Home
http://www.faz.net/-gzh-t0m4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Altstadt „Kulissenhafte Rekonstruktion möglich“

26.09.2006 ·  Eine Untersuchung zur Frankfurter Altstadt zeigt: Ein originalgetreuer Aufbau wäre für kein Haus machbar. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Häuser der Altstadt ließen sich nach Expertenansicht meist nur „kulissenhaft“, nicht aber originalgetreu rekonstruieren.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)

Die rund 50 Häuser, die bis zu ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg auf dem Frankfurter Altstadtareal zwischen Dom und Römer gestanden haben, ließen sich zumindest „kulissenhaft“ rekonstruieren. Das hat der Architekt Dietrich Wilhelm Dreysse gestern im Sonderausschuß Dom-Römer ausgeführt. Er war vom Planungdezernat damit beauftragt worden, die historische Überlieferung zur Altstadt zu sichten. Mangels hinreichender Unterlagen lasse sich jedoch kein einziges Haus originalgetreu rekonstruieren, auch nicht die vergleichsweise gut dokumentierte Goldene Waage.

Für knapp die Hälfte der Häuser wäre laut Dreysse eine „annähernde Rekonstruktion“ auch im Innern möglich, weil es genügend Fotografien und Planunterlagen wie Grundrisse und Schnitte gebe. Für die übrigen Häuser, von denen im wesentlichen nur Fotografien der Fassaden überliefert sind, bliebe dagegen nur die Möglichkeit einer „kulissenhaften“ Rekonstruktion. Grundrisse und innere Gestaltung wären in diesen Fällen frei zu wählen.

Fraktionen enthalten sich der Wertung

Dreysse hob hervor, daß die Voraussetzungen für eine Rekonstruktion vor allem für das Areal zwischen der Braubachstraße und der - längst unter dem Technischen Rathaus verschwundenen - Gasse Hinter dem Lämmchen günstig seien. Von etlichen Häusern über dem heutigen Archäologischen Garten sei ebenfalls genügend Material überliefert. Dagegen ist zu den Objekten im Block zwischen Markt (bekannt als Krönungsweg) und Hinter dem Lämmchen nur sehr wenig in Erfahrung zu bringen. Das gilt auch für die Bebauung östlich des Hühnermarkts. Etwas besser stellt sich die Lage für das Haus Rebstock und einige angrenzende Gebäude dar.

Zu den „annähernd“ zu rekonstuierenden Gebäuden zählen mit der Goldenen Waage, dem Roten Haus, dem Haus Goldenes Lämmchen und dem Haus Esslinger vier herausragende Bauwerke. Dreysse hob das Rote Haus aufgrund seiner städtebaulichen „Scharnierfunktion“ hervor. Es stand an der südwestlichen Ecke von Markt und Hühnermarkt und ließ gleichzeitig einen Durchgang zum Tuchgaden frei. Auch funktionell und statisch sei es auf seine Nachbarbauten angewiesen. Zumindest für das Haus, das sich östlich anschließt, ist die Überlieferung ebenfalls befriedigend. Dagegen gibt es zu drei Nachbarbauten der Goldenen Waage nur sehr spärliche Erkenntnisse.

Die Vertreter der Fraktionen enthielten sich in der Ausschußsitzung weitgehend einer Wertung der Untersuchungsergebnisse. Sie wollen zunächst den Verlauf der Planungswerkstatt abwarten, bei der am 6. und 7. Oktober mehr als 60 Bürger und Vertreter von Interessengruppen Vorschläge zur künftigen Nutzung und Gestaltung des Areals debattieren werden.

Nur wenige originale Bauteile erhalten

Dreysse legte außerdem die komplizierte Quellenlage zu jenem Teil der Altstadt dar, der nach dem geplanten Abriß des Technischen Rathauses neu zu bebauen wäre. Fotografen hätten mit wenigen Ausnahmen nur Außenaufnahmen gemacht. Diese seien in ihrer Aussagekraft sehr unterschiedlich. Von Häusern, die in den engen Gassen gestanden hätten, gebe es nur perspektivisch verzerrte Aufnahmen. Besser dokumentiert seien die Fassaden an Plätzen, weil die Fotografen hier Frontalaufnahmen hätten machen können. Auch die Beleuchtungssituation schwanke stark, so daß Fassadendetails in sehr unterschiedlicher Qualität zu erkennen seien. Nur von der Goldenen Waage gebe es eine Reihe von Innenaufnahmen, weil sie zuletzt als Bestandteil des Historischen Museums öffentlich zugänglich gewesen sei.

Nach den Erkenntnissen Dreysses und seiner Mitarbeiter sind nur wenige originale Bauteile - sogenannte Spolien - erhalten. An erster Stelle sei das Sockelgeschoß der Goldenen Waage, das in ein Privathaus in Götzenhain integriert wurde, zu nennen. Im Lager des Historischen Museums lagere weniger, als mitunter kolportiert worden sei. Über jene Reste, die nach dem Krieg im Stadtwald gelagert wurden, gebe es keine Erkenntnisse. Es sei jedoch davon auszugehen, daß der empfindliche Sandstein zu stark verwittert sei, um noch verwendet werden zu können.

Die Skizzen, die die Gebrüder Treuner für ihr Altstadtmodell angefertigt haben, gäben zwar wertvolle Hinweise. Sie seien jedoch nicht in allen Details belastbar. Einen sehr niedrigen dokumentarischen Wert sprach Dreysse Zeichnungen von Studenten der Ingenieurschule zu, die kurz vor der absehbaren Zerstörung der Altstadt angefertigt wurden. Anhand von Vergleichen mit Fotografien zeigte Dreysse, daß diese Zeichnungen mitunter äußerst stark von der Realität abweichen. Höherwertig seien da die Zeichnungen des Architekten Carl Knabenschuh.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr