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Alzheimer Wenn der Geist schwindet

18.10.2006 ·  Im Altenzentrum Santa Teresa leben auch demenzkranke Menschen. Ihre Betreuung soll mit Hilfe der diesjährigen Spendenaktion der F.A.Z. verbessert werden.

Von Stefan Toepfer
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Im Altenzentrum Santa Teresa leben auch demenzkranke Menschen. Ihre Betreuung soll mit Hilfe der diesjährigen Spendenaktion der F.A.Z. verbessert werden - zum Beispiel soll ein Garten angelegt werden, in dem sich die Heimbewohner orientieren können. Ihre Erkrankung bringt es unter anderem mit sich, daß sie das nicht mehr ohne weiteres können. Dafür und für andere Symptome wie dem Verlust von Urteilskraft oder Gedächtnis ist der Tod von Hirnzellen verantwortlich.

Jeder weiß, was eine Armbanduhr ist. Oder ein Bleistift. Jeder? Ein Demenzkranker weiß es unter Umständen nicht. Auch nicht, daß 100 minus sieben 93 ergibt. Oder er versteht die simple Bitte, die Augen zu schließen, nicht mehr. Aufgaben wie diese gehören zu einem weitverbreiteten Test, mit dem man die Schwere einer Demenzerkrankung feststellt. Die Psychiaterin und Psychotherapeutin Barbara Bornheimer, die viele Demenzkranke kennt, hat einen ganzen Block mit Vordrucken des „Mini-Mental Status Test“ in ihrer Tasche. Sie braucht ihn, um die Menschen richtig einschätzen und behandeln zu können.

„Man muß den Test sehr einfühlsam machen“, sagt Bornheimer, die in der Klinik „Bamberger Hof“ in Frankfurt arbeitet und Demenzkranke in vier Frankfurter Altenheimen und mehreren Privathaushalten besucht. Auch Bewohner des Altenzentrums Santa Teresa, für das diese Zeitung ihre Leser um Spenden bittet, gehören zu ihren Patienten. Mit dem Geld soll die Betreuung Demenzkranker in dem Heim verbessert werden. Der „Bamberger Hof“ ist eine Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, zu der eine Tagesklinik und eine Institutsambulanz gehören.

„Verlust an Interesse, an Motivation“

Einfühlsamkeit ist gefragt, weil die Menschen mitbekommen, daß sie Aufgaben nicht mehr erledigen können. Von einer Demenzerkrankung spricht Bornheimer, wenn von den möglichen 30 Punkten weniger als 25 erreicht werden. Schwer krank sind Menschen, die unter zwölf Punkten bleiben. Ihr Geist schwindet - genau das bedeutet das aus dem Lateinischen stammende Wort „de-ment“. In Deutschland gibt es schon heute etwa 1,2 Millionen Demenzkranke. Diese Zahl wird steigen, denn die Menschen werden immer älter, und die Demenz ist vor allem eine Alterskrankheit. Aus Modellrechnungen geht hervor, daß es im Jahr 2050 rund zwei Millionen Erkrankte geben wird.

Das Wort „Demenz“ ist ein Oberbegriff für mehrere Krankheitsformen. Unter ihnen ist die Alzheimer-Krankheit am weitesten verbreitet - „zu rund 60 Prozent“, wie Bornheimer sagt. Hinzu kommen andere Formen wie die Demenz, die wegen Durchblutungsstörungen im Hirn entsteht, oder jene, die Parkinsonkranke bekommen können. Für die Alzheimer-Demenz ist der Tod von Gehirnzellen verantwortlich. Entweder werden sie in ihrem Inneren geschädigt, so daß sie nach und nach absterben, oder außerhalb der Zellen lagern sich Stoffe ab, die die Verbindung zwischen ihnen stören. „Es gibt keinen Informationsaustausch mehr, die Zellen verkümmern“, erläutert die Ärztin. Die Abläufe der Erkrankung seien inzwischen bekannt, aber ihre Ursachen könnten noch nicht behandelt werden. „Hier gibt es noch Forschungsbedarf.“

Am Anfang einer Demenzerkrankung steht oft eine Gedächtnisstörung. „Es kann aber auch ein Verlust an Interesse, an Motivation sein“, sagt Bornheimer. Das Verhalten ändert sich ebenfalls. Bornheimer kennt ausgeglichene Patienten, aber auch solche, die mißtrauisch, unruhig und aggressiv werden können. „Manche fühlen sich bedroht, haben Halluzinationen, jemand nehme ihnen etwas weg.“ Angehörige, die Demenzkranke zu Hause pflegen, oder Pflegekräfte in Heimen werden vor große Herausforderungen gestellt.

Psychobiographische Arbeit mit den Bewohnern

Das besondere Pflegekonzept, das im Altenzentrum Santa Teresa eingeführt worden ist und ausgebaut werden soll, empfindet auch Bornheimer als hilfreich. Im Zentrum dieses nach seinem Urheber Erwin Böhm benannten Konzepts steht die sogenannte psychobiographische Arbeit mit den Bewohnern, also ein möglichst gutes Verständnis dafür, was sie in ihrem Leben geprägt hat. „Auch mir helfen Kenntnisse wie diese sehr viel, denn ich kann den Patienten besser verstehen“, sagt Bornheimer. Immer wieder stellt sie fest, daß die Kranken - wie ihre gesunden Altersgenossen auch - die Erfahrungen von Krieg und Vertreibung stark beschäftigen.

Eine solche Psychobiographie zu erstellen ist aufwendig. „Das kann manchmal ein halbes Jahr dauern“, so Bornheimer. Viele Gespräche müssen geführt werden, gerade auch mit Angehörigen oder Bekannten. Die Erkrankten selbst können sich nur bedingt äußern. Gelingt es aber, mit dem Wissen darüber, was einem Bewohner wichtig war, gut auf ihn einzugehen, hilft ihm das dabei, selbständiger zu sein. In der Folge kann aggressives oder unruhiges Verhalten eingedämmt werden. „Wichtig ist die Frage, welche Ressourcen der Demenzkranke noch hat, wie er gefördert werden kann“, so Bornheimer.

Dem Ziel, die Bewohner von Santa Teresa zu aktivieren, dient auch die Spendenaktion dieser Zeitung. Mit dem Geld sollen Aufenthaltsräume mit Möbeln ausgestattet werden, an die sich die Demenzkranken aus ihrer Jugendzeit noch erinnern können. Sie merken sich am besten weit zurückliegende Dinge - bis etwa zu ihrem 25. Lebensjahr. Außerdem soll ein Garten angelegt werden, in dem sich die Bewohner trotz ihrer Erkrankung orientieren können und der ihnen das Gefühl gibt, etwas geschafft zu haben, wenn sie in ihm unterwegs waren.

„Es ist entscheidend, aktiv zu bleiben“

Eine gute Pflege ist das eine. Hinzu kommt eine medizinische „Basistherapie“ für Menschen mit Alzheimer-Demenz. Es gibt Arzneimittel, die den Abbau einer Gruppe von Botenstoffen im Gehirn verlangsamen - Stoffe, die für den Austausch von Informationen zwischen den Hirnzellen verantwortlich sind. Auf Dauer können die „Antidementiva“ aber nicht verhindern, daß der Gesundheitszustand der Patienten sich verschlechtert. Dennoch sollte Bornheimer zufolge jeder Demenzkranke eine solche Therapie bekommen. Sollte - denn das ist ihrer Erfahrung nach nicht immer der Fall, weil die Medikamente teuer und die Budgets der niedergelassenen Ärzte beschränkt sind. Die Institutsambulanz der Fachklinik, in der sie arbeitet, unterliegt dieser Budgetbeschränkung nicht, weswegen es ihr leichter fällt, die nötigen Arzneien zu verschreiben.

Hinzu können Mittel kommen, mit denen Begleiterscheinungen der Demenzerkrankung wie aggressives Auftreten, Depressionen oder wahnhafte Vorstellungen in den Griff zu bekommen sind. „Im ersten Schritt sollte dem aber unbedingt durch pflegerische Maßnahmen und erst dann mit Hilfe von Medikamenten begegnet werden“, hebt Bornheimer hervor.

Wichtig ist ihr auch, Menschen zur Vorbeugung einer Alzheimer-Demenz zu ermutigen. „Es ist entscheidend, in allen Lebensbereichen aktiv zu bleiben.“ Auch jenseits der 65 Jahre müsse man bereit sein, Neues zu lernen und dabei den ganzen Körper einzubeziehen - „zum Beispiel Tango oder einen anderen Tanz zu lernen, in Vereine zu gehen, Mal- oder Kochkurse zu besuchen“. Menschen müßten im Alter offenbleiben für neue Eindrücke. „Es gibt Hoffnung, der Krankheit vorbeugen zu können“, sagt die Ärztin. „Eine Garantie aber gibt es nicht.“

F.A.Z.-Leser helfen

Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung“ bitten um Spenden, die dem Frankfurter Caritasverband und dem Sigmund-Freud-Institut, zusammen mit dem Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie in Hessen, zugute kommen.

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:

Nummer 11 57 11

bei der Frankfurter Volksbank

(BLZ 501 900 00)

Nummer 97 80 00

bei der Frankfurter Sparkasse

(BLZ 500 502 01)

Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten.

Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Allen Spendern wird, sofern die vollständige Adresse angegeben ist, eine Spendenquittung zugeschickt.

Die Bilder zeigen eine aus Daten mehrerer Patienten zusammengesetzte typische Verteilung von Schäden bei leichter Alzheimer-Demenz (rote Flächen). Die Zahlen stehen für einzelne Fähigkeiten. Der Zelltod in den Regionen 4 und 5 beeinträchtigt das Gedächtnis, der in 1 und 3 die Urteilskraft.

Quelle: F.A.Z., 19.10.2006
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Jahrgang 1965, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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