

Das war eine Art Rückversicherung: Fiel unten die Ernte schlecht aus, gab’s immer noch oben eine Chance. Und umgekehrt. Heute kann kein Bauer mehr von Streuobstwiesen leben. Weshalb viele die Bäume nicht mehr schneiden, sie manchmal sogar herausreißen. Oder nach der Methode Vordertaunus einfach alles so wachsen lassen, bis die Wiese endlich als Bauland ausgewiesen ist.

Possmann-Äpfel von Streuobstwiesen

Doch nicht so in Mammolshain und Kronberg. Dort sorgen Philipp Steyer und Heiko Fischer, die Vorsitzenden der örtlichen Gartenbauvereine, dafür, dass die Streuobstwiesen tipptopp in Ordnung sind. Deshalb hätte Possmann seine traditionelle Apfelblütenwanderung eigentlich anderswo abhalten sollen. Denn diese Wanderungen dienen nicht zuletzt der Aufklärung der Bauern und Obstbaumbesitzer. Ihnen erläutert der Apfelwein-Missionar beim Spazieren durch die örtlichen Streuobstwiesen, wie ökologisch wichtig diese Form der Bewirtschaftung ist und wie ökonomisch vorteilhaft – wenn man die Äpfel an Possmann verkauft.

78 Prozent der Possmann-Äpfel sind im vergangenen Jahr aus Streuobstwiesen gekommen. Aus dem Odenwald vor allem und der Wetterau. Im Gegensatz zu den Plantagen-Bäumen dürfen die Streuobstbäume wachsen, wie sie wollen: Sie werden nicht gedüngt und nicht gegen Schädlinge oder Pilze gespritzt. Das Ergebnis sind naturreine Äpfel – äußerlich nicht so ebenmäßig wie Tafelobst, oft etwas schrumplig, manchmal mit Schorf, hin und wieder mit Wurm, dafür aber ohne Gift. Äpfel eben, wie sie am Taunushang bei Mammolshain und Kronberg wachsen.

Die idealen Äpfel für Possmann. Nur – die Mammolshainer und Kronberger geben ihre Ernte nicht an das Frankfurter Unternehmen ab. Behalten vielmehr ihre Äpfel für sich selbst und machen ihren eigenen Apfelwein. Manche sogar welchen mit Speierling.

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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