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Anthropologe Friedemann Schrenk Das Kabinett des Professor Seltsam

11.03.2010 ·  Fünf Jahre nach Auflösung des Frankfurter Instituts für Anthropologie sind Teile der Sammlung wieder für die Wissenschaft nutzbar. Doch werden die Universität und der Paläoanthropologe Friedemann Schrenk bis heute mit den Nachwirkungen der Protsch von Zieten-Affäre konfrontiert.

Von Sascha Zoske
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Friedemann Schrenk verzieht immer noch gequält das Gesicht, wenn der Name Reiner Protsch von Zieten fällt. Eigentlich will Schrenk, Professor für Paläoanthropologie an der Goethe-Universität, gar nicht mehr über die Verfehlungen des ehemaligen Kollegen reden. Nur so viel: „Diese Sache hat uns sehr geschadet.“ Mit „uns“ meint Schrenk die Wissenschaft und die Universität, deren Institut für Anthropologie Protsch lange leitete - bis er 2005 als Fälscher überführt wurde.

Wie eine Kommission der Hochschule feststellte, hatte der Mann mit dem zweifelhaften Adelstitel Datierungen von Knochenfunden manipuliert, aus den Publikationen anderer Forscher abgeschrieben und Inventar der Universität als sein eigenes auszugeben versucht. Auf die akademische Demontage Protschs folgte vier Jahre später das juristische Nachspiel: Das Frankfurter Landgericht verurteilte ihn unter anderem wegen Unterschlagung und Urkundenfälschung zu 18 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Der seltsame Professor war zu diesem Zeitpunkt schon im Ruhestand, sein Institut offiziell aufgelöst.

Nachwirkungen der Affäre

Dennoch werden die Universität und auch Schrenk bis heute mit den Nachwirkungen der Affäre konfrontiert. Einige von Protschs Mitarbeitern wurden auf andere Institute verteilt, Schrenk übernahm Diplomanden und Doktoranden. Und dann waren da noch die Bestände der aufgelösten Arbeitsgruppe: Knochen noch existierender Affenarten und Abgüsse von Fundstücken. Jetzt endlich sollen diese Hinterlassenschaften sinnvoll genutzt werden, was für Schrenk das einzig Erfreuliche an der leidigen Protsch-Geschichte ist.

Im kühlen Keller des Universitätsarchivs steht ein Regal mit durchsichtigen Plastikschachteln, die Schädel von Pavianen und anderen Primaten enthalten. So imposant sie mit ihren furchterregenden Eckzähnen auch aussehen, besonders wertvoll sind sie nach Schrenks Worten nicht. Die wahren Schätze ruhen, sorgfältig in Luftpolsterfolie eingewickelt, in einem Dutzend weißer Umzugskartons: Es sind die Schädel von 280 Schimpansen der Unterart Pan troglodytes verus. Sie stammen aus Liberia, wo die Tiere irgendwann in den sechziger Jahren vermutlich von Einheimischen getötet wurden. 120 weitere Schädel derselben Population lagern schon in Panzerschränken des benachbarten Senckenberg-Instituts, wo Schrenk Sektionsleiter ist. Einst gehörten sie der Universität Gießen.

Verwandtschaftsverhältnisse per DNA-Analyse klären

Bald werden die Gebeine der liberianischen Affengroßfamilie wiedervereinigt: Wie der Leiter des Frankfurter Universitätsarchivs, Michael Maaser, mitteilt, stellt die Hochschule dem Senckenberg-Institut die Schädel als Leihgabe zur Verfügung. Schrenk freut sich darüber sehr, denn diese Knochenkollektion ist etwas Besonderes. Die Schimpansen lebten in einem Gebiet, das von drei Flüssen begrenzt wurde, wodurch die Affen von ihren Artgenossen isoliert waren. „An den Schädeln können wir studieren, wie groß die Vielfalt innerhalb einer Population sein kann“, erklärt der Professor. DNA-Analysen könnten die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Schimpansensippe offenbaren.

Aber auch die Lebensgeschichten einzelner Tiere lassen sich anhand von Knochen und Zähnen rekonstruieren - ein Forschungszweig, der nach Schrenks Worten derzeit kräftig wächst. Entsprechend groß sei das Interesse an der Frankfurter Sammlung: „Wir werden seit Jahren mit Briefen von Kollegen bombardiert, die damit arbeiten wollen.“ Erst einmal kommen die Schädel aber ins Uniklinikum, wo sie mit dem Computertomographen gescannt werden. Denn wo immer es geht, arbeiten Anthropologen heute mit virtuellen Modellen, was die empfindlichen Originale schont.

Gesucht: „Dame von Kelsterbach“

An der Herkunft der Schimpansenköpfe gibt es laut Schrenk keinen Zweifel. Auch Protsch wusste offenbar um ihren Wert: Nach den Feststellungen des Gerichts hatte er versucht, sie zu verkaufen, was als Verstoß gegen Artenschutzbestimmungen gewertet wurde.

Ungeklärt blieb in der Verhandlung das Schicksal eines Fossils, das - sollte es echt sein - für die Wissenschaft noch viel faszinierender wäre als die liberianischen Affenknochen. Es geht um den Schädel der „Dame von Kelsterbach“, der 1952 an einer Kiesgrube nahe der Mainstadt entdeckt und im Frankfurter Institut aufbewahrt wurde. Angeblich ist er 32.000 Jahre alt und - würde das stimmen - wäre eines der ältesten bekannten Relikte des Cro-Magnon-Menschen, also des europäischen Homo sapiens. Der Wert dieser Datierung ist allerdings, milde ausgedrückt, fraglich, wurde sie doch seinerzeit in Protschs Labor vorgenommen. Und seit der Auflösung des Instituts fehlt von der „Dame“ jede Spur.

„Alles Erdenkliche unternommen, um den Schädel zu finden“

Immer mal wieder wird darüber spekuliert, was mit dem Schädel geschehen sein könnte. Protsch selbst und einige seiner früheren Mitarbeiter gerieten wechselweise unter Verdacht, sich das angeblich so kostbare Stück angeeignet zu haben. Doch keinem konnte etwas bewiesen werden. Es gibt Forscher wie den Frankfurter Geologen Arno Semmel, die glauben, dass das Alter des Knochens seinerzeit korrekt ermittelt wurde. Auch Schrenk will das nicht ausschließen, hält es aber für müßig, darüber zu sinnieren, solange das Fossil verschwunden sei. Dessen Erwähnung ruft bei ihm denn auch inzwischen ähnlichen Verdruss hervor wie die Erinnerung an den verurteilten Institutschef. Auch für die Universität ist die Sache erst einmal abgeschlossen, wie ihr Sprecher Olaf Kaltenborn deutlich macht: „Wir haben alles Erdenkliche unternommen, um den Schädel zu finden.“

Sollte er doch noch irgendwo auftauchen, dürfte sich nach Schrenks Worten schnell klären lassen, wie alt die mysteriöse „Dame“ wirklich ist: „Es würde vielleicht zwei Wochen dauern, sie neu zu datieren.“

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